ENGSTINGEN. Am frühen Montagmorgen waren der Winterdienst des Landkreises und der Engstinger Bauhof bereits um 2.30 Uhr unterwegs, auf eisglatten Strecken auch mit Ketten. Der Deutsche Wetterdienst hatte Regen angekündigt, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, auf durchgefrorenen Boden. Die Glatteiswarnanlagen in Zainingen und Trochtelfingen ergänzten die Gefahrenprognose. Also raus auf die Straßen, um 7 Uhr, wenn der Berufsverkehr sich verdichtet, ist es schließlich zu spät, erklärte Frank Söll, Abteilungsleiter im Kreisstraßenbauamt bei einer Pressekonferenz zum Start der Streusalzsaison.
Die Pressekonferenz fand in diesem Jahr am Bauhof in Kleinengstingen statt. Dort steht neben dem Trockensalzturm aus dem Jahr 2011 jetzt ein Sole-Silo für Flüssigsalz. Das liegt im Trend: In Wasser gelöstes Salz bleibt auf den Straßen kleben, Trockensalz wird von Wind oder vom Verkehr zu einem guten Teil von den Straßen weggeblasen. Ineffizient, teuer und schlecht für die Umwelt, sagt Söll. Das Flüssigsalz kann dagegen zielgerecht und rechtzeitig - also vor dem Start des Berufsverkehrs - ausgebracht werden. Warum gibt es dann noch Trockensalz? Geschlossene Schnee- oder Glatteisdecken schafft die Sole nicht, Schnee und Eis sind ja Wasser und würden die Lösung weiter verdünnen. Und wenn's richtig kalt wird, funktioniert die Sole auch nicht mehr, weiß Engstingens Bauhofleiter Klaus Dieter Ninnemann. Die Kunst ist es also, die beiden Mittel im richtigen Verhältnis bereitzuhalten und einzusetzen.
Brückenschluss in Engstingen
Wobei das Feuchtsalz auch wegen des Klimawandels an Bedeutung gewinnt - geschlossene Schneedecken werden seltener, die Winter sind im Schnitt milder. Das Sole-Lager in Engstingen ist also wichtig für den Landkreis und die Gemeinde. Auf dem Bauhof arbeiten Kreis und Kommune Hand in Hand. Engstingen stellt Grund und Boden und die Infrastruktur, der Kreis errichtete und betreibt die Anlagen. Aufs Streugut können der Engstinger Bauhof und die Straßenmeisterei des Kreises zugreifen, eine Win-win-Situation, sind sich Söll und Engstingens Bürgermeister Mario Storz einig.
In Römerstein gibt es ein ähnliches Modell, mit demselben Hintergrund: Die gefüllten Streufahrzeuge des Kreises sind schneller an den Steigen. Besonders wenn nachgetankt werden muss, ist das ein entscheidender Vorteil und Engstingen schließt die Brücke etwa zu Honauer und Holzelfinger Steige. Den Sole-Mischanlagen kommt eine besondere Bedeutung zu. Söll rechnet bei allen Wetterunsicherheiten damit, dass 1,5 Millionen Liter im Kreis in der Saison 2025/26 gebraucht werden: »Mit Tankfahrzeugen kann man solche Mengen nicht heranschaffen.« Das meiste sei ja auch Wasser, der Sättigungsgrad der Sole liegt bei nur bis zu 22 Prozent Salz. Das Spezialsalz für die Sole zu transportieren, ist also wesentlich einfacher. Der Kreis hat darüber hinaus 6.100 Tonnen Trockensalz eingelagert. In der vergangenen Saison wurden 5.200 Tonnen gebraucht, im Spitzenwinter 2012/13 waren es allerdings 14.300 Tonnen. Bis zum Faktor 4 könnten die Einsatzmengen schwanken, macht Söll seine Planungsprobleme deutlich.
Rücksichtnahme hilft
Die Straßen im Land sollen unter der Woche von 6 bis 22 Uhr befahrbar sein, am Wochenende ab 7 Uhr. Dafür kann der Kreis auf 40 in Fahrsicherheitstrainings geschulte Fahrer und 25 Fahrzeuge zurückgreifen. Dazu kommen die Fahrzeuge der kommunalen Bauhöfe. Eine Tour, ein Umlauf darf bis zu drei Stunden dauern, der Landkreis schafft es in zweieinviertel, versichert Schöll. Die Tourenoptimierung gehört auch zu den Aufgaben seiner Abteilung, die vor dem ersten Schnee erledigt sein muss. Priorität beim Bahnen haben kritische Stellen wie die 128 Steigenkilometer im Kreis oder vielbefahrene Straßen wie die B27. Die Topografie stellt besondere Herausforderungen, zwischen 290 Metern über Meereshöhe in Mittelstadt und 880 Metern in Sonnenbühl liegen klimatische Welten.
Auch ein gut organisierter Winterdienst kann an seine Grenzen kommen. Falls es etwa erst in der Rushhour stark zu schneien anfängt und das Räumfahrzeug im Stau festhängt. Oder wenn es gar nicht mehr aufhört mit der weißen Pracht. Nicht nur dann können die Verkehrsteilnehmer ihren Teil dazu beitragen, dass der Verkehr auch im Winter fließt. Winterreifen sind die halbe Miete, eine angepasste Geschwindigkeit und Wachsamkeit bei wechselnden Straßenverhältnissen zwischen trocken, feucht und vereist schützen ebenfalls vorm Dreher. Und auch die Männer und Frauen des Winterdiensts beklagen zunehmend mangelnden Respekt und Rücksichtnahme. Also ein bisschen Mitdenken, »damit wäre uns sehr geholfen«, sagt Söll. (GEA)

