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Als der Neubau in Trochtelfingen ein Raub der Flammen wurde

Im Dezember 1920 brannte es in Trochtelfingen. Der anstelle des 1726 abgebrannten alten Fruchtkastens errichtete sogenannte Neubau (1737/38) wurde in der Nacht dieses Stephanstags ein Raub der Flammen. An seiner Stelle wurde 1936 das heutige Rathaus gebaut.

Eine Ansicht von Trochtelfingen aus dem Jahr 1910 zeigt neben Hohem Turm, Schloss, und Kirche auch das imposante Gebäude des Neu
Eine Ansicht von Trochtelfingen aus dem Jahr 1910 zeigt neben Hohem Turm, Schloss, und Kirche auch das imposante Gebäude des Neubaus. Foto: privat
Eine Ansicht von Trochtelfingen aus dem Jahr 1910 zeigt neben Hohem Turm, Schloss, und Kirche auch das imposante Gebäude des Neubaus.
Foto: privat

TROCHTELFINGEN. Sie waren legendär, die Theaterabende, zu denen der Turnverein Trochtelfingen - heute TSV - immer am zweiten Weihnachtstag in ein Wirtshaus einlud. Auch noch in den 1960er- und 70er-Jahren geschah es so. So war es also auch an diesem denkwürdigen 26. Dezember im Jahr 1920, als viele Trochtelfinger bei der Christbaumfeier des Vereins zugegen waren und sich vergnügten. Im vom Geschichts- und Heimatverein herausgegebenen Buch »Trochtelfingen 1900-2000 - Das Leben im Städtle« wurden die Erinnerungen an diesen für die Baugeschichte Trochtelfingens bedeutenden Tag von Altbraumeister Josef Schmid festgehalten, der berichtete, dass im Rössle »die Karle« spielten: »Locher-Karl, Wurscht-Karl, Weber-Karl und Öl-Karle«. Einige andere Männer hätten bei ihm im Bräuhaus Karten gespielt. Bis kurz vor Mitternacht feierte man, trank, lachte in den Trochtelfinger Gaststätten, da war die Welt noch in Ordnung. Um 23.45 Uhr aber war das kollektive Amüsement vorbei.

Die Trochtelfinger hingen am sogenannten Neubau. Naja, ob das schon immer so war? Schließlich diente das Haus früher der Herrschaft Fürstenberg als Fruchtkasten, bis 1806 herrschten sie übers Städtle. Dort im Fruchtkasten beziehungsweise Neubau lagerten die Fürsten das Getreide, das ihnen die Bauern abliefern mussten, das sie in mühevoller Arbeit gesät und geerntet hatten. Stadtbildprägend war das riesige Gebäude aber allemal und gehörte zum Städtle. Neubau hieß es, obwohl es 1920 auch schon fast 200 Jahre alt war. Es wurde anstelle des beim großen Stadtbrand von 1726 zerstörten Vorgängerbaus errichtet.

Auf einem Postkartenausschnitt anno 1903 ist der Blick auf den Trochtelfinger Marktplatz abgebildet, damals noch mit dem imposan
Auf einem Postkartenausschnitt anno 1903 ist der Blick auf den Trochtelfinger Marktplatz abgebildet, damals noch mit dem imposanten Neubau (rechts). Foto: privat
Auf einem Postkartenausschnitt anno 1903 ist der Blick auf den Trochtelfinger Marktplatz abgebildet, damals noch mit dem imposanten Neubau (rechts).
Foto: privat

Fruchtkasten war das Haus vor 125 Jahren - und ein paar Tagen - im frühen 20. Jahrhundert schon lang nicht mehr. Rudolf Bart hatte damals dort seine Bäckerei und bewohnte den westlichen Teil, im östlichen Teil logierte der damalige Bürgermeister Alois Rein in seiner Wohnung. Die Silberburg sowie die Bauern Matthias Klingenstein und August Diem hatten dort ihre Scheunen, unter der Silberburg-Scheune war ein Rossstall. Ein imposantes Bauwerk war der Neubau, 39 Meter lang, 17,5 Meter breit, 24 Meter hoch und mit seinen charakteristischen Staffelgiebeln am damaligen Marktplatz neben den kleinen Fachwerkhäusern in der Marktstraße ein riesiges historisches Kleinod.

