ENINGEN/REUTLINGEN. Die Pandemie-Monate haben die Arbeit der zahlreichen Haupt- und Ehrenamtlichen, die im Landkreis Reutlingen Menschen in ihrer letzten Lebensphase unterstützen, in vielerlei Hinsicht erschwert. Dass die Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen nicht wie sonst möglich war, war für Betroffene und Helfer dabei besonders schwer zu ertragen – das Sterben ist einsamer geworden.
Und die durch die Corona-Vorschriften verordnete Distanz erschwert die Arbeit der Ehrenamtlichen in den verschiedenen Hospizgruppen im Landkreis immer noch: Betroffene Familien zögern, ihr Angebot anzufragen. Langjährige Sterbebegleiterinnen sind aus Angst vor einer Infektion abgesprungen.
»Wir müssen jetzt den Faden wieder aufnehmen.« Nach dem pandemiebedingten Stillstand wollen sich die Dienste, Einrichtungen und ehrenamtlichen Gruppen, die in den vielfältigen Angeboten für Schwerkranke, Sterbende und ihre Angehörigen engagiert sind, wieder in Erinnerung rufen – wieder ins Bewusstsein bringen, dass auch in dieser letzten schweren Zeit des Lebens niemand allein sein muss, dass Hilfe und Unterstützung greifbar sind und ganz nach individuellem Bedarf angefordert werden können. In einer Artikel-Reihe, die in den nächsten Wochen und Monaten im Reutlinger General-Anzeiger erscheint, werden die verschiedenen Bausteine der Palliativ-Versorgung im Landkreis Reutlingen vorgestellt.
Entstanden ist hier in den vergangenen Jahren ein Netzwerk, in dem »Professionelle und Ehrenamtliche Hand in Hand zusammenarbeiten«, wie Leonore Held-Gemeinhardt berichtet, die im Landkreis Reutlingen für die Altenhilfe-Fachberatung zuständig ist und auch das Palliativ-Netzwerk koordiniert.
»Palliativpatient«: Schon dieses Wort verlangt nach Information und Erläuterung, findet Dr. Barbara Dürr, die sich im Förderkreis des Eninger Hospizes Veronika und in der kreisweiten Palliativ-Stiftung engagiert. »Es geht hier nicht nur um den Sterbeprozess, nicht nur um Krebs, nicht nur darum, Schmerzen zu lindern.« Palliativ-Versorgung ist für alle Menschen gedacht, die unheilbar krank sind. Nicht nur ihr Sterben, sondern auch ihr Leben steht dabei im Mittelpunkt: Ihnen soll ermöglicht werden, die letzten Monate, Wochen oder Tage so selbstbestimmt, erfüllt und gut wie möglich zu verbringen.
Sterben in Würde
Das lateinische Wort »Pallium« bedeutet »Mantel«. Wie ein wärmender und schützender Mantel soll die palliative Versorgung den Todkranken umhüllen, Schmerzen und andere belastende Symptome lindern, menschliche oder seelsorgerische Begleitung bieten. Immer im Mittelpunkt steht dabei, was sich die Betroffenen selbst für ihre letzte Lebensphase wünschen. Es gehe darum, den Weg der Schwerkranken »mit Respekt mitzugehen, ohne die eigenen Vorstellungen aufzupfropfen«, betont Leonore Held-Gemeinhardt.
»Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen.« So steht es in der »Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland«, die auch vom Landkreis Reutlingen unterzeichnet worden ist. »Damit hat sich der Kreis verpflichtet, diese Ziele nach Möglichkeit zu unterstützen«, sagt die Altenhilfe-Fachfrau – für sie »ein wichtiges Signal«.
Einem weiteren verbreiteten Vorurteil widerspricht Barbara Dürr ebenfalls: dass die letzte Lebensphase ausschließlich von Trauer bestimmt wird. Auch in der Nähe des Todes kann herzlich gelacht werden, können Augenblicke, Stunden, Tage voller Glück und Lebensfreude sein. Den Schwerkranken viele gute Momente und eine möglichst hohe Lebensqualität zu erhalten: Auch dies ist ein Ziel der palliativen Arbeit. »So individuell, wie man gelebt hat, sollte der Sterbeprozess sein«, meint Barbara Dürr. Wer damenhaft und gepflegt durchs Leben ging, der möchte sich vielleicht auch noch auf dem Sterbebett die Nägel lackieren – kein unbegreiflicher, sondern ein durch und durch berechtigter Wunsch.
Auch den Menschen, die beruflich oder im Ehrenamt Schwerkranke und Sterbende begleiten, bürdet diese Aufgabe nicht nur Schweres auf. Leonore Held-Gemeinhardt hat beobachtet, dass die Beschäftigung mit dem Tod »das eigene Leben stärkt, seine Qualität bewusster macht«. Barbara Dürr hält die verbreitete »Vogel-Strauß-Politik« dem Tod und der eigenen Endlichkeit gegenüber für ein Versäumnis: Sich offen damit auseinanderzusetzen, führe einen dazu, »den Augenblick zu genießen«. Deshalb ist es ihr wichtig, das Thema Tod und Sterben dahin zurückzuholen, wohin es gehört: in die Mitte der Gesellschaft. (GEA)
LEBEN BIS ZULETZT
»Nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben geben«: Dieses Zitat der englischen Begründerin der Hospizbewegung und Palliativmedizin Cicely Saunders steht als Motto über vielen der Angebote, die Schwerkranke und Sterbende sowie ihre Angehörige unterstützen. In einer in loser Folge erscheinenden Artikel-Reihe im Reutlinger General-Anzeiger stellen wir einzelne Bausteine dieses Netzwerkes vor, von den ehrenamtlichen Hospizgruppen über die Palliativangebote der Kreiskliniken bis zur Begleitung von Trauernden. (dew)

