MÜNSINGEN. Im Dezember 1874 wurde die einklassige Münsinger Lateinschule nach Beschluss des Stadtrates aufgelöst und zur ersten Realschule in Münsingen weiterentwickelt. Heute, 150 Jahre später, gilt diese Schulform immer noch als Erfolgsmodell. Das liegt laut Schulleiter Andreas Bosch an dem »Kopf-Herz-Hand«-Prinzip mit einer »guten intellektuellen Durchdringung« und »tollen praktischen Angeboten«. Er spricht von einer »soliden und bewährten Schulart«, nach wie vor sei der Abschluss der Mittleren Reife etwas wert. Geschätzt in der Gesellschaft und gefragt bei Wirtschaft und Handwerk, ein Sprungbrett ins Berufsleben und zu weiterführenden Schulen. »Für Realschüler stehen alle Wege offen«, betont Konrektor Matthias Etzel und verweist auf die intensive Berufsorientierung in den Jahrgangsstufen, dank derer der Mittelstand mit Auszubildenden versorgt werden kann.
Ausschlag dafür, dass Münsingen vor 150 Jahren die erste Realschule in der Region bekam, war der Wunsch nach Verbesserung des Schulwesens. Zu dieser Zeit gab es neben der Volksschule nur eine einklassige Lateinschule. Viele Bürger waren damit unzufrieden und forderten die Gründung einer Realschule. Heftige Diskussionen beschäftigten über ein Jahr lang die Stadt. Man argumentierte, dass Münsingen besonders für das Gewerbe eine Realschule benötige, die Unterricht in »neueren Sprachen, Mathematik, Realien und Zeichnen« anbieten sollte. Letztendlich setzten sich die Befürworter durch. Die erste Realschule öffnete mit zwei Klassen – einer unteren mit zwei und einer oberen mit drei Jahresabteilungen. Das Schulgebäude befand sich in der Salzgasse. Auf dem Lehrplan standen neben Religion und Deutsch auch Französisch, Zeichnen, Schönschreiben und Turnen. Diese Realschulform bestand bis 1937 und wurde dann in eine Oberschule umgewandelt.
Der Ikarus vom Lautertal als Namensgeber
1967 beschloss der Gemeinderat die Einführung eines mittleren Bildungsweges trotz großer räumlicher und finanzieller Schwierigkeiten. Ein Jahr später wurde ein Realschulzug mit zwei Klassen, 54 Schülern und zwei Lehrern an der Schillerschule eingerichtet, Schulleiter war Georg Weber. Bereits 1971 wurde die Realschule selbständig und von Rektor Hans Held geleitet. Der Bau eines neuen Realschulgebäudes neben der Schillerschule war dem stetigen Wachstum geschuldet. 1974 fand die Einweihung statt, damals bereits mit 333 Schülern, die zuvor im Progymnasiumsgebäude, in der danebenstehenden Schulbaracke und in drei Trakten der Schillerschule unterrichtet wurden. Erschüttert wurde das Schulleben 1984 durch den plötzlichen Tod von Schulleiter Hans Held. Ein Jahr später übernahm Hansjörg Thiemann die Leitung, später folgten Ernst Haas, Walter Stärk, Magdalena Kalbfell und Andreas Bosch an der Spitze.
Da die Schule im Laufe der Zeit aus allen Nähten platze, wurde 1992 mit dem Erweiterungsbau begonnen. Einschneidend in der Realschulgeschichte war die Namensgebung im Jahr 2004 in »Gustav-Mesmer-Realschule«. Die Entscheidung, die Schule nach dem »Ikarus vom Lautertal« zu benennen, wurde wegen des regionalen Alleinstellungsmerkmals getroffen, aber vor allem wegen der Inspiration, die seine Persönlichkeit und sein Leben auch heute noch bieten. Daraus resultierte schließlich das Logo als Erkennungszeichen, das Wachstum und die Entwicklung der Schüler darstellen soll. Die sechs bunten Kreise stehen für die sechs Schuljahre, während die Kugeln für wichtige Sinne und Fähigkeiten wie sehen, hören und denken stehen – aber auch für den Spaß am Lernen, der immer dabei sein sollte. Im Zentrum steht ein Kopf, der das Gehirn symbolisiert – immer in Bewegung, immer am Wachsen, weil man nie aufhört zu lernen. In stetiger Weiterentwicklung ist auch die Gustav-Mesmer-Realschule dieser Zeit.
»Mit 555 Schülern sind wir die größte, mittlerweile vierzügige Schule in Münsingen«, sagt Rektor Bosch. Trotzdem sei die Atmosphäre »sehr familiär«, der Ruf hervorragend. Was über Jahrzehnte erarbeitet wurde, gelte es nun jeden Tag aufs Neue zu erhalten. Der Einzugsbereich der Schülerschaft reicht von der Gesamtstadt Münsingen über Hayingen bis nach Hohenstein, St. Johann, Gomadingen, Mehrstetten und aus Sondernach. Trotz stetigem Lehrermangel gibt es viele außerschulische Angebote, ein Sport- und Musikprofil sowie eine starke Beziehung innerhalb der gesamten Schullandschaft, zu der neben Kindern, Eltern und Lehrern auch Vereine, Betriebe und die Stadt Münsingen als Schulträger zählen.
Größte Schule in Münsingen
»Seit eineinhalb Jahrhunderten begleitet unsere Realschule Generationen von Schülern auf ihrem Weg des Lernens und Wachsens. In dieser Zeit ist sie zu einem besonderen Ort geworden, an dem Individuen und die Gemeinschaft in einem ausgewogenen Miteinander gefördert und gefordert werden«, sagt Matthias Etzel. Das Leitbild der Schule – »Lernen, Gemeinschaft, Entwicklung im Einklang« – zeige sich in den verschiedenen inhaltlichen Profilen, sodass ein lebendiger und inspirierender Lernort entstehe. Davon berichtet auch die Festschrift, die ganz neu pünktlich zum Jubiläum mit über 150 Seiten aufgelegt wurde. Das Filmteam hat einen neuen Schulfilm mit einer Länge von rund 15 Minuten gedreht, der im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeit zum ersten Mal gezeigt wird.
Für Bürgermeister Mike Münzing sind es »die vielen kleinen und großen Geschichten von Erfolgen, Herausforderungen und persönlichen Entwicklungen«, die die Gustav-Mesmer-Realschule zu einem besonderen Ort machen. Sie sei »ein Ort des Lernens, der Kreativität und der Gemeinschaft, zwischenzeitlich auch ein Lebensort«.
Feierlichkeiten
Das Jubiläums-Event findet am Freitag, 25. Juli ab 15 Uhr auf dem Schulhof als Hock statt. Nach kurzen Ansprachen gibt es Bewirtung und Musik, außerdem viele Mitmachaktionen, Geschichten und Geschichte, gemeinsames Erleben und vieles mehr. Allein zehn Jahrgänge der letzten Jahrzehnte haben sich zum Mitfeiern angemeldet, laut Schulleiter Andreas Bosch wird mit rund 1.500 Gästen gerechnet.




