HECHINGEN/MÜNSINGEN. Der Kreisverband Reutlingen der AfD schickt für den Wahlkreis 60 Reutlingen den 27-jährigen Maximilian Gerner ins Rennen für die Landtagswahl. Für den Wahlkreis 61 Hechingen-Münsingen sollte eigentlich Herbert Gah antreten. Beide waren Sprecher des Kreisverbands Reutlingen und sollten dessen Doppelspitze im Rennen um ein Landtagsmandat bilden. Während Gerner weiter als Kandidat feststeht, hat Gah indes zurückgezogen. Und die Suche nach einem Ersatzkandidaten läuft denkbar holprig. Außerdem betrat ein bekanntes Gesicht wieder die Bildfläche.
Rückblick: Am 31. Mai und 1. Juni hatte der AfD-Landesverband bei seinem Parteitag in Heilbronn die Listenplätze besetzt. Maximilian Gerner ist auf Platz 22. Herbert Gah hatte für den Listenplatz 18 kandidiert, wurde aber nicht gewählt. Stattdessen steht auf diesem Platz nun Stephan Schwarz (Wahlkreis 16 Schorndorf im Rems-Murr-Kreis). Derzeit hat die AfD 17 Sitze im 17. Landtag von Baden-Württemberg, im aktuellen Parlament hätte dieser Listenplatz also kaum eine Rolle gespielt. Nach den aktuellen Umfragewerten dürften es allerdings mehr AfD-Kandidaten als bis Listenplatz 17 in den Landtag schaffen.
Austritt nach Neueinstufung des Verfassungsschutzes
Bei der Bundestagswahl in diesem Jahr reichte Listenplatz 18 noch für Sieghard Knodel aus Trochtelfingen-Mägerkingen, um für den Wahlkreis Reutlingen in den Bundestag einzuziehen. Die AfD-Akte Knodel ist derzeit geschlossen, der Mägerkinger trat aus der AfD-Kreistagsfraktion aus - aus gesundheitlichen Gründen, ebenfalls aus der Bundestagsfraktion und der Partei, ist aber weiter im Deutschen Bundestag, fraktionslos. Er erklärte seinen Parteiaustritt mit privaten und geschäftlichen Gründen nach der Neueinstufung der Bundespartei durch das Bundesamt für Verfassungsschutz als »gesicherte rechtsextremistische Bestrebung«.
Herbert Gah indes erklärt auf GEA-Nachfrage seinen Rückzug von der Kandidatur mit gesundheitlichen Gründen, er sei dem Rat seines Arztes gefolgt und stehe für eine Landtagskandidatur nicht mehr zur Verfügung. Außerdem sei er nicht länger Sprecher des Kreisverbands Reutlingen.
Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen
Dessen neue Sprecherin Melanie Feja bestätigt: »Unser bisheriger Kandidat, Herr Gah, ist aus gesundheitlichen Gründen von seiner Kandidatur zurückgetreten. Dies bedauern wir sehr, da er sich mit großem Engagement für die Belange unserer Partei und unserer Region eingesetzt hat.« Gah spricht noch von einem »aussichtsreichen Wahlkreis«, für den er gern angetreten wäre, mehr möchte er nicht sagen.
Aufgrund des Rücktritts von Herbert Gah »war es erforderlich, kurzfristig eine neue Aufstellungsversammlung durchzuführen«, teilt Feja mit. Diese fand am Dienstag, 4. November, statt. »Zur Wahl standen fünf Bewerber. Trotz einer sachlichen und lebhaften Diskussion sowie einer fairen Abstimmung konnte an diesem Abend keiner der Kandidaten die notwendige Mehrheit erzielen.« Aus unterschiedlichen Quellen ist bekannt, dass sich auch Alexander Gräff aus Trochtelfingen-Steinhilben, damals noch Bewerber ums Bürgermeisteramt in Sonnenbühl, für die Wahl des Direktkandidaten aufstellen ließ.
