PFULLINGEN. Vor rund zehn Jahren hatte der Jugendgemeinderat (JGR) in Pfullingen seine erste Sitzung. Erstmals waren elf Schülerinnen und Schüler von ihren Altersgenossen gewählt worden, um jungen Menschen in der Echazstadt kommunalpolitisch eine Stimme zu geben. »Ein historisches Ereignis«, sagte der damalige Pfullinger Bürgermeister Michael Schrenk. Felix Mayer, der zuvor die Initiative für einen JGR mit gegründet hatte, und der ehemalige Jugendgemeinderat Berkay Temelli blicken in die Vergangenheit und erzählen, was der JGR für sie bedeutet.
»Die Idee, einen Jugendgemeinderat zu wählen, kam damals aus der Schülerschaft heraus«, erinnert sich Mayer. Dem heutigen CDU-Stadtrat und seinen Mitstreitern war 2014 bewusst geworden, dass sich junge Menschen in Pfullingen nur über die Schule, etwa durch eine Mitgliedschaft in der Schülervollversammlung, politisch engagieren konnten und sie wollten daran etwas ändern. »Einige Nachbargemeinden hatten damals schon einen Jugendgemeinderat«, sagt Mayer. Schnell fand sich ein Team zusammen, bestehend aus Timo Plankenhorn, Stefan Anders, Markus Hehn und Felix Mayer, das sich für das Projekt einsetzte.
Schon früh politisch aktiv
»Wahrscheinlich ging es uns darum, jüngeren Menschen die Möglichkeit zu geben, einfacher in die Kommunalpolitik zu kommen«, sagt Mayer. Ihm war während der Kommunalwahl 2014 aufgefallen, dass nahezu keine jüngeren Menschen sich als Kandidaten für den Gemeinderat hatten aufstellen lassen. Heute findet Mayer den Altersdurchschnitt im Pfullinger Gemeinderat schon ziemlich gut, doch könnten trotzdem noch mehr junge Menschen darin vertreten sein. Er selbst war schon früh politisch aktiv, wurde 2013 unter anderem zum stellvertretenden Vorsitzenden der Jungen Union Pfullingen gewählt. »2014 habe ich mich dann für die Kommunalwahl aufstellen lassen und bin als Nachrücker in den Gemeinderat gekommen.« Mayer war damals 18 Jahre alt und stand kurz vor dem Abitur.
Mit Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Schrenk und den Verwaltungsmitarbeitern Cornelia Gekeler und Manfred Wolf bereitete die Initiative 2015 die erste JGR-Wahl vor. Fast wäre sie nicht zustande gekommen, weil sich zunächst nicht genug Kandidaten finden ließen - doch es kam »glücklicherweise« noch anders. »Wir haben dann die ersten Sitzungen des Gremiums begleitet und die Jugendlichen unterstützt«, blickt Mayer zurück.
Kein eigenes Stimmrecht
Der 30-Jährige erinnert sich noch gut, dass der damalige Gemeinderat gar nicht so recht wusste, was er mit dem jungen Gremium anfangen, wie er mit ihm umgehen solle. »Manchmal habe ich das Gefühl, dass dem auch heute noch so ist.« Ein Problem könnte sein, glaubt Mayer, dass der Jugendgemeinderat noch nicht in der Gemeindeverordnung verankert ist und kein Stimmrecht in entscheidenden Abstimmungen hat. »Die Jugendlichen gaben zwar gute Impulse, die wurden jedoch selten bis gar nicht weiterentwickelt.« Im Verlauf der Jahre sei die Zusammenarbeit zwischen JGR und Gemeinderat schließlich weitgehend eingeschlafen, bis sie von Martin Fink wieder aufgenommen wurde.
»Heute, glaube ich, ist der Wille eher da, die Jugend miteinzubeziehen, auch wenn das nicht immer funktioniert«, sagt Mayer. Das sei auch wichtig, denn »wir müssen die Jugend ernst nehmen und ihre Meinung berücksichtigen«. Die jungen Menschen seien die Zukunft der Stadt und im weitesten Sinne auch des Landes. Immer mehr würden sich auf kommunaler Ebene oder in Vereinen ehrenamtliche engagieren. »Ich verstehe, dass es nicht immer leicht ist, alle mit einzubeziehen, aber wir könnten das mehr versuchen«, sagt der Stadtrat.
