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Freundschaft und aufbrechende Gefühle – Lesung in der Pfullinger Neske-Bibliothek

Felicitas Vogel las in der Pfullinger Neske-Bibliothek aus dem Buch »Der Kanzler und der General« über die Anfänge der deutsch-französischen Freundschaft

Rund 25 Interessierte sind am Sonntag in die Neske-Bibliothek gekommen, um mehr über den Start der deutsch-französischen Freunds
Rund 25 Interessierte sind am Sonntag in die Neske-Bibliothek gekommen, um mehr über den Start der deutsch-französischen Freundschaft zu erfahren. Foto: Norbert Leister
Rund 25 Interessierte sind am Sonntag in die Neske-Bibliothek gekommen, um mehr über den Start der deutsch-französischen Freundschaft zu erfahren.
Foto: Norbert Leister

PFULLINGEN. Die Feier zum 40. Geburtstag der Städtepartnerschaft zwischen Pfullingen und Passy klang noch nach, da hatte Felicitas Vogel am Sonntag in die Neske-Bibliothek eingeladen, um aus dem einst im Neske-Verlag erschienenen Buch »Der Kanzler und der General« zu lesen. Das Buch stammt von Hermann Kusterer, dem Dolmetscher, der beim ersten Aufeinandertreffen von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer auf deutschem Boden die Konversation übersetzt hatte.

Am 4. September 1962 kam de Gaulle zum Staatsbesuch nach Bonn, die Voraussetzungen waren nach dem Weltkrieg zu Beginn der 60er-Jahre nicht die besten, wie Vogel ausführte: "Die alten Feindschaften standen immer noch im Raum, Europa sollte neu geordnet werden, mit oder ohne die Schutzmacht USA, der Antikommunismus war von großer Bedeutung, am 13. August 1961 wurde die Mauer gebaut, Kubakrise, Algerienkrieg – und dann kam de Gaulle mit dem Vorstoß, einen Freundschaftsvertrag zwischen Frankreich und dem "Erbfeind" Deutschland zu schließen.

Dabei habe es auf beiden Seiten auch deutliche Vorbehalte über de Gaulles Vorgehen gegeben, eine Annäherung wurde nicht von allen gutgeheißen. Allerdings bereitete das deutsche Volk Charles de Gaulle in allen Städten, die er besuchte, einen triumphalen Empfang, wie Kusterer berichtete. Bonn, Köln, Düsseldorf, selbst im vermeintlich unterkühlten Hamburg, »in der anglophilen Höhle des Löwen«, so Vogel, traf der Franzose auf große Begeisterung.

Der ehemalige General besuchte bei seiner Deutschlandreise im Übrigen auch Stuttgart und sogar den Truppenübungsplatz in Münsingen. In Ludwigsburg hielt de Gaulle eine vielbeachtete Rede vor 20.000 Jugendlichen. »Ich beglückwünsche Sie, jung zu sein«, habe der französische Staatspräsident gesagt. Er lobte die jungen Deutschen als »Kinder eines großen Volkes«, forderte sie auf, »streben Sie danach, dass der Fortschritt dem Gemeinwohl und dem Guten diene«.

Am 22. Januar 1963 wurde der Freundschaftsvertrag, der »Elysée-Vertrag«, schließlich von beiden Seiten unterzeichnet – allerdings sei zuvor noch eine Präambel hinzugefügt worden, die de Gaulle überhaupt nicht gefallen habe: Darin seien die sehr engen Verbindungen zu den USA, der NATO und Großbritannien hervorgehoben worden. »Juristisch galt der Vertrag als inhaltsleer«, so Felicitas Vogel. Der Vertrag sei »halbtot und ein Fehlstart« gewesen, wie die Bundeszentrale für politische Bildung heute schreibt.

Die Erinnerungen an die damalige Zeit wühlte aber beim Publikum in der Neske-Bibliothek ganz offensichtlich viele Erinnerungen und auch Gefühle auf. Sein Großvater sei in Verdun gewesen, berichtete ein Besucher der Lesung. Tränen kamen, die Stimme versagte. »Es ist so schön, dass wir uns heute begegnen können«, führte der gebürtige Franzose aus. Sein Vater habe allerdings die besten Kunden verloren, als der Sohn eine Deutsche geheiratet hatte.

Und einige der Besucher erinnerten sich zudem an die ersten eigenen Besuche in Frankreich, als sie noch sehr abwertend und feindlich als »Boche« bezeichnet wurden. »Wie gut, dass solche Zeiten vorbei sind, wir können uns freuen, dass die deutsch-französische Freundschaft so weit gediehen ist«, betonte Felicitas Vogel. Ein ebenfalls französischstämmiger Gast mahnte aber auch: »Die Arbeit der Städtepartnerschaften muss weitergehen, wenn heute auch anders als damals.« (GEA)