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Aktuell Katastrophe

Bahnunglück bei Riedlingen: So lief der Tag danach

In den Abendstunden des Sonntags entgleiste bei Riedlingen-Zell ein Zug, drei Menschen kamen ums Leben. Am Montag laufen die Aufräumarbeiten weiter, nicht nur Ministerpräsident Winfried Kretschmann war vor Ort.

Die Waggons des Zugs der Linie RE 55 scheinen unentwirrbar verknäult.
Die Waggons des Zugs der Linie RE 55 scheinen unentwirrbar verknäult. Foto: Steffen Wurster
Die Waggons des Zugs der Linie RE 55 scheinen unentwirrbar verknäult.
Foto: Steffen Wurster

RIEDLINGEN-ZELL. Im Dorf Zell herrscht Ausnahmezustand. Die Durchgangsstraße ist gesperrt, darauf wird bereits am Abzweig an der B 312 zwischen Zwiefalten und Riedlingen hingewiesen. Die Zahl der Menschen in der 128-Einwohner-Gemeinde (Stand 2016) hat sich am Montag verdoppelt, dafür sorgten schon die kopfstark angerückten Bundespolizisten, die für den Bahnverkehr zuständig sind, und die nicht minder stark vertretenen Pressevertreter. Dazu kamen zahlreiche, meist ehrenamtliche Einsatzkräfte, die bei der Aufarbeitung des Zugunglücks vom Sonntagabend mithalfen.

Am Vorabend war bei Riedlingen-Zell (Landkreis Biberach) gegen 18.10 Uhr ein Zug der Linie RE 55 entgleist, laut Polizei waren der 32 Jahre alte Lokführer, ein 36-jähriger Auszubildender und eine 70 Jahre alte Mitreisende bei dem Unglück gestorben. 41 Menschen wurden demnach verletzt, einige davon schwer. Im Zug könnten sich etwa 100 Reisende befunden haben, die genaue Zahl stand am Montagvormittag noch nicht fest. Der Zug war auf der Strecke von Sigmaringen in Richtung Ulm unterwegs. Mehrere Waggons waren entgleist, mindestens einer davon war umgestürzt. Auch eine Achse des Zuges lag einige Meter entfernt am Rand des Gleisbetts. Bäume sind umgestürzt.

Der Murenabgang ist gut zu erkennen.
Der Murenabgang ist gut zu erkennen. Foto: Steffen Wurster
Der Murenabgang ist gut zu erkennen.
Foto: Steffen Wurster

Am Montagvormittag kamen Bahnchef Richard Lutz und mehrere Politiker, darunter Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann und Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder zur Unglücksstelle. »Die Bilder und Berichte, die wir alle gestern gesehen haben, und vor allem die Eindrücke, die wir alle zusammen heute Morgen hier gesammelt haben, gehen einem sehr nah und lassen einen betroffen und bestürzt zurück«, sagte der Konzern-Vorstandsvorsitzende und kämpfte sichtlich mit den Tränen: »Solche Bilder gehen uns ins Mark«, sagte er an der Unfallstelle.

