METZINGEN-GLEMS. A gmähts Wiesle. Sagt man auf Schwäbisch, wenn etwas eigentlich schon fertig ist, wenn man genau genommen nichts oder fast nichts mehr tun muss. Eine gemähte Wiese kann aber etwas Anspruchsvolles sein. Dann nämlich, wenn man sie mit der Hand mäht. Mit einem der ältesten Werkzeuge der Landwirtschaft: einer Sense. Dann ist das alles andere als ein Kinderspiel. Wobei man es lernen kann. In einem Kurs, wie ihn jetzt das Obstbaumuseum Glems angeboten hat. Ein Erfahrungsbericht.
Referentin ist Denise Emer. Die promovierte Biologin aus Neidlingen hat sich 2014 in Österreich zur Sensenlehrerin ausbilden lassen und vermittelt seit 2016 die traditionelle Kunst weiter. An Menschen wie Steffen Lewerenz, Katrin Klingler, Dirk Schneider, Christine Weißmüller und den Autor dieser Zeilen. Erfahrungen mit der Sense haben alle. Vom Opa, Onkel oder Vater vermittelt. Fasziniert waren sie von Anfang an, sonst wären sie ja nicht an diesem Sonntagmorgen nach Glems gekommen.

»Bei mir sieht’s immer ziemlich strubbelig aus«, sagt Christine aus Eningen und meint damit nicht ihre Frisur, sondern ihr Gütle, das sie mit der Sense gemäht hat. Einen raspelkurzen Golfrasen hat niemand vor Augen, der eine Sense in die Hand nimmt. Dirk aus Öschingen hat sich auch mit der Sense auf seiner Wiese versucht – und sich beim Schleifen gleich »en da Domma neigschnidda«. Wie man richtig mit einer Sense umgeht, kann man bei Denise Emer lernen. Die 46-Jährige hat auch mal bescheiden angefangen. Wobei: Auf 5.000 Quadratmetern Wiese wächst eine Menge Gras. »Eine Katastrophe«, sagt sie rückblickend. Bis sie den Sensenverein entdeckt und sich ausbilden lassen hat. Inzwischen mäht sie einen Hektar, 10.000 Quadratmeter also. So was geht nur, wenn man’s richtig gut kann.
Eine uralte Kunst
Sensenmähen ist vor allem eines: leise. Ein leises, lang gezogenes, rhythmisches Sssssssssssch. Mähen kann man auch am Feierabend, in der Mittagspause oder am Sonntag, wenn man mag – mit Vogelgezwitscher und Bienensummen im Ohr. Das glatte Gegenteil zu dem Lärm, der samstags durch Gärten und Wiesen zieht. Dann die ökologischen Vorteile: kein Benzin, kein Strom, und man sieht beim Mähen Amphibien und Bodenbrüter eher als jemand, der mit einem Rasen- oder Aufsitzmäher über die Wiese brettert. Es gibt keine Wiese, die zu steil wäre, um nicht mehr mit der Sense gemäht werden zu können. Man bewegt sich mit dem ganzen Körper. Am Anfang noch ungelenk, dann immer flüssiger. Die linke Hand zieht, die rechte führt das Sensenblatt flach über der Grasnarbe. Sssssssssssch. Und dann ist da das Bewusstsein, dass man etwas macht, was schon die Vorvorfahren gemacht haben. Man taucht ein in eine Zeit, in der nicht alles besser, aber vieles ruhiger und entschleunigter war. Das hat etwas Erdendes, Meditatives, in das man sich fallen lassen kann.
Sensenlehrerin Denise bevorzugt Blätter mit Steinspitze. Die sind nicht aus Stein, heißen aber so, weil der vorderste Teil der Klinge einen harten Knubbel hat, der die Schneide vor dem Kontakt mit Steinen schützt. Auch davor, dass die Spitze, wenn sie sich bei falscher Haltung in die Erde bohrt, beschädigt wird. Spätestens dann, wenn man doch mal in den Boden gesäbelt oder einen Maulwurfshaufen rasiert hat, ist es Zeit, die Sense nachzuschärfen. Der Wetzstein steckt im »Kumpf«, der am Gürtel hängt. Der Stein – idealerweise ein Naturstein, weil Kunststeine zu viel Material wegnehmen, wie Denise betont – sollte im Wasser stecken. »Geschärft wird nicht mit dem Stein als solchem, sondern mit der Schleifpaste, die entsteht, wenn der Stein im Wasser steht«, erklärt sie. Ein Mal Wetzen alle zehn Meter reicht, findet die 46-Jährige, »ich habe aber auch Kollegen, die machen’s nur ein Mal in der Stunde«.

Vors Schleifen haben die Sensengötter das Dengeln gesetzt. Dengeln bedeutet, dass die Schneide der Sense mit einem Hammer auf einem Amboss ausgetrieben wird. Es gibt verschiedene Ambossformen, Denise kennt und beherrscht alle und gibt in dieser besonderen Form des Kaltschmiedens auch Kurse. Die Kombination aus Dengeln und Wetzen macht die Sense zu einem rasiermesserscharfen Stück Metall, das mit einem leisen »Sssssssssssch« durchs Gras pfeift.
Scharf wie ein Rasiermesser
Apropos »rasiermesserscharf«: Die Sense schneidet nicht wie ein Rasiermesser, das im rechten Winkel zur Klinge über die Haut gleitet, sondern mit einem ziehenden Schnitt – wie ein Skalpell also –, das in Klingenrichtung durchs Gras zieht. Der ziehende Schnitt entsteht, wenn sich die Schnitter aus der Hüfte drehen und langsam auf der Wiese vorangehen. Wenn der Oberkörper schwingt und die Sense tanzt, stimmt alles. (GEA)




