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Eninger Modelleisenbahn-Stammtisch: »Bei uns ist immer Weihnachten«

Für die Mitglieder des Märklin Insider Stammtischs Mist 72 mit Sitz in Eningen ist nicht nur im Winter Modelleisenbahnzeit. Am Sonntag und Montag präsentieren sie ihre Schätze auf 300 Metern Gleis im Gebäude H3 in der Arbachtalstraße 6.

Ein ICE 4 und ganz viele Gleise: Hubert Junger (links) und Alfred Großmann am Steuerpult der großen Anlage im Clubraum des Model
Ein ICE 4 und ganz viele Gleise: Hubert Junger (links) und Alfred Großmann am Steuerpult der großen Anlage im Clubraum des Modelleisenbahn Stammtisches Mist 72. Foto: Dieter Reisner
Ein ICE 4 und ganz viele Gleise: Hubert Junger (links) und Alfred Großmann am Steuerpult der großen Anlage im Clubraum des Modelleisenbahn Stammtisches Mist 72.
Foto: Dieter Reisner

ENINGEN. Kein »Da-Damm, Da-Damm«, nur ein sanftes Zischen: der drei Meter und vier Zentimeter lange ICE 4 streichelt die Gleise, aus den Wagen ertönt der Ruf: »Achtung Brandalarm«. Willkommen in der Modelleisenbahnwelt, Willkommen beim Märklin-Insider-Stammtisch in Eningen.

Ein Hauch von Kindheit hängt im Raum, wenn Alfred Großmann und Hubert Junger am Schaltpult die Knöpfe und Regler bedienen. Dann rauscht es, raucht es, knarzt es und es bewegen sich bis zu acht Züge durch die filigrane Eisenbahnerlandschaft. Im tiefen Keller des ehemaligen Wandel und Goltermann-Gebäudes in Eningen hat der Verein, kurz MIST 72, vor 15 Jahren seine Heimat gefunden. Mit komfortabler Ausstattung: eine komplette Küche, eine Werkstatt und ein Clubraum mit einer Eisenbahnanlage, die - an der Wand entlang gebaut - über eine Gleislänge von etwa 80 Meter verfügt und über zwei Etagen führt.

Wie im Paradies

Großmann, Vorsitzender des Vereins, und sein Schriftführer strahlen, als sie dem GEA ihre Schätze zeigen. »Das ist wie ein Paradies für uns«, sagt Großmann. »Wir können hier alle Ideen verwirklichen, die sich in so einem Eisenbahner-Kopf und -Herz im Lauf der Zeit entwickeln.« Und Junger schwärmt: »Im Grunde ist bei uns immer Weihnachten.« Die Bilder an den Wänden zeugen von ihrem Enthusiasmus. Sie stammen von der Firma Märklin, deren Zügen und Systemen haben sich die beiden, ebenso wie 26 weitere Mitstreiter des Stammtischs, schon vor vielen Jahren verschrieben. Fast jeder kennt sie und verbindet damit das Ende des Jahres. »Es ist halt die Zeit, wenn man in den Keller geht«, erzählt Hubert Junger. »Im Sommer sitzt keiner an die Anlage«. Außer die Stammtischler.

Unten Abstellgleis, oben Bahnhof und Fahrstrecke. Rund 80 Meter Gleise sind hier verlegt.
Unten Abstellgleis, oben Bahnhof und Fahrstrecke. Rund 80 Meter Gleise sind hier verlegt. Foto: Dieter Reisner
Unten Abstellgleis, oben Bahnhof und Fahrstrecke. Rund 80 Meter Gleise sind hier verlegt.
Foto: Dieter Reisner

Schließlich treffen sie sich jeden Monat zweimal – einmal öffentlich und einmal intern. Es gibt immer etwas zu besprechen, was nicht für alle interessant ist, so Großmann. Der öffentliche Stammtisch sei sehr beliebt, berichten sie. Es kann jeder kommen, der Interesse an Modelleisenbahnen und am Bauen daran hat, sagt Großmann. So um die 20 Männer seien es immer. Da wird geschwätzt und gehirnt und gebastelt und gesponnen, was das Zeug hält, ergänzt Junger. »Wenn einer ein Problem zum Beispiel mit einer Lok hat, dann bringt er sie mit. Es gibt hier immer jemand, der es lösen kann.« Aber bevor der erste Zug rollt, bevor das erste Problem gewälzt wird, gibt es ein Vesper. Ohne das geht es nicht, sagen beide unisono. Das gehört dazu.