Zurück zum 26. Dezember 1920. Das Lachen verstummte eine Viertelstunde vor Mitternacht in den Gaststuben, die Karten wurden zur Seite geworfen, das Bier stehen gelassen. Die Männer aus dem Bräuhaus hätten als erste das Feuer bemerkt, sie seien rüber ins Rössle gelaufen, berichtete Josef Schmid, und hätten dort die Feiernden über die Katastrophe informiert. »Ich stand an der Theke und lief sogleich los. Die Theaterbesucher stürmten zum Teil durch die Fenster ins Freie. Ich habe das erste Standrohr gesetzt. Andere schoben den Schlauchwagen herbei.« Bernhard Klingenstein, ehemaliger Vorsitzender des Geschichts- und Heimatvereins und Ehrenmitglied, hatte in den Trochtelfinger Geschichtsblättern in der Reihe »Vor hundert Jahren« ebenfalls über den Fruchtkastenbrand geschrieben und aus den Aufzeichnungen des Trochtelfinger Chronisten, Lehrer Franz Anton Dietrich, zitiert.

1906 geht der Karnevalsumzug durch die Marktstraße entlang des Neubaus (links), die Dimensionen des Gebäudes sind enorm.
1906 geht der Karnevalsumzug durch die Marktstraße entlang des Neubaus (links), die Dimensionen des Gebäudes sind enorm. Foto: privat
1906 geht der Karnevalsumzug durch die Marktstraße entlang des Neubaus (links), die Dimensionen des Gebäudes sind enorm.
Foto: privat

Dort heißt es: »Das Feuer war nicht einzudämmen, und die ganze Tätigkeit der hiesigen, der Mägerkinger und Steinhilber Feuerwehr richtete sich auf die Rettung der Nachbargebäude, was auch glücklich gelang; eine Woche vorher wäre es wegen großem Wassermangel und Mangel an Benzin im Wasserpumpwerk nicht möglich gewesen.« Aus Schmids Erinnerungen heißt es: »Als man ein Scheunentor aufriss, bekam das Feuer Luft, und der ganze Dachstuhl ging hoch. In Steinhilben, wo man in der Krone ebenfalls gerade Theater spielte, wurde das Feuer gleich entdeckt, ihre Feuerwehr kam sogleich, ohne angefordert zu werden.« Nach Mägerkingen hatte sich Feuerreiter Maurus Faigle aufgemacht, um Unterstützung zu holen.

Also, zu machen war da am Marktplatz nichts mehr, der ganze Neubau ist ausgebrannt, nur »die beiden Staffelgiebel und die südliche Seitenmauer blieben stehen. Die Hälfte der nördlichen Seitenmauer ist eingestürzt und hat dem Buchbinder Hurm die Giebelfront und dem Kaufmann Scherer das große Schaufenster eingeschlagen«, heißt es beim Chronisten. Diese Nachbargebäude sind heute das Haus Schreibkultur am Schloss und die Bäckerei Hanner. Zum Glück gab es keine Verletzten.

Die Ruine des Neubaus im Jahr 1921: Nur noch die Giebel stehen.
Die Ruine des Neubaus im Jahr 1921: Nur noch die Giebel stehen. Foto: privat
Die Ruine des Neubaus im Jahr 1921: Nur noch die Giebel stehen.
Foto: privat