Verlorene Bürgermeisterwahl in Sonnenbühl
Er nahm selbst in einem sozialen Netzwerk wenige Tage später Stellung dazu. Beim ersten Wahlgang bei der Nominierungsveranstaltung seien drei von fünf Kandidaten »rausgeflogen«, er und ein Gegenkandidat - es handelt sich wohl um ein AfD-Mitglied aus dem Zollernalbkreis - gingen in die Stichwahl, die sich über mehrere Wahlgänge zog. »Ich hab zwei gewonnen, oder drei«, erklärt Gräff in dem Video, es habe aber keine Mehrheit für ihn gegeben, »dann haben wir's abgebrochen«. Warum er in den Landtag will, erklärt er in seinem Video auch: »Ich werde dafür kämpfen, es kann so nicht mehr weitergehen im Land, im Landtag kann ich mehr erreichen, bei Abstimmungen kann ich viele überreden, dass es in die richtige Richtung geht, da bin ich überzeugt. Es gibt viele Probleme bei uns, in unserem Wahlkreis 61 auf der Schwäbischen Alb, ich kenne die Probleme, ich komme aus der Mittelschicht, geh jeden Tag arbeiten, deshalb weiß ich, was den Leuten auf dem Herzen liegt.«
Bürgermeister ist er nicht geworden, die Wahl am 9. November hat er verloren, er erhielt nur 1,35 Prozent der Stimmen (das sind 53 von 3.915). Er wolle »auf jeden Fall die Chance ergreifen, Landtagsabgeordneter zu werden und für euch zu kämpfen, dass es bei uns im Ländle wieder besser wird«, sagt er. Er werde sich wieder aufstellen lassen für ein politisches Amt, erklärt er in einer weiteren Video-Nachricht.
Warum steht also noch kein Kandidat fest? Feja spricht von organisatorischen Verzögerungen. Sie erklärt: »Da wir großen Wert auf ein transparentes und demokratisches Vorgehen legen, wird in rund zwei Wochen eine weitere Mitgliederversammlung stattfinden. Ziel ist es, dort einen endgültigen Direktkandidaten für den Wahlkreis 61 zu bestimmen. Wir hoffen, dass wir bei dieser erneuten Abstimmung eine klare Entscheidung herbeiführen können.«
»Parteiinterne Querelen«
Einem Pressebericht zufolge habe es bereits bei der ersten Wahl der Direktkandidaten für den Wahlkreis Hechingen-Münsingen im Mai »Parteiinterne Querelen« gegeben. Ein Kandidat aus Hechingen, Kai Rosenstock, fiel demnach dabei durch und kam einige Tage später in Heilbronn auch auf keinen Listenplatz. 60 Plätze wurden dort besetzt, angeführt wird die Liste von Co-AfD-Landeschef Emil Sänze. Der Burladinger Joachim Steyer - er war Vorsitzender der AfD-Gemeinderatsfraktion Burladingen - ist seit 2019 Abgeordneter im Landtag für den Wahlkreis 61 Hechingen-Münsingen. Er will aber nicht mehr weitermachen und hatte schon lang seinen Rückzug angekündigt.
Der Wahlkreis Hechingen Münsingen umfasst 22 Gemeinden aus dem Landkreis Reutlingen und drei Kommunen aus dem Zollernalbkreis. Melanie Feja gibt sich optimistisch, dass für den Wahlkreis 61 ein Kandidat gefunden wird. »Wir blicken mit Zuversicht auf die kommende Wahlkampfphase. Wir freuen uns darauf, mit den Bürgern in einen offenen Austausch zu treten, unsere politischen Schwerpunkte zu präsentieren und gemeinsam für ein starkes Ergebnis einzutreten. Für unsere Region, für unsere Wähler und für eine verlässliche politische Vertretung ihrer Interessen im zukünftigen Landtag.« (GEA)

