SONNENBÜHL. An der »Problemmauer« kann gearbeitet werden. Was im Boden liegt, ist einigermaßen vor äußeren Einflüssen geschützt, aber die freiliegenden Reste der Burg Hohengenkingen sind äußeren Einflüssen ausgesetzt, die ihren Bestand immer mehr bedrohen. So wie zum Beispiel die westliche Ringmauer, die stark einsturzgefährdet ist. Wo ein umgestürzter Baum mit seinem aus dem Erdreich gerissenen Wurzelteller ein klaffendes Loch im Mauerwerk hinterlassen hat. Das Team aus Archäologen, Studenten und Burgrettern hat eine große Plattform aus Holz im Wald am Steilhang, schwebend zwischen den Buchen, errichtet, damit Steinmetz Alexandre Aubry aus Betra bei Horb im Schwarzwald Platz hat, um an der Mauer zu arbeiten. »Es ist das größte noch erhaltene Mauerstück, das in den nächsten zwei bis drei Jahren abrutschen würde. Jetzt haben wir die Chance, die zerstörten Teile noch zu rekonstruieren«, sagt Wolfgang Bauer.
Der Zeit-Journalist ist Initiator des Burgenrettungsprojekts und Mitbegründer des Vereins »Die Burg«, der es sich zum Ziel gesetzt hat, nicht nur zu erhalten, was von dem einstigen Herrschersitz noch vorhanden ist, sondern auch Licht ins Dunkel der Vergangenheit, der spärlichen Geschichte des Hohengenkingens zu bringen. Die aktuellen Arbeiten wurden auch dank Förderung von Leader Mittlere Alb und der Unterstützung der Gemeinde Sonnenbühl möglich. Das Projekt hat den Beirat überzeugt und mit 70 Prozent den höchsten Fördersatz - insgesamt 71.000 Euro - erhalten, weil es interdisziplinäre Wissensvermittlung und Erlebbarkeit kulturhistorischer Werte verbindet, wie Leader-Regionalmanagerin Elisabeth Marquardt erklärt.

Schilder sollen auf den kulturhistorischen Wert des Ortes im Genkinger Wald hinweisen, angedacht ist auch, die weiteren Burgstätten in Genkingen am Ortsausgang an der Gönninger Steige und im Dorf auszuschildern: Willkommen in der Genkinger Burgenwelt. Außerdem wurden auf dem Ruinengelände Bruchstücke von drei Signalhörnern gefunden - Anlass, um in einem Vortrag über die Akustik im Mittelalter zu informieren. Auch in sozialen Medien, durch Führungen auf Deutsch und Englisch, durch Medienberichte und Lehrveranstaltungen an der Uni Tübingen ist das Projekt breit angelegt und wird öffentlichkeitswirksam vorangetrieben. Denn: »Wir wollen diesen Ort ins kollektive Gedächtnis zurückholen«, sagt Wolfgang Bauer. Ein Ort, der im Mittelalter große Bedeutung hatte.
Alexandre Aubry ist spezialisiert auf die Restaurierung historischer Mauern. Er arbeitet, wie es die Baumeister des Mittelalters auch taten. Strom gibt es nicht, die Methoden sind Jahrhunderte alt, Mörtel wird per Hand aus Sand und Kalk gemischt. Die Rezeptur entspricht der des Originalbaus, Zement verwendet Aubry nicht. Das Material wird mittels eines Seilzugs auf die Arbeitsgalerie gezogen. Ein neuralgischer Moment war das Entfernen des Wurzelstocks, der ein klaffendes Loch hinterlassen hat, aber es wurde weniger Mauerwerk zerstört als befürchtet. Ein Problem ist die Entwässerung. Bei Regen bildet sich oberhalb der Mauer eine Pfütze, das Wasser muss abfließen können, ohne dabei die Mauer zu schädigen. Künstliche Abdichtung kommt nicht infrage, Alexandre Aubry mauert deswegen ein Gewölbe, damit der gestaute Regen wie durch eine Drainage hindurchfließen kann. Nachhaltiges Bauen mit Naturprodukten und Dauerhaftigkeit sind Themen, denen sich Aubry auch bei seiner Arbeit an anderen Denkmälern verschrieben hat. »Dieses Projekt ist genau, was ich suche.« Und eine besondere Herausforderung für den 42-Jährigen, der sich vor fünf Jahren selbstständig gemacht hat.
