PFULLINGEN. Wenn sie denn wollten, dann könnten viele Pfullinger auf den Drahtesel umsteigen. Ob sie das tun, das ist wieder eine andere Frage. In der jüngsten Sitzung des Pfullinger Gemeinderats stellte Leila Hagen das Radverkehrskonzept des Kreises vor. Das war insofern für das Gremium nicht ganz überraschend, weil viele der 37 darin vorgeschlagenen Maßnahmen die Stadt schon im Zuges des kürzlich beschlossenen Mobilitätskonzept auf dem Radar hat.
Noch ist die Fortschreibung des Radverkehrskonzepts des Kreises nicht in trockenen Tüchern. Pfullingens Bürgermeister Stefan Wörner geht aber davon aus, dass der Beschluss im Kreistag noch im Juni fällt. Bisher, so die Radverkehrsplanerin Leila Hagen, sei das Radverkehrskonzept mehr auf die touristischen Belange ausgerichtet gewesen. Das ändert sich mit der Fortschreibung. Dabei geht es vor allem darum, das Radverkehrsnetz so auszubauen oder zu verbessern, dass es auch für Alltagsfahrten attraktiver wird. Und gerade für diese alltäglichen Toren gibt es in der Stadt ein großes Potenzial.
Ideale Entfernungen fürs Rad
112.000 Wege werden täglich in Pfullingen begonnen und/oder haben ihr Ziel in der Echazstadt. 90.000 davon sind maximal zehn Kilometer lang, davon 50.000 wiederum kürzer als fünf Kilometer. Ideale Entfernungen, so Hagen, um diese Fahrten mit dem Fahrrad oder dem E-Bike zurückzulegen. Momentan steigen in Pfullingen aber nur sechs Prozent aufs Rad, weitere sechs Prozent gehen zu Fuß und elf Prozent nehmen den Bus. Das heißt im Umkehrschluss, mehr als dreiviertel der Fahrten werden per Auto, Motorrad oder Lkw erledigt.
Der Kreis hat auch ermittelt, wo heute die meisten Radfahrer unterwegs sind und wie viele Fahrten auf diesen Verbindungen theoretisch möglich wären. Ganz vorne - und damit von außerordentlicher Bedeutung - liegt in diesem Ranking der Radweg auf der alten Bahntrasse zwischen Südbahnhof und Hortense. Bis zu 40.000 Radfahrten pro Tag seien möglich. Dass diese Zahl nie erreicht wird, stellte die Radverkehrsplanerin gleich klar: »Wenn wir 25 Prozent davon schaffen, ist es gut.« Es gehe nur darum, aufzuzeigen, wo die Schwerpunkte für Verbesserungen liegen sollten. Gleichwohl kritisierte Thomas Mürdter (SPD) die vorgelegten Zahlen, die unter anderem auch im Bereich der Römerstraße auf Höhe des Kreisverkehrs ein Potenzial von 21.000 Radfahrten aufzeigen. »In Pfullingen steigt keiner dreimal am Tag aufs Rad.« Er hält die Zahlen für Luftnummern, die letztlich auch Begehrlichkeiten weckten. Er appellierte, solche Zahlen nicht zu verwenden.
37 Maßnahmen vorgeschlagen
In die gleiche Richtung war die Anfrage von Timo Plankenhorn (CDU) gegangen: Er wollte wissen, warum die Potenzialanalyse so viel Radfahrer im Bereich Arbach für möglich halte und dann an der Hortense gerade noch ein Drittel davon ankämen? Das zeige, so Hagen, dass viele Pfullinger in der Nähe arbeiten. Und sie wies nochmal darauf hin, dass diese Zahlen nur aufzeigen sollen, welche Strecken sich besonders für Verbesserungen eignen. Dafür hat die Planerin 37 Maßnahmen ausgearbeitet, um das Radfahren in Pfullingen attraktiver zu machen.
Diese reichen vom Ausbau der Radwege unter anderem im Bereich der Römerstraße bis zur Verbesserung der Beleuchtung auf der Bahntrasse oder die Bevorrechtigung des Radverkehrs. Für Lächeln im Gremium sorgte der Vorschlag, den Belag der Zufahrt zum Übersberg etwa im Bereich der Eisenhütte zu verbessern. »Gibt's da Fördermittel?«, fragte der Bürgermeister, denn die Sanierung der Zufahrt ist schon lange Thema im Rat und wird aufgrund der Kosten immer wieder geschoben.
Für Anke Burgemeister (GAL) zeigt das Konzept, das große Potenzial der Stadt in Bezug auf den Radverkehr auf und damit die Chance, Lärme und Abgase zu reduzieren und die Aufenthaltsqualität in der Stadt zu verbessern. Ein klares Ergebnis ist für sie, die Bahntrasse müsse erhalten und ausgebaut werden. Sie fragte, ob es Möglichkeiten gebe, die Radverkehrsgruppe in den weiteren Prozess einzubinden. Das geschehe schon, erklärte Bürgermeister Wörner. Die Vorschläge des Kreises deckten sich fast vollständig mit den Maßnahmen, die im Mobilitätskonzept gemeinsam mit der Gruppe erarbeiten worden seien.
Umsetzung noch offen
Ute Jestädt (UWV) wies darauf hin, dass es für die Weststadt keine guten Verbindungen weder Richtung Reutlingen noch Richtung Freibad gebe. Sie wollte auch wissen, ob die Radverkehrsplanung an der Grenze zu Reutlingen ende. Die Nachbarstadt habe ihr eigenes Konzept, so Hagen: »Wir versuchen aber zu vermitteln, denn es müsse Einheitlichkeit ins System rein.« Walter Fromm (SPD) brachte dann auch noch die Abstimmung mit den Planungen für die Regionalstadtbahn ins Gespräch, bevor Bürgermeister Wörner an die Radverkehrsplanerin gerichtet erklärte: »Sie sehen, wir diskutieren freudig.« Das sei auch richtig so. Und der Bürgermeister erwartet weitere Diskussionen, wenn es darum geht, die einzelnen Maßnahmen umzusetzen. Wann das geschieht, ist offen. Diese seien als Handlungsempfehlung zu bewerten und würden je nach Priorität, finanzieller Auswirkungen und Realisierbarkeit umgesetzt, ist in der Verwaltungsvorlage zu lesen. Das nahm der Gemeinderat ebenso wie das Konzept zur Kenntnis. (GEA)

