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Ukrainische Schüler in Pfullingen: Das Heimweh bleibt

32 ukrainische Schüler besuchen derzeit das Pfullinger Gymnasium. Blick ins Klassenzimmer ein Jahr nach Kriegsbeginn

Tatiana Holtorf gibt seit Herbst ukrainischen Schülern Deutsch-Unterricht am Friedrich-Schiller-Gymnasium. FOTOS: WEBER
Tatiana Holtorf gibt seit Herbst ukrainischen Schülern Deutsch-Unterricht am Friedrich-Schiller-Gymnasium. FOTOS: WEBER
Tatiana Holtorf gibt seit Herbst ukrainischen Schülern Deutsch-Unterricht am Friedrich-Schiller-Gymnasium. FOTOS: WEBER

PFULLINGEN. Herman hat ein großes Faible für Origami, Ivan interessiert sich besonders für Technik und Ingenieurwesen, Roman tanzt leidenschaftlich gern. Drei Teenager, mit unterschiedlichen Interessen, die ein Schicksal eint: Am 24. Februar 2022 hat sich mit dem russischen Angriff auf die Ukraine ihr Leben von Grund auf verändert. Alle drei mussten ihre Heimat zurücklassen und sind geflohen – nach Pfullingen. Heute sind sie Klassenkameraden. Besuchen wie 29 weitere ukrainische geflüchtete Jugendliche eine der zwei Vorbereitungsklassen (VKL) am Friedrich-Schiller-Gymnasium (FSG). Der GEA hat sich einen Tag lang zu ihnen auf die Schulbank gesetzt.

In den Vorbereitungsklassen werden die ukrainischen Schüler dabei unterstützt, Deutsch zu lernen, damit sie möglichst bald am regulären Unterricht teilnehmen können. Mit Beginn des Schuljahres 2022/23 wurde am FSG die erste VKL für ukrainische Jugendliche eröffnet, kurz darauf eine zweite Klasse. Deutsch-Unterricht erhalten die Schüler von zwei russischsprachigen Pädagoginnen, die seit dem Herbst des vergangenen Jahres das FSG-Team verstärken. Zwei Mütter von Schülern, die in der Ukraine als Lehrerinnen gearbeitet haben, geben Mathe und Englisch. Auch Kunst, Sport und Demokratiebildung gehören zu den Fächern, in denen die Schüler unterrichtet werden.

»Ich will sie nicht unter- aber auch nicht überfordern«

Seit Oktober unterrichtet Tatiana Holtorf eine der Vorbereitungsklassen am FSG. Insgesamt 16 Schüler und Schülerinnen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren besuchen ihre Klasse. In der ersten Stunde im Untergeschoss des C-Baus geht es an diesem Tag mit einem Gedicht von Annegret Kronenberg los: »Februar«. Hausaufgabe war es, das Gedicht auswendig zu lernen. Tymur macht den Anfang. Die meisten Worte sitzen. Manchmal fehlt eines, dann hilft Holtorf auf die Sprünge.

Für die Faschingsfeier haben die ukrainischen Schüler einen Tanz einstudiert – angeleitet vom 16-jährigen Roman (zweiter von rec
Für die Faschingsfeier haben die ukrainischen Schüler einen Tanz einstudiert – angeleitet vom 16-jährigen Roman (zweiter von rechts), der leidenschaftlicher Tänzer ist. Er hat weiterhin vor, seinen Schulabschluss in der Ukraine zu machen. Foto: Melinda Weber
Für die Faschingsfeier haben die ukrainischen Schüler einen Tanz einstudiert – angeleitet vom 16-jährigen Roman (zweiter von rechts), der leidenschaftlicher Tänzer ist. Er hat weiterhin vor, seinen Schulabschluss in der Ukraine zu machen.
Foto: Melinda Weber

Holtorf, 43, hat Germanistik und Deutsch als Fremdsprache studiert und ist in Russland geboren. Ihren Unterricht hält sie auf Russisch. Am Anfang habe sie die Schüler gefragt, ob das in Ordnung sei, sagt sie. Das war es. »Viele der Schüler kommen aus Charkiw oder der Ostukraine«, würden daher auch untereinander hauptsächlich Russisch sprechen. Die Klasse sei bunt gemischt, sowohl was das Alter der Schüler, wie auch die Deutschkenntnisse angeht. Nur wenige hatten in der Ukraine Deutschunterricht. Eine Herausforderung, auch für Holtorf. Ein passendes Lehrbuch zu finden, sei nicht einfach gewesen. »Ich will sie nicht unter- aber auch nicht überfordern.« Den Unterricht versuche sie so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten. Videos, Spiele, aber auch Ausflüge stehen neben Grammatik, Konversation und Vokabeln lernen auf dem Programm. Am Anfang habe etwa die ganze Klasse eine Schnitzeljagd gemacht, die Schüler mussten den Weg zum Klostersee finden und sich bei Passanten durchfragen.

