BAD URACH/DETTINGEN. Die gute Nachricht zuerst: »Ja, wir sind im Zeitplan.« Das sagt Lea Vogelsang nicht zum ersten Mal. Die Bau- und Projektleiterin der blickt ebenso zufrieden wie entspannt auf das, was seit Ende April an der B 28 zwischen Bad Urach und Dettingen läuft. Die Hochhaus- und die Wasserfall-Kreuzung werden auf einer Länge von 800 Metern umfassend um- und ausgebaut, um den Verkehrsfluss auf der Hauptschlagader im Ermstal, über die Tag für Tag rund 30.000 Fahrzeuge rollen (beziehungsweise zu Stoßzeiten immer noch oft stehen) zu verbessern. Trotz zeitweiser Sperrungen und Umleitungen: Das von vielen befürchtete Verkehrs-Chaos ist bislang ausgeblieben. Höchstens stundenweise ging nichts mehr, unterm Strich lief es aber.
Was bisher gelaufen ist: Die große Bohrpfahlwand an der Hochhaus-Kreuzung ist fertig. Auf einer Länge von 180 Metern hat eine Spezialfirma 156 Betonpfähle bis zu 13,85 Meter tief in den Boden gebracht, um den Hang Richtung Hohenurach zu sichern. Die Fläche, auf der der 25 Meter hohe Spezialbagger stand, ist Richtung der Ermstalbahn-Gleise mit Erde aufgefüllt. Vor der Winterpause haben die Bauleute begonnen, davor einen Sockel zu betonieren, auf dem ein Mauerwerk aus Granit errichtet wird – von den Bohrpfählen wird später nichts mehr zu sehen sein.

Viel getan hat sich auch an der Wasserfall-Kreuzung: Die beiden neuen Fahrbahn-Spuren sind schon gut zu erkennen, kurz vor Weihnachten wurde der Verkehr von der Behelfs-Straße auf die künftige B 28 verlegt, die kurz vor Weihnachten geteert wurde. Auf dem riesigen Baufeld daneben das inzwischen fertigbetonierte Retentionsfilterbecken. Es hält Regenwasser zurück und entlastet damit die Kanäle und die Sammelkläranlage in Metzingen. Es sickert langsam durch eine Filterschicht und wird so gereinigt, das Wasser wird dann gedrosselt in die Erms abgegeben. Vier Meter unter der Straße fließt das gesammelte Regenwasser der Straße zusammen.

Die Kreuzung Bäderstraße und damit der Weg Richtung Kurgebiet und zum Wohngebiet Breitenstein ist fertig. Auf der Kreuzung und der neuen B 28 stehen inzwischen schon die Licht- und die Ampelmasten.

Kurz vor Weihnachten haben die Bauleute begonnen, die Fundamente für die Fuß- und Radwegbrücke herzustellen, die künftig den Ortseingang von Bad Urach zieren wird. »Ein hochsensibles Tragwerk«, sagt Bauleiterin Lea Vogelsang über die 154 Meter lange und vier Meter breite Brücke. Der Spezialbagger war auch an dieser Stelle im Einsatz und Stahlbetonpfeiler mit einem Durchmesser von 60 Zentimetern bis zu zwölf Meter tief in den Untergrund gebohrt. Die Grundlage dafür, dass die Brücke solide im Ermstal steht.
Ein paar Hundert Meter weiter, direkt bei der Bleiche, wo die Straße nach Dettingen abzweigt, läuft die zweite Baustelle. Um den Verkehrsfluss zu verbessern und die Verkehrssicherheit zu erhöhen – hier ist ein Unfallschwerpunkt –, wird die B 28 so aufgeweitet, dass es hier zwei Fahrstreifen je Fahrtrichtung und zwei Einbiegestreifen von Dettingen nach Bad Urach gibt.
Auf einer Länge von knapp 400 Metern wird ein bis zu sieben Meter hoher Damm für die an dieser Stelle verbreitete B 28 gebaut. Der Damm wird Schicht für Schicht – je 30 Zentimeter mächtig – aufgeschüttet und mit Walzen verdichtet. Eine große Bodenfräse arbeitet immer wieder eine Lage aus Weißfeinkalk in den Boden an, dann kommen die Walzen. Erst eine »Schaffußwalze«, deren Trommel aussieht wie ein Igel und die den Boden regelrecht verknetet und verwalkt, bevor dann eine klassische Glattwalze kommt, die mit ihrer vibrierenden Trommel die Oberfläche bretthart und wasserundurchlässig verdichtet.

Wenn der Damm fertig ist, haben die Bauleute 5.200 Meter Boden aufgeschüttet und verdichtet. Der Damm wird nicht mit Bohrpfählen gestützt sondern erhält seine Stabilität über die Schräge. Wie die aussehen muss, sieht Baggerfahrer Herbert Lotterer von der Firma Brodbeck seinem Display. Die Bauleute vor Ort haben die identischen Pläne in ihren Fahrzeugen wie die Bauingenieure in ihren Arbeitscontainern an der Wasserfall-Kreuzung. »Das hat man früher frei Auge und mit ein paar Latten gemacht«, sagt der erfahrene Baggerfahrer, »heute geht das alles digital und damit viel genauer.«

Mit 57 hat er noch gelernt, wie so ein Hightech-Bagger funktioniert, sagt der 65-Jährige, der sein ganzes Leben auf dem Bau geschafft hat. Sein Chef hat den erfahrenen Mitarbeiter in diesem Jahr gebeten, noch ein bisschen was dranzuhängen. Diese Baustelle macht er noch, weil’s Spaß macht – dann ist endgültig Schluss. Zeit für den Ruhestand.
Zu den Kosten: Der Knotenpunkt Dettingen schlägt mit 2,6 Millionen Euro zu Buche. Davon zahlt 1,8 Millionen die Bundesrepublik, 800.000 Euro bleiben an Dettingen hängen. Die Wasserfall- und die Hochhauskreuzung in Bad Urach schlagen mit 24,85 Millionen Euro zu Buche. Berlin zahlt die rund 14 Millionen Euro teure Wasserfall-Kreuzung zu 100 Prozent, bei der rund 11 Millionen Euro teuren Hochhaus-Kreuzung zahlt der Bund 51 und die Stadt Bad Urach 49 Prozent plus die Kosten für die Straßenbeleuchtung – unterm Strich rund sechs Millionen Euro.

Ganz so tief muss die Kurstadt allerdings nicht in die Tasche greifen. Der Grund: Bad Urach kommt in den Genuss der – Achtung: Bürokartensprechmonster – »Förderung des Kommunalen Straßenbaus aus dem Landesgemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz«, kurz LGVFG-KStB. Die Stadt geht bei einer 50-Prozent-Förderquote folglich von zweieinhalb bis drei Millionen Euro aus, die bei ihr bleiben. Dazu kommt noch die Brücke über den Brühlbach, der rund eine Million Euro kostet. Die zahlt auch der Bund. Unterm Strich ist die B 28-Baustelle die teuerste Straßenbaustelle im Landkreis. Keine Straßenbaustelle, aber noch teurer ist nur das neue Landratsamt, das rund 170 Millionen Euro kosten wird. (GEA)




