Zugegebenermaßen – ein Briefeschreiber vor dem Herrn war ich noch nie. Und diejenigen, die ich in den Zeiten, als man in der Schule noch »Die neuen Leiden des jungen W.« las, schrieb, kamen zwar gut an, erreichten aber nie den von mir erhofften Zweck. Vielleicht trug das mit dazu bei, dass das in noch jüngeren Jahren angefangene Briefmarken-Album mehr oder weniger achtlos im Bücherregal stand und nur die Einsteckfächer der ersten Seiten wahllos gefüllt waren mit all dem, was meine Oma in einer Schuhschachtel aufbewahrt hatte oder mein älterer Bruder aufgrund von Nichtbeachtung weitergab – ein paar alte Reichspostmarken, die jeder hatte, und vielleicht eine Handvoll Sondermarken.
Daher muss ich einräumen, dass das Problem, über das vor Kurzem ein Pfullinger telefonisch der GEA-Redaktion berichtete, nicht sofort meine journalistische Gier weckte. In der Pfullinger Postfiliale in der Kirchstraße gebe es keine Sondermarken mehr zu kaufen, teilte der Mann mit. Bisher sei das immer an jedem ersten Donnerstag im Monat möglich gewesen. Dieses Mal musste er aber unverrichteter Dinge abziehen, mit dem Hinweis, die Sondermarken gebe es noch in der Hauptpost in Reutlingen. Ob er nun dort die Aprilmarke, 85-Cent, nassklebend, erstanden hat, die Immanuel Kant und ein Gehirn mit Flügeln zeigt, das aus einem Käfig flieht, und dem Zitat »Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen«, ist nicht bekannt.
Kants Satz regte aber an, einmal nachzufragen, warum die Sondermarke mit dem Antlitz des deutschen Denkers in Pfullingen nicht mehr zu kaufen ist. Wohl wissend, dass man als Journalist bei der Post nicht einfach anrufen kann – zugegebenermaßen auch bei anderen Unternehmen oder auch Behörden nicht mehr –, sondern inzwischen seine Fragen schriftlich einreichen muss: »Ich würde gerne mit Ihnen über den Sondermarkenverkauf der Post reden. Neben der Frage, warum diese seit April nicht mehr in der Postfiliale in Pfullingen erhältlich sind, würde ich gerne erfahren, ob es zum Verkauf eine einheitliche Regelung gibt. Außerdem würde mich interessieren, wie groß der Markt für Sondermarken noch ist? Wer kauft diese? Sinken die Auflagen? Gibt es Trends? Wie wird ein Thema zu Sondermarke?« Stoff genug für einen hinreichend spannenden Artikel.
Die Pressestelle der Post in Stuttgart antwortete prompt: »Wirtschaftlichkeit ist in herausfordernden Zeiten ebenso wichtig wie der achtsame Umgang mit der Umwelt und Ressourcen. Es gilt, Emissionen zu senken – etwa durch die Vermeidung von unnötigem Papierverbrauch oder die Reduzierung von Transporten. Jahr für Jahr werden in Deutschland immer weniger Briefe geschrieben und versendet. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Produktion von Briefmarken. Daher wird auch die Belieferung der Postfilialen mit Sonderpostwertzeichen angepasst.«
Es seien ab April 2024 drei verschiedene Typen geplant. Ein großer Teil der Filialen werde weiterhin das volle Sortiment anbieten – hier seien alle Sonderpostwertzeichen wie gewohnt erhältlich. Weitere Filialen würden ausgewählte Sonderpostwertzeichen führen. Filialen, die in der Vergangenheit keine oder nur sehr wenige Sonderpostwertzeichen verkauft hätten, würden fortan ausschließlich Marken aus Dauerserien anbieten. Ich vermute, in Pfullingen ist Letzteres der Fall. Ach ja, im Onlineshop gibt es die Marken natürlich auch.
»Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor«, bleibt mir angesichts der vielen offenen Fragen zum Schluss nur Johann Wolfgang Goethe zu zitieren und die Erkenntnis: Mit Briefen beziehungsweise E-Mails habe ich kein Glück – nicht mal bei der Post.