Nach den Faschingsferien steht in Holtorfs Klasse nun ein Wechsel an. Sechs Schüler und Schülerinnen werden dann eine reguläre Schulklasse besuchen. Ihre Deutschkenntnisse sollten mittlerweile ausreichen, um dem Unterricht folgen zu können. Der Übergang ist schrittweise geplant. Zunächst werden sie die naturwissenschaftlichen Fächer gemeinsam mit den Schülern der Regelklasse besuchen, die restlichen Stunden lernen sie weiterhin mit ihren ukrainischen Klassenkameraden Deutsch. Ziel sei es, dass sie am Ende des Schuljahres komplett in den Regelunterricht wechseln können, erklärt Holtorf.

Erfahrungen mit dem normalen Unterricht haben bereits einige Schüler gemacht. Als kurz nach Kriegsbeginn die ersten Flüchtlinge in Deutschland ankamen, wurden die Schüler an die Schulen verteilt, dort besuchten sie zunächst die normalen Klassen, wie es etwa an den Grundschulen noch immer der Fall ist. Nachdem die ukrainischen Vorbereitungsklassen dann zum Start des neuen Schuljahres bewilligt waren, sind sie ans FSG gewechselt.

In Deutschland und am FSG hätten sie sich von Anfang an willkommen gefühlt, erzählen die Schüler. Viele haben hier mittlerweile Freundschaften geknüpft. Manch einer empfindet Deutsch als schwere Sprache, andere wiederum sagen, es sei eher leicht zu lernen. Dass der Unterricht in der Ukraine schwerer sei, findet die 15-jährige Polina. Sie freut sich, wie die meisten Schüler, die ab Montag die Regelklasse besuchen werden, auf den anstehenden Wechsel in die normale Klasse. So auch der gleichaltrige Herman. Er ist mit seinen Großeltern nach Pfullingen geflohen, seine Eltern sind weiterhin in der Ukraine. Zurück in die Heimat will er dennoch nicht. Stattdessen hat er bereits sehr konkrete Pläne: Das Abitur schaffen, Jura studieren und nach Frankfurt ziehen – »das New York Europas«, so habe er es gehört.

Schild im Klassenzimmer der VKL.
Schild im Klassenzimmer der VKL. Foto: Melinda Weber
Schild im Klassenzimmer der VKL.
Foto: Melinda Weber

Wieder andere würden gerne wechseln, sind mit den Sprachkenntnissen allerdings noch nicht ganz so weit. Und es gibt auch Schüler, die könnten in den Regelunterricht wechseln – wollen das aber vorerst nicht. Der 16-jährige Roman etwa. Sein Deutsch ist gut, doch wichtiger als in das deutsche Schulsystem integriert zu werden, ist es ihm, so schnell wie möglich wieder in die Ukraine zurückkehren zu können. Nächstes Jahr würde er dort in die Abschlussklasse kommen – er hat noch immer die Hoffnung seinen Abschluss in seiner Heimat machen zu können.

Er wolle einmal Tänzer werden, erzählt er. Zeigt später auf dem Smartphone ein Video von sich beim Tanzen – lateinamerikanischer Tanz. Medaillen hat er bereits gewonnen. Für die Faschingsfeier am FSG hat er nun mit der ganzen Klasse einen Tanz einstudiert. Kurz vor dem Ende der zweiten Stunde wird im Klassenraum die Musik aufgedreht und noch mal geprobt.

Im A-Bau bereitet sich derweil die ukrainische Klasse von Marina Lisavcova, gebürtige Ukrainerin und Russisch-Dozentin, auf ein besonderes Zusammentreffen vor. Ihre ukrainischen Schüler besuchen heute eine andere sechste Klasse, ein erstes Kennenlernen. In kleinen Gruppen sollen sich die Schüler gegenseitig befragen, über das Lieblingsessen, die Heimat und die Kultur des Gegenübers.