Die Solidarität mit den Brandopfern war groß. »Alle Brandgeschädigten sind furchtbar schwer getroffen in so schrecklich teurer Zeit, wie wir sie jetzt zwei Jahre nach dem großen Krieg haben. Gebäude und Mobiliar sind elend schlecht versichert. Am härtesten betroffen wurde der Bäcker Rudolf Bart, dem außer seinem Viehbestand total alles verbrannte«, heißt es in den Geschichtsblättern. Der Bürgermeister konnte noch einiges Mobiliar retten. »Den Abgebrannten wurden durch Sammlung von viel Futter und Stroh und Frucht, Kleidern und anderen hausgerätlichen Gegenständen und in allen umliegenden Orten schnell Hilfe zu teil, so daß sie wenigstens für die erste Zeit gedeckt waren.«

Stadtbildprägend: Das war einmal. Auch die einem Gerippe gleichenden, und im Wind oft gefährlich schwankenden Giebel wurden eingerissen, weil sie drohten einzustürzen. Ruine blieb der Neubau noch etliche Jahre, zur Freude vieler Kinder, die dort einen hervorragenden Abenteuerspielplatz hatten. Aufgeklärt wurde indes nie wirklich, wie es zu dem verheerenden Feuer im Neubau kam. Aber vermutlich war es Brandstiftung.

Ohne Dach und Innenleben: Die Reste des ausgebrannten Neubaus standen noch geraume Zeit am Marktplatz.
Ohne Dach und Innenleben: Die Reste des ausgebrannten Neubaus standen noch geraume Zeit am Marktplatz. Foto: privat
Ohne Dach und Innenleben: Die Reste des ausgebrannten Neubaus standen noch geraume Zeit am Marktplatz.
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Der als »Glossen-Schmid« bekannte Feuilletonist und Redakteur, Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung Johannes Schmid (1891-1968), ein Sohn der Stadt Trochtelfingen, hat dem Neubau einst einen »Nachruf« gewidmet. Titel »Fuirio! Fuirio! In der Oberstadt brennt's!«. Er beweint darin den Neubau: »Der Lump, der den Neubau am Stefanstag 1920 in Brand steckte, hat dem Städtlein eine Perle aus der Krone gebrochen.« Und schreibt: »Was liebten wir diesen Neubau!«. Er spickt seinen Artikel mit eigenen Kindheits-Erinnerungen und solchen an Hochzeits- und Trauermärsche sowie Kirchgänger und diskutierende Ratsherren, die der Neubau, während sie an ihm entlangzogen, erlebt haben dürfte. Der Glossen-Schmid endet: »Heute steht an der Stelle des Neubaus ein schmuckes, neues Rathaus, auch mit Staffelgiebel. Die Trochtelfinger sind zufrieden damit, aber der alte Neubau ist es nicht.«

Das »neue« Rathaus ist jetzt auch schon 90 Jahre alt. Es wurde 1936 im östlichen Teil des Grundstücks gebaut, wo einst Neubau und vorher der Fruchtkasten standen. Der Neubau war von der fürstlichen Herrschaft errichtet worden, nachdem - auch dies jährt sich 2026 - beim Stadtbrand vor 300 Jahren anno 1726 in der Trochtelfinger Altstadt 52 Gebäude zerstört wurden. Daraufhin erließ Fürst Joseph Wilhelm von Fürstenberg die Fürstenbergische Feuerordnung. Sie stammt vom 20. November 1755. Vorschrift war zum Beispiel, dass Neubauten nicht mehr mit Stroh oder Schindeln eingedeckt werden durften, bei Dachreparaturen wurden ebenfalls Ziegel vorgeschrieben. Und die Häuserfassaden waren zu verputzen, im Lauf der Zeit wurden sie schließlich freigelegt, in den späten 1970er-Jahren wurde die Altstadt unter Denkmalschutz gestellt, und es wurde mit der Stadtsanierung begonnen. 1806 - vor 220 Jahren - kam Trochtelfingen unter hohenzollerische Landes­hoheit. Aber all das sind wieder andere Geschichten. (GEA)

Nur noch Schutt und Asche: der Neubau nach dem verheerenden Brand.
Nur noch Schutt und Asche: der Neubau nach dem verheerenden Brand. Foto: privat
Nur noch Schutt und Asche: der Neubau nach dem verheerenden Brand.
Foto: privat