HOHENSTEIN. Schulsozialarbeit an Grundschulen? Das ist nicht selbstverständlich und auch keine Pflichtaufgabe, in Hohenstein aber schon seit 2022 Realität. Die Gemeinde leistet sich dieses Angebot aus eigenem Entschluss und vor allem aus Überzeugung, wie Bürgermeister Simon Baier zum Ausdruck brachte. Julia Hiltawsky ist mit einer halben Stelle an der Hohensteinschule beschäftigt, angestellt ist sie bei pro juventa - einem freien Träger der Jugendhilfe, den die Gemeinde Hohenstein mit der Aufgabe betraut hat. Inzwischen ist die Sozialarbeiterin so richtig an der Schule angekommen - was sich auch darin widerspiegelt, dass sie nun ein eigenes Zimmer dort hat. Dass die Kinder nicht mehr ins Lehrerzimmer müssen, sondern direkt bei ihr klopfen können, ist aus ihrer Sicht eine große Erleichterung und eine Hemmschwelle weniger.
Was beschäftigt sie und vor allem die Kinder im Schulalltag? Darüber berichtete sie im Gemeinderat, begleitet von Regina Groth, die die Schulsozialarbeit von pro juventa im Einzugsbereich der Organisation koordiniert. Groth nannte grundsätzliche Themen, die überall auftauchen - nicht nur, aber auch in Hohenstein. Schulabsentismus - umgangssprachlich: Schule schwänzen - nehme zu, nicht nur an weiterführenden Schulen. Mit Sorge beobachten Groth und ihre Kolleginnen an den Schulen vor Ort eine Zunahme psychischer Erkrankungen: »Essstörungen sind auf dem Vordermarsch«, so Groth, »auch angeheizt durch die sozialen Medien.«
Schönheitsideale in den sozialen Medien
Zum Umgang mit letzteren wollte Gemeinderat Markus Tress mehr wissen, er bat die Fachfrau auch darum, dem Thema Raum zu geben und ihre Sonderrolle zu nutzen: »Das ist nochmal anders, als wenn das Thema zuhause angesprochen wird.« Vieles, was da passiere, meint Tress, entziehe sich der Kontrolle der Eltern. An der Hohensteinschule gebe es die klare Regel, dass das Handy zwar mitgebracht werden darf, während des Unterrichts und auch in den Pausen aber im Ranzen bleiben muss, informierte Julia Hiltawsky. »Zu Mobbing in sozialen Medien muss man mehr machen«, pflichtete sie Tress bei, sie überlege aktuell, wie sie das Thema angehen will. Einen festen Platz im Unterricht der Klasse vier hat die Sexualpädagogik. Dann spricht die Sozialarbeiterin mit den Kindern auch über die Schönheitsideale, die in sozialen Medien vermittelt werden und »Bilder, die nicht der Realität entsprechen«.
Nicht nur die virtuelle Welt, sondern auch das reale Umfeld bringt Probleme mit sich, mit denen Kinder zu kämpfen haben. Regina Groth spricht von »belastenden Lebenswirklichkeiten in Familien«, ob es nun Nachwirkungen der Corona-Zeit sind oder die aktuelle weltpolitische und wirtschaftliche Lage, die Erwachsenen zu schaffen machen und auch den Kindern nicht verborgen bleiben. »In schwierigen Lebenslagen eine neutrale Ansprechpartnerin zu haben, ist für die Kinder sehr hilfreich«, schildert Julia Hiltawsky ihre Eindrücke. Ihre Hilfestellungen sind sehr konkret: Bei Verhaltensauffälligkeiten wie beispielsweise ADHS gibt sie den Kindern Tipps, wie man im Unterricht weniger abschweift und eher bei der Sache bleibt.
Wut ist derzeit ein großes Thema
Aufgefallen ist der Sozialarbeiterin auch, »dass Kinder oft wütend werden. Wut ist gerade ein großes Thema«. Impulskontrolle und die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, ohne dass es in Streit ausartet, hat sie deshalb auf der Agenda. Bauchgrummeln oder geballte Fäuste? »Ich gebe den Kindern Strategien mit, wie sie ihren Körper beruhigen«, sagt sie. Gewaltfreie Kommunikation, Streitschlichtung und den Umgang mit Diversität und Sprachbarrieren, auch im Kontext des sozialen Gefüges der Klasse - wer sind die Wortführer, wer sind die Außenseiter? - behandelt die Sozialarbeiterin ebenfalls sehr konkret in Projekten. Auch Freundschaft ist etwas, das die Jungen und Mädchen in diesem Alter sehr beschäftigt: »Es geht darum, wie man sie schließt und aufrecht erhält.«
Ganz zentral ist das Thema Selbstwert. Julia Hiltawsky hilft den Kindern, ihre Stärken zu erkennen und weiter zu stärken. Wie's funktioniert, erklärte sie den Gemeinderäten am Beispiel: Die Schüler dürfen sich ein »Krafttier« ausdenken, das gemalt oder gebastelt wird. Welche Superkräfte hat es? Mit dieser Frage gehen die Kinder selbst auf die Suche nach ihren eigenen Stärken. Auch eine AG bietet die Sozialarbeiterin zu diesem Bereich an, der Name ist Programm: »sich stark und gut fühlen«.
Neue Partner für tiergestützte Pädagogik
Erlebnispädagogik für die ganze Klasse, ein Selbstverteidigungskurs, ein Theaterworkshop zum Thema Werte, der dieses Jahr noch über die Bühne gehen soll, und gemeinsame Projekte mit der Landeszentrale für politische Bildung, nächstes Mal voraussichtlich im Bereich Kinderrechte: Die Bandbreite der Angebote, die Julia Hiltawsky den Lehrern und Schülern macht, ist groß. Ein sehr erfolgreiches war und ist - noch - »PS«. Die Schulkinder durften bisher einen Hof mit Pferden in Bleichstetten besuchen. »Körpersprache und Achtsamkeit lassen sich hier gut erlernen, weil Pferde eine direkte Rückmeldung geben«, erklärt die Fachfrau. »Jetzt aber sind die Pferde leider zu alt.« Zurzeit sucht sie nach Fördermöglichkeiten für tiergestützte Pädagogik und Kooperationspartnern, damit das Projekt eine Zukunft hat.
Enger zusammenarbeiten will sie künftig mit Raimund Jäger, der die offene, mobile Jugendarbeit in der Gemeinde übernommen hat. Auch die neu eingeführte Schülermitverwaltung (SMV) ist für Julia Hiltawsky ein wichtiger Schlüssel fürs gute Miteinander an der Schule. Die jüngste Aktion, eine Schulkino-Vorführung, war ein voller Erfolg: »Von 160 Schülern sind 150 Schüler gekommen.« (GEA)