An anderer Stelle gräbt Doris Schuller mit ihren Archäologiestudenten der Universität Tübingen an verschiedenen Punkten der Burg. Die Orte wurden vorher präzise ausgemacht, dort, wo sich zum Beispiel Anomalien im Boden befinden, die während der geophysikalischen Untersuchungen durch Abweichungen im Magnetfeld festgestellt wurden. Verschiedene Mauerschichten werden freigelegt. Mörtelreste, Brandspuren, Verfüllungen zwischen zwei Mauern - alles wird penibel dokumentiert. »Die Sicht auf die Geschichte ändert sich, je weiter wir in den Boden hineingehen«, sagt der Archäologe Sören Frommer.
Auch an der Umfassungsmauer fern des Turms und des vermuteten Eingangs in die Burg haben die Studenten einen Schnitt geöffnet. »Das Gold der Archäologen ist nicht Gold, unser Gold ist Geschirrkeramik«, sagt Doris Schuller. Und die haben sie hier gefunden, es handele sich um jüngere graue Drehscheibenarbeit, erklärt sie, wie sie typisch für das 14. Jahrhundert sei. Entdeckt in einem Bereich, der wohl zur letzten Burgphase gehört habe, bevor der Herrschaftssitz aufgegeben wurde. Auffällig ist die große Menge an Dachziegeln. Eimerweise hätten sie die handgefertigten Hohlziegel geborgen. Erklärt werden kann das noch nicht, warum es gerade hier eine solche Häufung gibt. Aber es sieht so aus, als hätte es hier ein Gebäude mit einem mit Ziegeln gedeckten Dach gegeben. Und das war im Mittelalter beileibe nicht bei jedem Haus die Norm. Es mag traufständig zum Palas gestanden haben. Schindelnägel wurden indes nicht gefunden.
»Je mehr wir graben, desto mehr Fragen kommen auf«, sagt Doris Schuller. Das ist die Arbeit der Archäologen: Fragen stellen, aufgraben, dokumentieren, weiter graben. »Dann klärt sich irgendwann einiges oder wir haben eine neue Hypothese.« So wird es auch bei einer weiteren Verdachtsfläche sein, bei der die Archäologen Anomalien, eine runde und eine lineare Struktur, im Erdreich festgestellt haben. Dieser Bereich kann mit der Burg zu tun gehabt haben, muss es aber nicht. Es könne auch sein, dass sich hier im 19. Jahrhundert ein Schafstall befunden habe. Oder es gibt doch Spuren von Handwerkern oder eines Pferdestalls, die zeitlich zur Burg passen. »Wenn wir eine bronzezeitliche Hausstelle finden würden, wäre das ein Gewinn«, sagt Schuller. Auch ein vermeintlicher Dachsbau wird mittels Kamera untersucht werden - oder ist es vielleicht der Eingang in einen Keller? Auf jeden Fall geht die Arbeit am Hohengenkingen weiter.
Burgen und ihren Geheimnissen sind die Wissenschaftler an der Universität Tübingen nun interdisziplinär auf der Spur. Im Oktober wurde dort das Zentrum für Burgenforschung eröffnet, nachdem das Land eine von den beiden Wahlkreis-Landtagsabgeordneten Cindy Holmberg (Grüne) und Manuel Hailfinger (CDU) beantragte Anschubfinanzierung freigegeben hat. Die Forschung am Hohengenkingen ist eines der Projekte, die durch dieses Zentrum profitieren und für das sich ganz neue Möglichkeiten öffnen. (GEA)







