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Auszeichnung für Gasthof Adler in Buttenhausen

Der Gasthof Adler in Buttenhausen ist eine der letzten traditionellen Dorfwirtschaften auf der Alb. Dafür wurde er vom Arbeitskreis Heimatpflege ausgezeichnet.

Reinhard Mayer und seine Frau Daniela führen das Gasthaus Adler in Buttenhausen weiter. Für sie ist es eine Herzensangelegenheit
Reinhard Mayer und seine Frau Daniela führen das Gasthaus Adler in Buttenhausen weiter. Für sie ist es eine Herzensangelegenheit, die Tradition weiterzuführen. Donnerstags, freitags und sonntags – auf Bestellung auch samstags – sind sie die Wirte im Gastraum. FOTO: DEWALD
Reinhard Mayer und seine Frau Daniela führen das Gasthaus Adler in Buttenhausen weiter. Für sie ist es eine Herzensangelegenheit, die Tradition weiterzuführen. Donnerstags, freitags und sonntags – auf Bestellung auch samstags – sind sie die Wirte im Gastraum. FOTO: DEWALD

MÜNSINGEN-BUTTENHAUSEN. »Heimat ist da, wo man anschreiben lassen kann«, hat ein kluger Mensch einmal geschrieben. Nun, anschreiben, das muss Reinhard Mayer, der Wirt vom Adler in Buttenhausen, nur selten bei seinen Gästen. Aber Heimat, das ist der Adler für viele von ihnen. Es ist ein Dorfgasthaus, wie es früher in jedem Flecken auf der Alb eines gab. Doch nun ist der Adler eines der Letzten seiner Art. Das ist so besonders, dass er im »Wettbewerb Vorbildliches Dorfgasthaus« des Regierungspräsidiums Tübingen in diesem Jahr einen Sonderpreis erhalten hat.

Alles hat seine Zeit: Taufe, Konfirmation, 50., 60., 70. Geburtstag, goldene Hochzeit und schließlich der Beerdigungskaffee. Die Stationen eines ganzen Lebens – für manchen Buttenhausener finden sie bis heute im Adler statt. Mehr als ein Lebensalter, nämlich seit über hundert Jahren, führt die Familie Mayer schon den Gasthof. Wilhelm Mayer, der Großvater des heutigen Wirts Reinhard Mayer, hatte die Wirtschaft zwischen 1916 und 1920 gekauft.

Wilhelm Mayer betrieb den Adler über vierzig Jahre lang, auch durch die schwere Zeit des Zweiten Weltkriegs. Erst 1960 übergab er das Lokal an seinen Sohn Gerhard und dessen Frau Klara. Sie war Wirtin mit Leib und Seele und führte den Adler fast ebenso lange – mit viel Herz und Menschenliebe. Die fünf Kinder der Wirtsleute, darunter der zweitälteste Sohn Reinhard, wuchsen in der Gaststube auf. Eine private Wohnstube gab es nicht.

Aufwachsen in der Gaststube

»Ich kannte es nicht anders.« Als Reinhard Mayer das mächtige und mindestens zweihundert Jahre alte Gebäude 1998 von den Eltern übernahm, war klar, dass er mit dem »Erbe« auch den Adler weiterführen würde. Doch zunächst hieß es anpacken: Sieben Jahre lang baute er zusammen seiner jüngsten Schwester Martina und deren Familie das Gebäude mit zwei Wohnungen und Gaststube komplett um. Erst 2005 konnte der Adler wieder öffnen und war bald wieder das, was er zuvor schon gewesen war: ein Ort des Dorflebens.

Sieben Tage in der Woche in der Gaststube zu stehen wie die beiden Generationen vor ihnen, das können Reinhard Mayer und seine Frau Daniela heute nicht mehr. Beide haben einen Hauptberuf, er als Betriebsschlosser, sie als Krankenschwester im OP des Münsinger Krankenhauses. Aber am Donnerstag, Freitag und Sonntag, da hat der Adler offen, samstags auf Vorbestellung.

