Logo
Aktuell Kriegsende

»Es ist schwer, Zeitzeuge zu sein«

PFULLINGEN. Als »Weibersturm aufs Rathaus« beschrieb der Pfullinger Bernhard Eberenz, der als 13-Jähriger die Ereignisse zum Kriegsende hautnah miterlebte, die Taten der Frauen. Drei Tage, vom 20. bis 22. April stellten sie sich couragiert gegen die Volkssturmmänner, die Pfullingen bis zur letzten Minute verteidigen wollten, und verhinderten so weiteres Blutvergießen. Die Frauen erkannten frühzeitig, dass es sich negativ auswirken werde, wenn man den anrückenden französischen Truppen Widerstand leiste.

Bernhard Eberenz erinnerte sich beim Gesprächsabend des Pfullinger Geschichtsvereins an den Tag, als das Waffenlager im Pfulling
Bernhard Eberenz erinnerte sich beim Gesprächsabend des Pfullinger Geschichtsvereins an den Tag, als das Waffenlager im Pfullinger Rathaus explodierte. FOTO: LEUA
Bernhard Eberenz erinnerte sich beim Gesprächsabend des Pfullinger Geschichtsvereins an den Tag, als das Waffenlager im Pfullinger Rathaus explodierte. FOTO: LEUA
Am Freitag diskutieren Pfullinger Bürger in der voll besetzten Mühlenstube über die letzten Kriegstage, zahlreiche Zeitzeugen ergänzten die historischen Ereignisse mit ihren lebendigen Berichten, die Geschichte erlebbar machten. Heute ist der 8. Mai 1945 für die Mehrzahl der Deutschen ein Tag der Befreiung, das sei jedoch nicht immer so gewesen, erklärte Stadtarchivar Stefan Spiller, der gemeinsam mit Professor Waltraud Pustal, Vorsitzende des Pfullinger Geschichtsvereins, über das Ende des Zweiten Weltkrieges in Pfullingen und die historischen Hintergründe berichteten.

Am 20. April 1945 protestierten mehrere Hundert Frauen auf dem Rathausplatz gegen die aufgestellten Panzersperren, die nach ihrer Ansicht ein hohes Risiko darstellten. Ihre Aktion zeigte Wirkung: Der damalige Kommandant Julius Kiess floh vor der aufgebrachten Menge durchs Rathausfenster, die Panzersperren wurden in den folgenden Tagen beseitigt, Pfullingen ohne größere Verluste eingenommen. Für die Pfullinger endete der Krieg mit dem Einmarsch der französischen Truppen am 22. April. Vor allem die Pfullinger Frauen zeigten damals Mut, allen voran Sophie Schlegel, die den anrollenden französischen Truppen auf der Marktstraße im weißen Kleid entgegen ging.

Mutiges Verhalten

Der Widerstand der Pfullinger Frauen sei jedoch kein Einzelfall, sondern typisch für das abzeichnende Kriegsende »Das mutige Verhalten entsprang der unmittelbaren Situation«, so der Stadtarchivar. »Das wäre zu früheren Zeiten gar nicht möglich gewesen«, bestätigte die heute 83-jährige Hedwig Eib, die von den Geschehnissen im April berichtete. Auch in anderen Orten des Landkreises stellten sich vor allem Frauen gegen Panzer- und Straßensperren. »Diese Ortschaften sind glimpflich davon gekommen«, sagte Pustal. Aber es habe auch Dörfer gegeben, die sich gewehrt haben, wie zum Beispiel in Genkingen. Dort habe es zum Kriegsende größere Schäden sowie Opfer gegeben.

Insgesamt fünf Panzersperren gab es in Pfullingen, wie sich an diesem Abend herausstellte. Besonders an die Sperre im Bereich Villa Landenberger – ein Straßenbahnwaggon – konnten sich die Pfullinger erinnern. Am Abend des 20. April verhinderten die Frauen das Umlegen des Waggons und rollten ihn bergab in Richtung Südbahnhof.

»Die Truppen die Pfullingen erobert hatten, waren nicht gefährlich«, berichtete der heute 83-jährige Dr. Herbert Scherer, der sich sehr detailliert an die Ereignisse erinnern konnte. Die Franzosen seien entlang der Echaz von Reutlingen aus vorgerückt. Auch Konrad Fink, der als Flüchtling nach Pfullingen kam, berichtete über interessante Details. »Es ist schwer, Zeitzeuge zu sein«, resümierte er, »was habe ich erlebt, was interpretiere ich.« Bernhard Eberenz erlebte, wie damals das Rathaus, in dem auch Panzerfäuste gelagert waren, von den Franzosen eingenommen wurde und explodierte. »Wie mit der Motorsäge abgesägt«, sei die Hälfte umgefallen. »Und so ist es heute noch.«

Geschichte erlebbar machen

Auch über weitere Schauplätze wie das Lazarett in der heutigen Uhlandschule berichteten die Zeitzeugen. »Man bekommt immer wieder andere Eindrücke«, resümierte Waltraud Pustal, »das kann man nirgendwo nachlesen.« Die Berichte der Zeitzeugen mache die Geschichte erst erlebbarer. Neben den Veranstaltungen greift der Geschichtsverein das Thema auch in der Sonderausstellung »Wege aus Krisen und Krieg in Pfullingen« auf, die noch bis zum 25. Oktober zu sehen ist sowie in diversen Stadtführungen. Am 10. Oktober wird es einen weiteren Erzählabend mit Zeitzeugen zum Thema geben. (leua)