LICHTENSTEIN-HONAU. Es gibt Erlebnisse, die sind auch nach 80 Jahren noch nicht vergessen. Bilder, die sich für immer einbrennen. Am 4. März 1945 feierte Heinz Reiff in der Honauer Kirche seine Konfirmation. Der Krieg neigte sich dem Ende zu, die Alliierten rückten näher, Nazi-Deutschland lag am Boden. Die Kirche war eine halbe Ruine nach einem Bombenangriff. »Der Eingang und ein Teil der Wand haben gefehlt, das hat man nur notdürftig zugemacht. Es hat zu den Schlitzen reingeschneit, das sehe ich heute noch ganz klar vor mir. Wie wir da drin gesessen sind, der Wind reingeblasen hat und es die Schneeflocken reingetrieben hat«, sagt Heinz Reiff. Am selben Tag wurde ein Mädchen beerdigt, das bei einem Fliegerangriff der Alliierten drei Tage zuvor gestorben war. Alle Konfirmanden nahmen an der Beerdigung teil. Nach der Kirche gab's selbstgemachte Nudeln als Festessen und die Verwandten reisten per Zug wieder nach Pfullingen und Reutlingen ab. Alle von der Angst vor weiteren Fliegerangriffen begleitet.
Heinz Reiff ist im August 94 Jahre alt geworden, seine Frau Friedel ist sogar stolze 99 Jahre alt. Beide sind bemerkenswert rüstig für ihr Alter und haben viele Erinnerungen an ihre Jugend im Dritten Reich. Von seinem Enkel hat Heinz Reiff schon vor zwei Jahren ein Buch bekommen, in dem er seine Erinnerungen aufschreiben könnte, aber bisher ist daraus nichts geworden. Dabei könnte das, was die beiden zu berichten haben, gleich mehrere Bücher füllen.
»Die Männer haben mein Fahrrad und mich über die Trümmer getragen«
Auch Friedel Reiff hat in den letzten Kriegswochen so einen Moment erlebt, den sie bis heute glasklar vor Augen hat. Mit dem Fahrrad wollte sie damals von der Firma Stoll, wo sie in der Rüstungsindustrie arbeitete, heim nach Sondelfingen fahren. Zuvor hatte es einen heftigen Bombenangriff auf Reutlingen gegeben. Doch die Schäden auf der ersten Straße, die sie nehmen wollte, waren so immens, dass sie nicht durchkam. Auf einem anderen Weg lag eine tote Frau. Die damals 18-Jährige bekam große Angst. »Ich war so geschockt und hab umgedreht«, erinnert sie sich. Über einen weiteren Trümmerberg halfen ihr schließlich einige Männer hinweg, »die haben mein Fahrrad und mich rüber getragen. Und dann bin ich zu Fuß heimgekommen. Mein Fahrrad hatte einen Platten«. Das Gefühl, nicht mehr heim zu kommen, die Zerstörung, die tote Frau ... ja, das sei ihr sehr lange nachgegangen.

Wer Heinz und Friedel Reiff zuhört, der versteht auch schnell, dass die Nazi-Zeit nicht in Schwarz-Weiß, in Gut und Böse, in Nazi-Freund und Nazi-Gegner eingeteilt werden kann. Dass es viele Schattierungen gab, selbst innerhalb von Familien. Friedel Reiffs sechs Jahre älterer Bruder Ernst, Jahrgang 1919, war in der SS. »Sehr stolz« sei er mit seiner für damalige Verhältnisse prächtigen Uniform immer von Sondelfingen nach Reutlingen gelaufen. Ja, viele hätten sich nicht unbedingt aus Überzeugung der SA und der SS angeschlossen, schildern Friedel und Heinz Reiff. Es lockten Uniform, Ansehen, Vorteile, soziale Sicherheit für die Familie, in einer Zeit, die auch von Denuziantentum geprägt war. Niemand wollte aus der Reihe tanzen. »Aber das waren doch nicht alles glühende Nazis.« Während sein eigener Sohn also bei der SS war und seine Tochter Friedel ein begeistertes Jungmädel (die Nazi-Jugendorganisation für Mädchen), war der Vater »ein richtiger Gegner der Partei«, erinnert sich die 99-Jährige. Er hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, war dreimal verwundert worden, hatte einen Durchschuss im Gesicht überlebt.