Murenabgang wie in den Alpen

Auslöser des Unglücks war nach ersten Erkenntnissen der Ermittler ein Erdrutsch im Böschungsbereich an den Gleisen. »Mutmaßlich lief durch den Starkregen, der sich im Bereich der Unfallörtlichkeit ereignete, ein Abwasserschacht über«, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Zum Zeitpunkt des tödlichen Zugunglücks sind laut Deutschem Wetterdienst riesige Mengen Regen in Riedlingen vom Himmel geprasselt. In der Gegend habe »extrem heftiger Starkregen« geherrscht, am frühen Sonntagabend seien bis zu 50 Liter pro Quadratmeter innerhalb einer Stunde gefallen, sagte DWD-Sprecher Marco Pukert. »Dies ist die höchste Stufe«, ordnete einer seiner Kollegen ein. Das Wasser habe den Hangrutsch ausgelöst, was wiederum wohl die Entgleisung verursachte. Hinweise auf Fremdeinwirkung gebe es nicht. Vor Ort sind Murenabgänge zu sehen, wie man sie eher aus den Alpen kennt. Die Gleise zwischen dem Erdrutsch und der Stelle, an der der Zug zum Liegen kam, sind s-förmig verbogen. Auf den Gleisen am Murenabgang liegt kein großer Haufen Erde, aber es war genug Material, um den Zug zum Entgleisen zu bringen, der dann die unzerstörbar anmutenden Gleise verbog. Die Kräfte, die das tonnenschwere Fahrzeug, nachdem es außer Kontrolle geraten war, entfesselte, müssen unglaublich gewesen sein. Der verunglückte Zug ist gefaltet wie eine Ziehharmonika, es ist schwer vorstellbar, was die Insassen erfahren mussten.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (von links), Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, Bahnchef Richard Lutz und Landesve
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (von links), Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, Bahnchef Richard Lutz und Landesverkehrsminister Winfried Hermann waren am Montag am Unglücksort. Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (von links), Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, Bahnchef Richard Lutz und Landesverkehrsminister Winfried Hermann waren am Montag am Unglücksort.
Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Bundesverkehrsminister Schnieder (CDU) sprach von erschütternden Bildern: »Man kann die Kraft der Verheerung noch sehen, die hier gewütet hat.« Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) dankte den Rettungskräften, die sehr schnell am Einsatzort gewesen seien und unter schwierigen Bedingungen - die teils starken Regenfällen, die den Erdrutsch auslösten, hielten bis in den Montag hinein an - unter hohem physischen und psychischem Druck Verletzte aus dem Zug geborgen hätten.

Die Spitzenpolitiker gedachten der Opfer und drückten den Angehörigen ihre Anteilnahme aus. »Wichtig ist, dass wir heute mit allen, die davon betroffen sind, mittrauern, mitfühlen und einfach mitgehen mit dem schweren Schicksal, das sie erlitten haben«, sagte Kretschmann. Auch der Staat sei gefordert, wenn Angehörige der eigenen Behörden oder der Bahn ums Leben kommen: »Wir trauern um die beiden Kollegen, die ihr Leben im Dienst verloren haben«, sagte der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), Martin Burkert, laut einer Mitteilung. »Diese Tragödie erschüttert uns alle zutiefst. In dieser dunklen Stunde rückt die Eisenbahnerfamilie zusammen.«

Das Landeskriminalamt beteilige sich an den Ermittlungen, sagte der Ulmer Polizeivizepräsident Askin Bingöl. Zudem werde ein geologisches Gutachten erstellt. Ein Sachverständiger habe Messungen am Hang durchgeführt, erläuterte Polizeipräsident Josef Veser. Auch hätten Einsatzkräfte den Fahrtenschreiber gefunden. Dieser müsse jetzt ausgewertet werden. Fahrdatenschreiber bei der Bahn zeichnen in der Regel verschiedene Daten auf, beispielsweise die Geschwindigkeit des Triebwagens. Bisher unbestätigten Meldungen zufolge hatte der Zugführer wohl wegen der schwierigen Wetterverhältnisse die Geschwindigkeit auf 80 Kilometer pro Stunde reduziert. Seine Umsicht konnte ihn und seinen Zug aber nicht retten.

Bahnchef Lutz betonte: »Wir werden die Arbeiten, die noch anstehen, insbesondere was die Klärung von Unfallhergang und Unfallursache angeht, von unserer Seite aus, von der Bahnseite aus, mit allen Kräften unterstützen.« Gegen 14 Uhr begann die Bergung der Waggons mithilfe eines Spezialkrans. Sie wird voraussichtlich bis Dienstagvormittag andauern. Anschließend begutachtet ein Expertenteam die Strecke und nimmt alle Schäden detailgenau auf. Wie lange die Bahnstrecke noch gesperrt bleiben wird, war zunächst unklar. Auf der Internetseite der Bahn informierte der Konzern, dass der Bahnverkehr zwischen Munderkingen und Herbertingen eingestellt sei. Am Montag sollten laut Bahn Ersatzbusse die Fahrgäste in dem Bereich transportieren. (dpa/GEA)