PFULLINGEN. Ein großes Hallo gab es in der Gaststätte Südbahnhof, als sich knapp 70 Handwerksmeister aus 25 Berufen trafen und sich teils überschwänglich begrüßten. Vom Bäcker über den Dreher und Fliesenleger bis hin zum Gerber oder Mechaniker oder Stuckateur reichten die Sparten. Das Besondere daran: Die Fachmänner und nur wenige Fachfrauen hatten zum einen die Lebensmitte bereits überschritten, außerdem hatten alle vor 50 Jahren den Schritt zur beruflichen Fortbildung gewagt und ihre Meisterprüfung abgelegt.
Deshalb hatte die Kreishandwerkerschaft Reutlingen wieder einmal zur Verleihung der Goldenen Meisterbriefe eingeladen, die in Anwesenheit zahlreicher Obermeister und Hauptgeschäftsführerin Christiane Nowottny überreicht wurden. »Mit der Meister-Fortbildung haben Sie, egal ob als Selbstständiger oder in leitender Funktion eines Betriebes, maßgeblich zur positiven Entwicklung unserer Volkswirtschaft beigetragen«, dankte Kreishandwerksmeister Steffen Mohl in seiner Ansprache.
Viele Mechaniker, nur ein Bäcker
145 Gesellen, »etwas weniger als im Vorjahr«, hätten 1975 ihre Meisterprüfung abgelegt. Leider habe man nur 65 davon überhaupt wieder ermitteln können, weil manche bereits verstorben seien oder man bei anderen ihren Wohnsitz nicht habe feststellen können. Größte Prüfungsgruppen wären 1975 Mechaniker, Elektroinstallateure sowie Maler und Schreiner gewesen, zählte Mohl auf. In anderen Gewerken habe es aber auch nur wenige oder sogar nur einen Prüfling gegeben, so etwa nur einen Bäcker, einen Gerber oder einen Buchdrucker. Älteste anwesende Jubilare seien Friseurmeisterin Gudrun Wenzky mit 76 Jahren sowie der 85-jährige Mechanikermeister Dieter Klaus Baranski.
»Wenn wir uns an 1975 erinnern, denken wir in erster Linie an die erste Nachkriegsrezession«, blickte Mohl zurück. Als Folge der Ölkrise zwei Jahre vorher und einer weltweiten Konjunkturflaute habe die BRD damals das erste negative Wirtschaftswachstum seit 1949 erzielt. »Erstmals gab es auch über eine Million Arbeitslose.«
Im Bereich Wirtschaftswachstum könne man Parallelen zur aktuellen Wirtschaftssituation erkennen. Während 1975 vor allem die Schwerindustrie mit Kohle und Stahl mit strukturellen Problemen zu kämpfen hatte, seien es heute der Maschinenbau oder die Automobilwirtschaft. Auf sportlicher Ebene gewann der FC Bayern zum zweiten Mal den Europapokal der Landesmeister, während Borussia Mönchengladbach Deutscher Fußballmeister wurde. Damals habe Bill Gates außerdem mit der Gründung von Microsoft die PC-Ära gestartet, erinnerte Mohl weiter. »Der Siegeszug hält bis heute an und wir reden von Digitalisierung und dem neuen Schlagwort KI als Fortsetzung dieser Entwicklung.«
GOLDENE MEISTERBRIEFE