Großer Einzugsbereich

Ein Bier können sich nur die wenigsten dazu erlauben, weil sie noch fahren müssen. Denn schließlich ist der Einzugsbereich ziemlich groß: Ein Teil der Mitglieder kommt aus Balingen, Meßstetten, Dettingen, Reusten oder gar Deckenpfronn. Der Name des Stammtischs ist nicht frei gewählt, sondern gehört zum Konzept von Märklin. In allen Regionen gibt es solche Vereine, man erkennt sie an der Postleitzahl. »Zu uns gehören alle aus der Region, die die 72 davor haben«, erklärt Großmann.

Fertig zur Abfahrt: Es dampft die Lok auf der Drehscheibe. Im Betriebsgebäude warten weitere auf ihren Einsatz.
Fertig zur Abfahrt: Es dampft die Lok auf der Drehscheibe. Im Betriebsgebäude warten weitere auf ihren Einsatz. Foto: Dieter Reisner
Fertig zur Abfahrt: Es dampft die Lok auf der Drehscheibe. Im Betriebsgebäude warten weitere auf ihren Einsatz.
Foto: Dieter Reisner

Angefangen hat das Ganze in der Modelleisenbahnstation in der Reutlinger Metzgerstraße. »Dort haben wir uns alle bei den Neuheitenpräsentationen von Märklin getroffen«, erzählt Großmann. Über Umwege sind sie dann in Eningen gelandet, wo sie seit 2010 ihr Hobby so richtig leben können. Denn vorher hatten sie keine stationäre Anlagen, an denen sie regelmäßig hätten basteln können. Doch so ein Hobby beginnt ja nicht erst damit. Als Großmann, heute 71, und Junger, 66 Jahre alt, angefangen haben, waren sie drei und sechs Jahre alt. Da gab es einen Trafo und Metallschienen und dann ist das Zügle halt gefahren. Heute lässt sich über Computer oder Apps so ziemlich alles steuern, was Bahnfahren oder Reisen ausmacht. Auch die alten Dampfloks.

Modell-Eisenbahner in der Kinderklinik

Aus so einer steigt plötzlich Rauch auf und Großmann freut sich wie ein kleiner Junge. »Dampft's schon?«, fragt er von weit hinten, gerade hat er keinen direkten Blick darauf. Jungers Blick sagt alles und aus dem Inneren der Lok dringt das knirschende Geräusch von Sand, das Schippen von Kohle, das Zuglicht geht an. Das kleine Spielzeug für die Großen funktioniert. Und wenn nicht, wird getüftelt. Die »Eisenbahner« leben ihr Hobby schon ein ganzes Leben lang und es findet kein Ende. Denn sie treten ja auch in der Öffentlichkeit auf. Regelmäßig nehmen sie kleine, akkubetriebene Anlagen mit in die Kinderklinik oder ins Ronald McDonald-Haus, wo sie jungen Menschen ein wenig Abwechslung bringen.

Ach, welche Freude: An den Loks oder auch an den Eisenbahnwagen gibt es immer etwas zu schrauben für Alfred Großmann und Co.
Ach, welche Freude: An den Loks oder auch an den Eisenbahnwagen gibt es immer etwas zu schrauben für Alfred Großmann und Co. Foto: Dieter Reisner
Ach, welche Freude: An den Loks oder auch an den Eisenbahnwagen gibt es immer etwas zu schrauben für Alfred Großmann und Co.
Foto: Dieter Reisner

Gleich zu Beginn des neuen Jahres veranstaltet der Stammtisch am Sonntag, 4., und Montag, 5. Januar, den »Tag der langen Gleise« im Gebäude H3 in der Arbachtalstraße 6 in Eningen. Dafür verlegen sie an den beiden Tagen davor rund 300 Meter Gleise im Foyer des Gebäudes – analog und digital. »Da kommt jeder auf seine Kosten«, sagt Großmann. Und die Augen dieser beiden großen Kinder leuchten wieder. Sie können ihr Hobby ausleben, auch daheim. »Ich hab eine kleine Anlage für den Boden, quasi als Programm fürs Wohnzimmer. Sie fährt immer im Kreis, aber man kann gucken. Das ist sehr meditativ«, sagt er und lächelt zufrieden. (GEA)