Iryna Manukhina hat in der Ukraine als Englisch- und Geschichtslehrerin gearbeitet. Am FSG unterrichtet sie die ukrainischen Sch
Iryna Manukhina hat in der Ukraine als Englisch- und Geschichtslehrerin gearbeitet. Am FSG unterrichtet sie die ukrainischen Schüler in Englisch. Foto: Melinda Weber
Iryna Manukhina hat in der Ukraine als Englisch- und Geschichtslehrerin gearbeitet. Am FSG unterrichtet sie die ukrainischen Schüler in Englisch.
Foto: Melinda Weber

Lehrerin Sabine Störk hat Fragen in beiden Sprachen vorbereitet, die Sechstklässler fragen auf Ukrainisch, die ukrainischen Schüler versuchen sich auf Deutsch. Die 66-jährige Lisavcova huscht von Tisch zu Tisch und hilft dort, wo es klemmt. Turnen, Fußball, das Lieblingsessen: »Es wird schnell nach den Gemeinsamkeiten gesucht«, beurteilt Störk nach dem Experiment.

Dass mit Holtorf und Lisavcova zwei pädagogische Fachkräfte gefunden werden konnten, die die Vorbereitungsklassen betreuen können, sei ein großes Glück, betont Störk. Ebenso, dass der VfL Pfullingen beim Sportunterricht aushilft. Und vor allem, dass auch die zwei ukrainischen Mütter, die in ihrer Heimat als Lehrerinnen gearbeitet haben, nun einen Teil des Unterrichts mitgestalten. Dass ihre Kinder aktuell in separaten Klassen untergebracht sind, stoße allerdings nicht bei allen ukrainischen Eltern auf Zustimmung, berichtet Störk, die zum Schulleitungsteam des FSG gehört. Einige sähen ihre Kinder lieber schon jetzt in die normalen Klassen integriert. Viele der Kinder hätten grundsätzlich ein sehr hohes Bildungsniveau, sagt Störk, die Sprachbarriere sei in den meisten Fällen aber einfach noch zu groß. Für einige sei zudem der Umgang mit der lateinischen Schrift komplett neu. »Man muss den Eltern erklären, dass die Vorbereitungsklasse kein Abstieg ist«, sagt sie. Die große Herausforderung und Aufgabe sei es, individuell auf jedes der Kinder einzugehen.

UKRAINISCHE SCHÜLER IN BADEN-WÜRTTEMBERG

Zahlen und Fakten

Laut Kultusministerium gab es bis Ende Januar 29 326 geflüchtete Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine an Baden-Württembergs Schulen. 5 000 davon in Regelklassen, über die Hälfte in Grundschulen. Die meisten ukrainischen Schüler besuchen demnach Vorbereitungsklassen. Der Unterricht für geflüchtete Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse in einer Vorbereitungsklasse ist auf ein bis zwei Jahre angelegt. Kritik bezüglich der Vorbereitungsklassen kam unter anderem vom Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg. Er warnte davor, die geflüchteten Kinder aus der Ukraine in den Schulen zu isolieren. Man müsse grundsätzlich so schnell wie möglich dafür sorgen, dass sie auch mit anderen Kindern in Kontakt treten. (GEA)

Iryna Manukhina ist eine der beiden Mütter, die aktuell am FSG unterrichten. In der Ukraine hat sie als Englisch- und Geschichtslehrerin an einem Internat gearbeitet. Gemeinsam mit der anderen Mutter, die nun am FSG ist. Über einen Sprachkurs an der Pfullinger VHS sei letztlich der Kontakt zum FSG entstanden, erzählt Manukhina.

Neben dem regulären Englischunterricht spreche sie mit den ukrainischen Schülern auch viel über ihr Heimatland, die Kultur, Unterschiede zu Deutschland. Etwas, worum es auch in dem Fach Demokratiebildung geht, das zum offiziellen Bildungsplan der Vorbereitungsklassen gehört. Themen wie Gleichberechtigung, Menschenrechte sowie kulturelle Besonderheiten – etwa das traditionelle Sternewürfeln – gehören da zum Programm. Am FSG habe man das Fach allerdings in »Kultur und Gesellschaft« umbenannt, erzählt Störk.

Auch Manukhina hält es grundsätzlich für sinnvoll, wenn die Schüler schnell in die regulären Klassen integriert werden. Dass ihr Sohn Roman da hin und hergerissen ist, kann sie dennoch nachvollziehen. Unter den Schülern gebe es einige, die nicht planen, in die Ukraine zurückzukehren. Die seien sehr motiviert, hier Fuß zu fassen, beobachtet sie. Anderen, wie Roman etwa, der noch immer die Hoffnung hat, seinen Schulabschluss in der Ukraine machen zu können, fehle diese Motivation. Sie hofft ebenfalls weiterhin jeden Tag, dass der Krieg bald endet und sie mit ihren Kindern in ihre Heimat zurückkehren kann. Auch sie wünscht ihrem Sohn, dass er seinen Schulabschluss in seinem Heimatland, der Ukraine, machen kann – und vor allem, dass er dort wieder tanzen kann. (GEA)