PFULLINGEN. Es ist lang her, genauer gesagt 564 Jahre, und doch weiß man dank einer schreibfreudigen Pfullinger Klarissin vieles über die Flucht von 31 Nonnen aus Brixen ins Kloster der Echazstadt im Dezember 1461. Das spektakuläre Ereignis rollte Professorin Waltraud Pustal, Vorsitzende des Geschichtsvereins Pfullingen, bei der Aktion des Lebendigen Adventskalenders am Mittwochabend auf. 54 Gäste begaben sich mit ihr auf Spurensuche.
Gemeinsam mit Pustal erkundeten die Besucher alle drei stimmungsvoll beleuchteten Etagen der Klosterkirche sowie den Platz vor dem Sprechgitter und das Waschhaus, das ein kleines Museum beherbergt. »Wir machen uns auf den Weg wie die Nonnen damals«, so Pustal. An jeder ihrer Stationen hatte sie für die Gäste vier Bildchen parat, die das Erzählte illustrierten. Sie zeigten beispielsweise Alt-Pfullingen, mit dem der Vortrag im Obergeschoss begann. 1461 habe Graf Eberhard im Bart in Pfullingen geherrscht, das 1476 vermutlich um die 2.000 Einwohner zählte.
»Eine Ziegelhütte am Eierbach lässt darauf schließen, dass einige Gebäude damals bereits mit Ziegeln statt mit Stroh gedeckt waren,« berichtete die Referentin. Es gab die Martinskirche und sechs Kapellen. »Man glaubte an Himmel und Hölle, das ganze Leben war von der Gottesfurcht durchdrungen.« Klöster, wie der wohlhabende Klarissenkonvent in Pfullingen, hatten auch die Aufgabe, für das Seelenheil der Verstorbenen zu beten. Während Armut zu den Regeln der Heiligen Klara gehörte, sei die Weltabgeschiedenheit, von der bis heute das berühmte Sprechgitter zeugt, jedoch vom Papst aufgezwungen worden. 1413 gehörten 64 Klosterschwestern zum Konvent.
Den zweiten Stock hatte die Referentin dem Ort Brixen gewidmet, damals regiert von Herzog Sigismund von Tirol. Seine Absicht, die landesfürstliche Macht auf kirchliche Gebiete auszudehnen, führte zu Konflikten mit dem Hochstift Brixen. Als Sigismund 1460 den Brixener Bischof Nikolaus Cusanus gefangen nehmen ließ, folgte die drastische Strafe des Kirchenbanns auf dem Fuß. »Dies betraf auch das Klarissenkloster dort«, so Waltraud Pustal. Den Nonnen wurde geistliches Leben untersagt, der Beichtvater entzogen und sogar der Tod angedroht.
Sozusagen bei Nacht und Nebel flohen die Nonnen in mehreren Karren über Innsbruck und Kempten nach Pfullingen. Man weiß, dass Erzherzogin Mechthild, Mutter des Grafen Eberhard, sie herzlich in Empfang nahm und verköstigte, kennt allerdings nicht den genauen Ort dieser Zwischenstation. In Pfullingen schließlich verbrachten die beiden Klarissenkonvente drei Jahre in Eintracht und seien schließlich so verbunden gewesen, dass ein Todesfall aus der einen Gemeinschaft oft einen weiteren aus der anderen nach sich gezogen habe. Weitaus bedeutsamer ist jedoch die Reform des Pfullinger Klosters durch die Brixener Nonnen. Denn in Pfullingen wie auch in vielen anderen Klöstern hatte die strenge Observanz der Regeln nachgelassen. Unter anderem verfügten die Nonnen jetzt über Privateigentum.
Am 11. November 1464 schließlich zogen 18 Schwestern wieder nach Brixen zurück, wo sich die Verhältnisse inzwischen entspannt hatten. Fünf Nonnen blieben allerdings in Pfullingen. Im Waschhaus erfuhren die Gäste, dass die hiesigen Klarissen eifrig geistliche Bücher durch Abschreiben vervielfältigten. Wichtiges Zeugnis der Gedankenwelt nach der Reform von 1461 ist die »Pfullinger Liederhandschrift« mit ihren Kontrafakturen, der Umdichtung bekannter weltlicher Lieder auf einen geistlichen Inhalt. (GEA)