»Und mein Vater hat geschimpft, auf die Lumpen, die Nazis«
Und dann wurde der einzige Sohn der Familie als Soldat nach Russland geschickt. Nach Stalingrad. In die Stadt, in der am Ende schätzungsweise 150.000 bis 200.000 deutsche Soldaten ihr Leben ließen, und nach historischen Schätzungen rund 300.000 bis 500.000 russische Soldaten. Die Stadt, die heute als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg bezeichnet wird. Anfangs habe Ernst noch Briefe und Fotos gesendet und die Mutter um die Zusendung von Puddingpäckchen gebeten, erzählt Friedel Reiff. Er schrieb kurz vor Weihnachten, dass sein Urlaub genehmigt wurde, »er freute sich«. Und dann kam kein Brief mehr. Kein Lebenszeichen. Heute weiß man: Ernst ist am 28. Dezember 1942 gefallen. Eine Katastrophe für die Familie, der einzige Sohn war tot. »Ich musste zwei Jahre lang Schwarz tragen«, erinnert sich Friedel Reiff. »Und mein Vater hat geschimpft, auf die Lumpen, die Nazis.«

Auch sie trauerte um ihren Bruder. Mit 17 Jahren brannte sie an Weihnachten vier Kerzen für ihn an. In ein Tagebuch, das sie bis heute wie einen Schatz hütet und fürs GEA-Gespräch hervorgeholt hat, schrieb sie: »Bruderherz, dein soll diese Kerze sein, Heimrecht musst haben, bei uns musst du weilen. Ist auch dein Weltleben erloschen, heute hast du Heimrecht. Ewiges Wiedersehen ist unsere Hoffnung.«
Sowohl Heinz als auch Friedel Reiff wuchsen in den Nazi-Jugendorganisationen auf. Ab 1939 galt sowohl fürs Deutsche Jungvolk, die »Pimpfe«, wie auch für die Jungmädel eine Pflichtmitgliedschaft. Mit 10 Jahren bekamen sowohl Buben als auch Mädchen Uniformen. Es wiederholte sich auf Kinder-Ebene, was die Reiffs schon über SS, SA und die Erwachsenen berichtet haben: »Was waren wir stolz auf diese Uniformen«, erinnert sich Friedel Reiff. In einer Zeit, in der es wenig Unterhaltung für die Kinder gab, »war dann was geboten, es war was los«, erinnert sich Heinz Reiff.
»Fähnlein 14, Jungstamm 4«, er weiß es noch genau. Schon die Zehnjährigen waren in Gruppen mit militärischer Untergliederung aufgeteilt. Bei den wöchentlichen Treffen habe der Gruppenleiter die Buben übers Kriegsgeschehen abgefragt. »Unglaublich stolz« sei sie gewesen, als sie bei Jungmädel-Ausflügen den Wimpel ihrer Gruppe tragen durfte, sagt Friedel Reiff. Die Jungen wurden mit »sogenannten Fehden« aufs Kämpfen, Durchhalten und Zusammenhalten vorbereitet. Die Mädchen bekamen Theaterkurse, machten Ausflüge in die Natur, lernten Kochen, verkauften vor Weihnachten Führerbilder an die Haushalte.
»Da war dann was geboten, es war was los für uns«
Sowohl Heinz als auch Friedel Reiff erzählen von einer sehr glücklichen Jugend. Kriegsgeschehen, gefallene Soldaten, die Nazi-Ideologie: Was man mit dem Wissen von heute ganz anders einordnen kann, war für die Heranwachsenden einfach nur Normalität. Sie wussten nicht, dass es auch anders geht. Erst als das Kriegsende nahte, wurde die Bedrohung real. "Dann kamen die Fliegerangriffe und wir mussten manchmal zweimal nachts aufstehen und in den Keller", erinnert sich Heinz Reiff. Im eigenen Keller hätten die Wände bedrohlich gewackelt, wenn es im nahen Reutlingen Einschläge gegeben habe. Oft suchte die Familie auch in der Honauer Olgahöhle Schutz.
Als der Krieg schließlich zuende war, habe er Erleichterung verspürt, sagt Heinz Reiff. Es gab keine Zeit und keinen Raum, um traurig zu sein - die Familien waren schlichtweg damit beschäftigt, Essen zu besorgen, »zu hamstern. Und darin war ich nicht gut.« Er begann eine Lehre bei der Firma Stoll - und lernte dort schließlich Friedel kennen. Dass sie dort beschäftigt war, hatte sie ihrem Vater zu verdanken: »Eigentlich mussten im Krieg die Mädchen in meinem Alter irgendwann zur Flak«, sagt sie. »Aber mein Vater, der schon bei Stoll war, hat sich dafür eingesetzt, dass man ihm sein einzig gebliebenes Kind nicht auch noch wegnimmt.« Und so haben die Irrungen und Wirrungen des Krieges schließlich dazu geführt, dass sich Heinz und Friedel kennen und lieben lernten. 1957 heirateten sie und bekamen drei Kinder, sieben Enkel und sechs Urenkel. (GEA)
Die letzten Zeitzeugen
Der Zweite Weltkrieg steht für das Menschheitsverbrechen des Holocaust, für massenhafte Vertreibung, Trauer, Leid, Tod, traumatisierte Menschen, zerstörte Landstriche und Städte. Rund 60 Millionen Menschen starben zwischen 1939 und 1945. Die Aufarbeitung dieser Zeit ist genauso wichtig wie sicherzustellen, dass solche Verbrechen nie wieder passieren. Zur Erinnerungskultur gehört aber auch, den Menschen zuzuhören, die damals gelebt haben. Und dazu bleibt nicht mehr viel Zeit. Der GEA lässt die letzten noch lebenden Zeitzeugen in der Region in einer losen Artikelserie zu Wort kommen.
Viele von ihnen haben sich erst im hohen Alter dazu entschlossen, über ihre Erinnerungen zu sprechen. Sie waren in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel, wuchsen als Kinder von Nazi-Gegnern wie auch glühenden Partei-Mitgliedern auf. Sie haben Bombardierungen, Vertreibung und Zwangsarbeit erlebt, waren Soldat und sogar in Kriegsgefangenschaft. Ihre Geschichten sollen exemplarisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit zeigen, wie das Leben in Deutschland damals ausgesehen hat. (kk)