Bäcker: Edmund Kiehlneker Buchdrucker: Fritz Rehm Dreher: Jakob Morgenstern Elektroinstallateur: Ranold Boksan, Albert Löffler, Herbert Rukwid Elektromechaniker: Hartmuth Kamenz, Dietmar Löffler, Erich Schlotterbeck, Heini Steimle, Rolf Veit Fleischer: Fritz Holder, Klaus Muncan, Raimund Pfendler Fliesenleger: Wilfried Neuscheler Friseur: Ute Brodbeck, Claus Ludwig, Gabriele Marks, Francesco Spagnuolo, Gudrun Wenzky Gerber: Peter Coppee Installateur und Zentralheizungsbauer: Willi Grossberger Konditor: Günter Mayer Kraftfahrzeugmechaniker: Dieter Armbruster, Gerhard Buss, Hans-Joachim Dannecker, Hans Christian Eberhardt, Helmut Goetz, Gerhard Herrmann, Werner Koch, Rolf Kosemund, Peter Kuhn, Joachim Mettenberger, Dieter Rinker, Herbert Schneider. Land- und Baumaschinen-mechaniker: Fritz Stiefel Maler und Lackierer: Wilhelm Raach, Helmut Rauscher Maurer: Konrad Digel, Rudi Failenschmid, Jörg Müller Mechaniker: Dieter Klaus Baranski, Willi Brodbeck, Gottfried Klein, Ernst Pfäffle, Roland Schanz, Gerhard Schweikardt, Peter-Gustav Seith, Hermann Teufel, Sighart Vöhringer Metzger: Klaus Muncan Radio- und Fernsehtechniker: Walter Ankele, Wilhelm Haug Schlosser: Arnold Gestrich Schornsteinfeger: Wolfgang Mussotter Schreiner: Eugen Bauer, Michael Pless, Walter Schütz, Friedrich Ulmer Schriftsetzer: Ditmar Neumann Steinmetz- und Steinbildhauer: Herbert Benz Stuckateur: Georg Baisch Werkzeugmacher: Jürgen Schäfer Zahntechniker: Erich Keppler Zentralheizungs- und Lüftungsbauer: Willi Grossberger, Werner Kern, Robert Uberich Zimmerer: Otto Lamparter
Es sei alles andere als selbstverständlich gewesen, sich in diesem Umfeld einer Meisterprüfung zu stellen. »Im Gegenteil: die Meisten von Ihnen haben sich, neben der beruflichen Tätigkeit, in einem Kurs auf die Prüfung vorbereitet«, lobte Mohl und schloss: »Deshalb wollen wir Ihnen heute für Ihre berufliche Lebensleistung danken. Ein Land wie Deutschland, ohne große Bodenschätze und Ressourcen, ist auf die Qualifikation, das Engagement und die Motivation der Arbeitnehmer sowie den Mut und die Weitsicht der Unternehmer angewiesen.«
Es sei heute der Tag der Meister, konstatierte Alexander Wälde, Präsident der Handwerkskammer. Wenn er in die Runde blicke, sehe er viele »Gesichter voller Erfahrung, Stolz und Zufriedenheit, Gesichter, die 50 Jahre Handwerksgeschichte verkörpern«.
Symbol für Können und Fleiß
Vor 50 Jahren hätten die Geehrten ihren Meisterbrief in den Händen gehalten, ein Symbol für Können, Fleiß, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, mehr zu leisten als andere. 1975 sei ein Jahr zwischen Krisen und Aufbrüchen gewesen, dennoch war das Vertrauen ins Handwerk ungebrochen, es hatte einen hohen Stellenwert, so Wälde. »Selbst ist der Mann«, sei der Satz des Jahrhunderts gewesen, der Handschlag zählte noch mehr als jedes Formular. Schlagworte wie Energieeffizienz, Dämmung, alternative Werkstoffe seien damals erstmals wichtig geworden, heute stünden außerdem Themen wie Fachkräftemangel, Klimawandel oder Digitalisierung und Bürokratie auf der Agenda. »Sie haben als Unternehmer, als Ausbilder, als Vorbilder Ihrer Generation Ihre Generation geprägt, Lehrlinge ausgebildet oder Betriebe aufgebaut, ohne Sie wäre der Landkreis Reutlingen nicht das, was er heute ist, nämlich eine wirtschaftlich starke, lebenswerte und vielseitige Region«, zollte Wälde Respekt und Anerkennung.
Musikalisch wurde die Veranstaltung von einer Abordnung des Musikvereins Eningen umrahmt, im Anschluss an den offiziellen Teil war noch Zeit für den Austausch mit Kollegen bei Kaffee und Kuchen. (GEA)