Weg in Kommunalpolitik ebnen
Junge Menschen für die Politik begeistern, ihnen eine Stimme geben und den Weg in die Kommunalpolitik ebnen: Drei Ziele, die zur ersten JGR-Wahl gesetzt wurden. Letzteres hat bei zwei Pfullingern bestens funktioniert. Maike Schmied, die 2015 mit 161 Stimmen in den ersten Jugendgemeinderat gewählt wurde, ist heute Stadträtin der CDU. Und auch der frühere Jugendgemeinderat Berkay Temelli sitzt heute - für die SPD - im Gemeinderat der Echazstadt. »Ich bin echt dankbar für die Zeit im Jugendgemeinderat. Ich habe da einiges gelernt und konnte zum ersten Mal so richtig öffentlich meine Meinung äußern«, sagt der 21-Jährige, der 2021 mit 17 Jahren in den Jugendgemeinderat einzog.
Für Temelli war seine Wahl in den JGR der Einstieg in die Politik. Zu Schulzeiten war er Schülersprecher, hatte sich so sozial engagiert. Doch das genügte ihm nicht. »Ich wollte nicht nur über Dinge, die in Pfullingen geändert werden sollten, nörgeln, sondern auch etwas dafür tun.« Konkret ging es ihm damals um das »Übersberg-Problem«: Der Platz rund um die Grillstelle war oft von Vandalismus betroffen, später wurde er von Auto-Posern in Beschlag genommen. Das Thema kam im JGR auf die Tagesordnung, wurde in den Gemeinderat weitergetragen, der dann schließlich eine Lösung formulierte und diese auch beschloss. »Jetzt ist dort ein Ort entstanden, der Aufenthaltsqualität hat«, sagt Temelli. »Es hat sich gut angefühlt, etwas in Pfullingen zu verbessern.«
Ziele durch Kompromisse erreichen
Klar könnten nicht immer alle Themen umgesetzt werden, das sei nicht so einfach. »Der Jugendgemeinderat hat zwar sein eigenes Budget und stimmt auch über Dinge ab. Doch geht es oft um so weitreichende Entscheidungen, dass der Gemeinderat sie treffen muss«, erklärt Temelli. In seiner Zeit im JGR habe er gelernt, dass Ziele oft nur durch Kompromisse erreicht werden können und »das bringt mir heute noch etwas«. Es gehe darum, alle Meinungen anzuhören, um auf deren Grundlage die bestmögliche Lösung zu finden. »Ich habe außerdem hautnah miterlebt, welche Abläufe im Rathaus stattfinden.« Das sei spannend gewesen, noch heute profitiere er als Stadtrat von diesen Einblicken.
Für Berkay Temelli ist der Jugendgemeinderat aus Pfullingen nicht mehr wegzudenken. »Es ist wichtig, dass die jungen Menschen dieser Stadt mitbestimmen und ihre Meinung äußern dürfen.« Der JRG biete dafür einen guten Rahmen. Der Altersdurchschnitt im Gemeinderat sei doch tendenziell hoch. »Viele Themen, die dort beraten werden, betreffen aber auch die jungen Menschen, daher sollte der Gemeinderat ihre Stimmen anhören.«
Sorge um geringe Wahlbeteiligung
Sorgen macht sich Temelli wegen der stetig sinkenden Wahlbeteiligung bei den JGR-Wahlen. »Das müssen wir unbedingt angehen, die Wahl muss reformiert werden.« Dieser niederschwellige Einstieg in die Politik dürfe nicht verloren gehen. »Die Jugend ist die Zukunft unserer Stadt und des Landes und deswegen muss sie einbezogen werden.« Vor allem in einer so großen Stadt wie Pfullingen. (GEA)
Vergangenheit vs. Gegenwart
Der erste Jugendgemeinderat (JGR) in Pfullingen wurde am 22. Oktober 2015 gewählt und hatte am 10. November 2015 seine konstituierende Sitzung. 28 junge Menschen hatten sich als Kandidaten für die erste Wahl aufstellen lassen, von denen - damals wie heute - elf einen Sitz im JGR bekamen. Ziel des Jugendgemeinderats ist es, Sprachrohr zwischen der Jugend und der Stadtverwaltung sowie dem Gemeinderat zu sein, und Interessen, Wünsche und Anregungen der Pfullinger Jugendlichen zu vertreten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wahlberechtigt waren früher alle Pfullinger zwischen 13 und 20 Jahren - heute dürfen alle im Alter von 12 bis 21 Jahren wählen. Die Wahlbeteiligung lag 2015 bei rund 20 Prozent. In den vergangenen Jahren ist sie immer weiter gesunken, 2025 lag sie bei zwölf Prozent. Der Jugendgemeinderat wird alle zwei Jahre - inzwischen ausschließlich online - gewählt. (GEA)