An diesen Tagen läuft der Gastbetrieb auch Hochtouren beim »Uschpes«, wie die Adlerwirte in Buttenhausen seit Generationen genannt werden. »Uschpes«, das ist nicht etwa ein Spitzname, sondern bedeutet schlichtweg »Gastwirt« in einer Sprache, die früher in Buttenhausen verbreitet war: dem Lekaudischen, einer schwäbischen Variante des Jiddischen, das nicht nur die bis 1940 zahlreichen jüdischen Einwohner Buttenhausens beherrschten, sondern auch viele aus den christlichen Dorffamilien. Das Wort »Hospiz« geht auf den gleichen Wortstamm zurück.

Von Strammer Max bis Schnitzel

Ein fester Bestandteil des Lebens im Adler sind – wie es sich für eine Dorfwirtschaft gehört – die Stammtische: die Seniorenturner, die Strickfrauen, im Winterhalbjahr die Sportler aus der Skigymnastik, die Binokelrunde, einmal im Monat die Motorradfreunde, die Arbeiter der Spätschicht eines Münsinger Industriebetriebs und schließlich mehrere Freundeskreise, die sich wöchentlich oder monatlich im Adler treffen.

Und natürlich kommen viele aus dem Flecken und aus den Nachbardörfern talauf- und abwärts einfach so, um gemütlich ein Bier zu trinken. Ist ja immer jemand da für einen Schwatz. An den Wochenenden und vor allem am Sonntag kommen oft auch Familien zum Essen, es gibt schwäbische Vesper und Wurstsalat in allen Variationen und außerdem Gerichte wie Strammer Max, Wilde Kartoffeln mit Dip, Schnitzel mit Pommes oder Bratwürste. Am Samstag hat der Adler nur auf Bestellung geöffnet, häufig finden da die Jahreshauptversammlungen der örtlichen Vereine statt: der Albverein, der Sängerbund oder der Narrenverein. Oder es gibt private Feiern wie Geburtstage oder Hochzeitsjubiläen. Da wird dann die Speisekarte erweitert auf alles, was die (schwäbische) Küche hergibt.

Einige Jahrzehnte ist es her, da gab es in jedem Dorf auf der Alb eine Wirtschaft wie den Adler. Jetzt sind fast alle geschlossen. Die verbliebenen Gasthäuser werden von den Ausflüglern besucht, die auf die Alb kommen und nach einer Wanderung oder einer Radtour zum Essen einkehren. Dorfleben findet dort nur am Rande statt.

Warum aber hat der Adler standgehalten, sich dem Trend entgegengestellt und zieht jetzt von Jahr zu Jahr mehr Gäste an? Die Antwort liegt schlichtweg im Idealismus der Wirtsleute. Denn reich wurden und werden die Mayers mit dem Adler nicht.

Ein Stück Heimat

Es ist einfach eine Herzensangelegenheit, das Lokal weiterzuführen und den vielen Menschen, die dort ein- und ausgehen, einen schönen Ort des Austauschs zu bieten. Oder wie es einer der Stammgäste einmal formuliert hat: »ein Stück Heimat«. Und natürlich: Auch, wenn immer etwas zu tun ist und es oft hektisch wird – für die Wirtsleute bleibt hin und wieder auch Zeit, sich zu den Gästen an den Tisch zu setzen.

Dieses Engagement und dieser Idealismus hat auch die Kommission des »Arbeitskreises Heimatpflege im Regierungspräsidium Tübingen« beeindruckt. Alle zwei Jahre zeichnet der gemeinnützige Verein, der an die Tübinger Behörde angeschlossen ist, Gasthäuser im gesamten Regierungsbezirk aus. Bewertet wird dabei, in welcher Weise die Wirtschaften dazu beitragen, dass in den Dörfern so etwas wie Dorfleben und Heimat entstehen kann.

Sechzig Gasthäuser im Regierungsbezirk, der vom Landkreis Tübingen bis hinunter nach Ravensburg und zum Bodensee reicht, haben sich in diesem Jahr darum beworben. Drei wurden ausgezeichnet, drei weitere erhielten einen Sonderpreis. Zu den Preisträgern aus der Region gehören der Hirsch in Tübingen-Derendingen, der Ochsen in Melchingen (der GEA berichtete) und eben der Adler in Buttenhausen. (GEA)