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Aktuell Energiestudie

Interkommunale Kläranlage in Pfullingen könnte künftig energieneutral arbeiten

Das Klärwerk Oberes Echaztal in Pfullingen könnte Strom und Wärme für seinen Betrieb selbst erzeugen. Doch dafür wären Millionen-Investitionen notwendig.

Das Gas aus den Faultürmen liefert wertvolle Energie für den Betrieb der Kläranlage.
Das Gas aus den Faultürmen liefert wertvolle Energie für den Betrieb der Kläranlage. Foto: Zweckverband
Das Gas aus den Faultürmen liefert wertvolle Energie für den Betrieb der Kläranlage.
Foto: Zweckverband

PFULLINGEN/ENINGEN/LICHTENSTEIN. Im Prinzip läuft sie gut, die Reinigungsleistung ist okay und der Energiebedarf liegt sogar unter dem Schnitt vergleichbarer Anlagen. Gleichwohl ist der Ausbau der Sammelkläranlage des Zweckverbands Oberes Echaztal, dem Pfullingen, Eningen und Lichtenstein angehören, ein Thema. Vor gut eineinhalb Jahren hatte die Verbandsversammlung beschlossen, vorerst auf den Bau einer 4. Reinigungsstufe zu verzichten, die vor allem auch Medikamente aus dem Abwasser filtern soll, um sich zuerst um eine Verbesserung der Energiegewinnung zu kümmern und vergab den Auftrag für entsprechende Untersuchungen. Nicole Nägele vom Ingenieurbüro SWECO stellte die Energiestudie jetzt in der Verbandsversammlung im Kulturhaus Klosterkirche vor.

Um das Abwasser der rund 40.000 Bürger und dem Gewerbe der drei Kommunen zu klären, braucht es jede Menge Strom. Rund 1,3 Millionen Kilowattstunden - und damit etwa so viel wie 325 Vier-Personenhaushalte - benötigt die Anlage im Jahr, um das Abwasser wieder sauber zu bekommen. Davon erzeugt das Sammelklärwerk schon jetzt rund 54 Prozent selbst, nämlich mit dem Blockheizkraftwerk, das die Faulgase verbrennt. Für den Betrieb der Anlage wird tagsüber mehr Strom benötigt als nachts. Gute Voraussetzungen, so Nägele, für den Ausbau der Photovoltaik auf dem Gelände. Gleichzeitig machte sie deutlich, dass das Blockheizkraftwerk zu klein dimensioniert ist, um das gesamte anfallende Faulgas zu nutzen. Das BHKW liefert auch 73 Prozent der benötigten Energie für die Prozesswärme zur Klärschlammbehandlung und zum Heizen der Gebäude. Den Rest erzeugt eine konventionelle Heizung, die zum Teil ebenfalls mit Faulgas betrieben wird.

Massiver Ausbau der Photovoltaik

Aus diesem Istzustand zieht die Ingenieurin gleich mehrere Schlüsse, auch vor dem Hintergrund, dass Kläranlagen bis spätestens 2040 ihre benötigte Energie selbst herstellen sollen. Sie schlägt einen massiven Ausbau der Photovoltaik vor. Zum einen sollen dazu die Dächer der Gebäude genutzt werden. Bei Kosten von knapp 300.000 Euro erwartet Nägele einen Ertrag von rund 170.000 Kilowattstunden. Eine Freiflächenanlage soll weitere 144.000 Kilowattstunden liefern. Geschätzte Kosten: rund 150.000 Euro. Dickster Brocken in den Überlegungen ist eine Beckenüberdachung. Dafür würden etwa 2,1 Millionen Euro fällig, bei einem Jahresertrag von etwa 616. 000 Kilowattstunden. Rund 147. 000 Euro an Stromkosten ließen sich nach Berechnungen des Ingenieurbüros so einsparen. Nach 15 bis 16 Jahren wäre die Baukosten damit amortisiert.

Gleichzeitig würde mit der Installation die Eigenversorgung mit Strom von 54 auf 72 Prozent steigen. Voraussetzung dafür ist aber auch eine Modernisierung der vorhandenen elektrischen Infrastruktur. Ziel ist es letztlich, so viel Strom wie möglich selbst zu verbrauchen, möglichst wenig zu verkaufen oder einzukaufen. Um das zu erreichen, empfiehlt das Ingenieurbüro den Bau eines rund 500 kWh großen Stromspeichers (350.000 bis 400.000 Euro). Damit könnten auch Lastspitzen gemindert und der Verkauf von Strom bei negativen Preisen vermieden werden. Damit stiege die Eigenversorgung auf rund 80 Prozent und weitere rund 59.000 Euro an Stromkosten könnten eingespart werden, so die Berechnungen. Der Stromspeicher würde sich nach sechs bis sieben Jahre bezahlt gemacht haben.

Zwei neue Blockheizkraftwerke

Weiteren Strom und auch Prozesswärme können zwei Blockheizkraftwerken liefern, die neu gebaut werden sollen. Hintergrund ist dabei auch, dass rund 11 Prozent des anfallenden Faulgases momentan nicht verwertet werden kann und abgefackelt werden muss. Das soll sich durch den Neubau der BHKW (rund 650.000 Euro) ändern und das gesamte Faulgas genutzt werden. Um Photovoltaik und BHKW optimal zu nutzen, soll ein modernes Energiemanagementsystem (rund 130.000 Euro) installiert werden, das unter anderem die Blockheizkraftwerke stundenweise abschaltet, wenn die PV-Anlagen genügend Strom liefern. Das hat zur Folge, dass in diesen Zeiten nicht ausreichend Wärme produziert wird. Abhilfe soll ein Wärmespeicher mit einem Volumen von 50 bis 100 Kubikmeter (50.000 bis 100.000 Euro) schaffen.

»Das ist komplexer, als ich es vor Monaten gedacht habe«, stellte Pfullingens Bürgermeister und Verbandsvorsitzender Stefan Wörner am Ende der Erläuterungen von Nicole Nägele fest. Angesichts der enormen Investitionssummen war nicht nur für ihn klar, dass das Vorhaben nur schrittweise umgesetzt werden kann. Bis zur Aufstellung des kommenden Verbands-Haushalts will er einen Vorschlag für eine sinnvolle Reihenfolge für die Umsetzung vorlegen. »Das ist viel Geld, das wir da den Mitbürgern abverlangen«, erklärte auch Eningens Bürgermeister Eric Sindek, der es gleichwohl gut fände, »wenn wir eine autarke Anlage hätten.« Ihm ist es auch wichtig, dass der Verband den Bau der 4. Reinigungsstufe nicht aus den Augen verliert. Die Kosten dafür schätzt Sabine Schweizer, in der Verwaltung für das Klärwerk zuständig, auf rund acht Millionen Euro. Lichtensteins Bürgermeister Peter Nußbaum schloss sich Sindeks Äußerungen an.

Umsetzung ist offen

In den kommenden Monaten sollen jetzt die von SWECO erarbeiteten Vorschläge genauer untersucht und die notwendigen Investitionen in den kommenden Haushalten eingeplant werden. Ob und wann tatsächlich die Ergebnisse der Energiestudie umgesetzt werden, ist aber offen. Das hängt sicher auch davon ab, ob der Gesetzgeber weiter an seinen Vorgaben zur Energieneutralität für die Kläranlagen festhält, beziehungsweise wie viel Zeit er den Kommunen für die Umsetzung einräumt. (GEA)