BURLADINGEN. »Ich kann da nicht anders«, sagt der Kandidat der AfD im Wahlkreis 61, Joachim Steyer. Immer wieder zieht er los zu Kleindemos, malt sich schnell ein Schild und stellt sich auf einen öffentlichen Platz, in Hechingen, Balingen oder vors Rathaus in Burladingen. Dort sitzt der 55-Jährige seit 2019 im Gemeinderat, zur Kandidatur bewegt hat ihn Ex-Bürgermeister Harry Ebert. Der ist von der Union zur AfD gewechselt und war der erste und bisher einzige AfD-Bürgermeister im Ländle. Das Verhältnis zum Burladinger Gemeinderat hat darunter gelitten, 2020 trat Ebert zurück.
Dass man es als Vertreter seiner Partei nicht leicht hat, hat auch Steyer schon erfahren. Beschimpfungen bei seinen Kundgebungen bis zu Kopf-ab-Gesten aber auch das Gefühl, dass in Gremien nicht der Vorschlag, das Argument zählt, sondern die Parteizugehörigkeit. Daran würde er im Landtag gerne arbeiten und dazu auch die Fraktionsarbeit seiner Partei verbessern. Beim IHK-Wahlforum gab er der AfD-Fraktion im Landtag sieben Punkte von möglichen zehn: »Wir sind eine junge Partei, da ist nicht alles perfekt gelaufen«, meint er.
Der gebürtige Bremer, der mit Ehefrau und vier Kindern in Burladingen lebt, kam durch die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkle und eine kritische Haltung zu Euro und Europäischer Union zur Politik. »Mir hat was nicht gefallen, und ich möchte mir nicht vorwerfen, ich hätte nur gemeckert und nichts getan.« In jungen Jahren konnte er sich für Helmut Kohl und Franz Josef Strauß begeistern, das Verhältnis zur Union kühlte aber 2015 ab. »Ich habe Veranstaltungen von allen Parteien besucht. Bei der AfD haben sie mir aus dem Herzen geredet – das ist mein Verein, hab ich mir gedacht.«
DER KANDIDAT
Joachim Steyer, AfD (Wahlkreis 61)
Geboren: Konfession: Wohnort: Familienstand: Beruf:
Derzeitige wichtige politische Ämter: Buchtipp: Lieblingsfilm oder -serie: Lieblingsmusik Hobbys: Bevorzugtes Fortbewegungsmittel: Vorbilder: Zentrales politisches Anliegen in seinem Satz:
Den selbstständigen Gas- und Wasserinstallateurmeister hat der Beruf von der Küste in die Region gebracht. Mit seinen Auszubildenden hat er zwiespältige Erfahrungen gemacht, das hat sein Interesse an der Bildungspolitik geweckt. »Es wird zu viel herumexperimentiert«, sagt der Handwerksmeister, und erinnert sich mit Grausen an die Mengenlehre, die er selbst erfahren hat. Erst müsse die Basis sitzen, Grundrechenarten, Prozentrechnen, Schreiben und Lesen. »Digitalisierung ist wichtig, aber was bedeutet das eigentlich, Digitalisierung an Schulen?«, fragt er und befürchtet ein weiteres Experiment zulasten der Schüler. Seine Erfahrung als Ausbilder würde ihm auf dem Feld der Bildungspolitik zugutekommen. »Jeder Bau-Azubi sollte eine Flächenberechnung auf der Zementtüte machen können.«
Während ihm der Kurs in der Bildungspolitik zu sprunghaft ist, hat er sonst die Meinung, dass die Politik bei gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen nicht hinterherkomme. »Das dauert alles ewig und drei Tage«, urteilt er und erzählt von einem Chinabesuch, wo in kürzester Zeit Flughäfen und Bahnhöfe gebaut werden, in großem Format. »Und da brennt auch nicht jede Woche ein Terminal ab.« Bürokratieabbau – mehr ist dazu nicht zu sagen, meinte er schon im IHK-Forum.
Die geöffneten Geldschleusen bei der Eindämmung der Coronafolgen machen Steyer zunehmend Sorgen. »Kein Betrieb, kein Privathaushalt würde so wirtschaften. Irgendwann muss jemand die Corona-Zeche bezahlen, wir oder unsere Kinder.« Den harten Maßnahmen kann er nichts abgewinnen. Besonders gefährdete Gruppen gezielt schützen –, die Älteren, Menschen mit Vorerkrankungen und die Helfer, die mit ihnen in Kontakt sind – ja, einen langen Lockdown beschreibt er drastisch als den »Todesstoß für Europa«. Steyer hat selbst eine Corona-Infektion überstanden und hält die Einschränkungen für »total ungerechtfertigt«, mit Verweis auf die geringen Zahlen von Todesfällen und Komplikationen. »Das ist keine wirkliche Lösung, ich sehe das ganz, ganz, ganz schwarz. Ich hoffe, dass ich da falsch liege.«
Bildung und Verkehr
Als liebstes Fortbewegungsmittel nennt er das Auto, die Automobilindustrie möchte er schützen. Vielleicht mit der Förderung und dem Einsatz synthetischer Kraftstoffe. »Die sind noch teuer, in großem Maßstab wird es aber günstiger, ohne die technischen Probleme mit dem instabilen Wasserstoff.« Und bevor das Auto aus den Innenstädten weichen kann, müsse die Infrastruktur stimmen. Große Parkhäuser an der Peripherie, dazu ein reibungsloser ÖPNV – »in Holland klappt das«, hat er beobachtet.
Von einem Fraktionszwang im Landtag hält er wenig, man müsse mit jedem reden können. Auch innerhalb der Partei. Auch wenn er die goldene Mitte suchen wolle, macht er klar: »Der Flügel gehört dazu.« (GEA)

