PFULLINGEN. Ein Thema, das interessiert: »Recht und Gerechtigkeit« lautete der Titel des Abends beim 28. Pfulben-Talk am Mittwoch im Kulturhaus Klosterkirche. Der Klarissensaal war voll und die zahlreichen Besucher genossen sichtlich den Abend mit Amtsrichter Eberhard Hausch und Schöffe Rolf Goller auf dem Pfulbensofa, die es verstanden, unter der Moderation von Jochen Weeber das Thema mit dem nötigen Respekt und doch einer guten Portion Humor anzugehen. Es war sozusagen ein Heimspiel für die beiden, ist Eberhard Hausch doch gebürtiger Pfullinger, eine echte Hausgeburt, wie er betonte, und hat viele Jahre in der Echazstadt gelebt. Rolf Goller war 22 Jahre lang stellvertretender Leiter des Polizeireviers Pfullingen und setzt sich nunmehr seit seiner Pensionierung ehrenamtlich als Schöffe ein.
Hausch hat die klassische Laufbahn als Jurist beschritten und ist seit fast vier Jahrzehnten als Richter am Amtsgericht Reutlingen tätig. Eine Institution sozusagen, mit reichem Erfahrungsschatz sowohl in Bezug auf das Justizwesen als auch in Bezug auf Menschen. Nicht weniger Erfahrung weist der Lichtensteiner Rolf Goller auf, der, wie er humorig betonte, als Polizeibeamter jahrzehntelang die Fälle dem Amtsgericht zuführte. Aber eines stellte Goller gleich klar: Wer im Fernsehen die entsprechenden Serien anschaue, bekomme sicherlich keinen richtigen Einblick in den Polizeialltag. Ein Eindruck, den auch Hausch verfestigen konnte, ist die Arbeit im Amtsgericht doch wesentlich diffiziler als in den bekannten Soaps dargestellt.
Das Schöffengericht in Reutlingen verhandelt die mittleren Straftaten, bei denen eine Haftstrafe bis vier Jahre anstehen könnte. Alles darüber hinaus wird vom Landgericht verhandelt, was darunter liegt, verhandelt ein einzelner Richter ohne Schöffen. Tausenden von Menschen ist Hausch in seinem Berufsleben im Gerichtsalltag begegnet. »Manchmal sehe ich jemanden in der Stadt und weiß, dass ich den kenne. Aber woher? War er Angeklagter oder Zeuge oder handelt es sich möglicherweise um einen Anwalt«, erzählte Hausch schmunzelnd. »Wenn man mich dann freudestrahlend mit Handschlag begrüßt, weiß ich zumindest, dass ich nichts falsch gemacht habe.«
Die Schöffen sind handverlesen
Die Schöffen jedenfalls sind handverlesen, von mehr als tausend Bewerbungen, die bei den Kommunen eingehen, werden nur wenige angenommen. Sie brauchen einen makellosen Leumund und müssen integer sein. Ein kleiner Schöffenwahlausschuss wählt dann die Personen aus. Die Schöffen werden übrigens den einzelnen Verhandlungen per Losverfahren zugewiesen, Hausch oder seine Richterkollegen haben darauf keinerlei Einfluss. 30 Hauptschöffen und 20 Ersatzschöffen assistieren ihm übers Jahr. Sie haben keine Aktenkenntnis, sondern erfahren lediglich, was dann im Gerichtssaal gesprochen wird. Zusammen mit Hausch fällen sie das Urteil über die Frage, ob der Angeklagte überhaupt schuldig ist, und wenn ja wie hoch das Strafmaß ist. Es gilt immer die Zweidrittel-Mehrheit. »Es kommt aber relativ selten vor, dass man sich total uneins ist«, so Hausch. Die Stimme der Schöffen hat also dasselbe Gewicht wie die des Richters. »Der Schöffe soll die Stimme des Volkes in den Gerichtssaal bringen. Das ist etwas Besonderes und hoch zu schätzen«, betonte Goller.
Am Stammtisch wird sicherlich schnell mal ein Urteil gefällt. Vielleicht auch über ein Urteil, das auf wenig Verständnis in der Bevölkerung trifft. Auch Hausch und die Schöffen werden da von Außenstehenden angesprochen, die mit dem Urteil unzufrieden sind. »Oft fehlt den Leuten das Hintergrundwissen. Wir können nicht einfach nach Meinung und Gutdünken ein Urteil treffen, sondern müssen uns an Recht und Gesetz halten«, erklärte Goller.
Gute Menschenkenntnis und ein Gespür für Aussagen
In vier Jahrzehnten hat Hausch eine überaus gute Menschenkenntnis und ein gutes Gespür erworben, nicht nur was Angeklagte, sondern auch was Zeugen und deren Aussagen betrifft. »Wer eine ganz glatte chronologische Zeugenaussage, ohne Überlegung hinlegt und danach schnell den Gerichtssaal verlässt, der hat vielleicht nicht so ganz die Wahrheit gesagt.« Eher glaubwürdig seien dagegen Zeugen, die auch mal durcheinander erzählen. Hausch hat eben den richtigen Riecher, den er sich in den vielen Jahrzehnten angeeignet hat. »Also merken Sie sich: nach der Zeugenaussage niemals schnell den Saal verlassen«, witzelte Moderator Jochen Weeber an die Besucher gerichtet.
Hausch blickt nicht selten in menschliche Abgründe, in gescheiterte Biografien. In begrenztem Maße könne der Richter schon in Lebensläufe eingreifen, durch Bewährung und Bewährungsauflagen. »Diejenigen, bei denen es gut geht, sehe ich natürlich nicht wieder. Ich erfahre nur von denen, die erneut scheitern.« Eine Chance zu geben, das will Hausch gerne. Aber er habe sich mal zur Devise gemacht: »Gib keinem eine dritte Bewährung.« Denn dann mache er sich als Richter schlichtweg unglaubwürdig beim Angeklagten. Bei manchem Angeklagten müsse auch er sich leider eingestehen: »Den bringe ich nicht mehr auf Spur.«
Die Zuschauer erlebten einen vergnüglicher Abend mit durchaus ernstem Hintergrund, veranstaltet von i'kuh und Stadtbücherei, der zu keinem Zeitpunkt langweilig wurde, was auch an der gekonnten humorigen Moderation von Jochen Weeber lag und an dem lockeren, launigen Zusammenspiel von Hausch und Goller. Weebers Fazit am Ende des Abends an die Talk-Gäste auf dem Pfulbensofa: »Sie beide machen das mit Leib und Seele. Und auch der Humor ist wunderbar durchgeblitzt.« Für die musikalische Umrahmung sorgte Anna Mayer und selbst nach Ende der Veranstaltung blieben die Besucher noch gern bei Gesprächen und regem Austausch. (GEA)

