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Was das knallrosa Haus in Metzingen alles auslöst

Mitten in der Metzinger Altstadt sorgt ein knallrosa Haus für Aufsehen. Gebaut hat es der FWV-Stadtrat und Dachtechniker Stefan Köhler zusammen mit zwei weiteren Bauherrn. Er verrät dem GEA, wie es dazu gekommen ist und wie es drinnen aussieht.

Rot trifft rosa: Stefan Köhler, einer der drei Bauherrn des bonbonfarben gestrichenen Dreigeschossers in der Pfleghofstraße 39.
Rot trifft rosa: Stefan Köhler, einer der drei Bauherrn des bonbonfarben gestrichenen Dreigeschossers in der Pfleghofstraße 39. Foto: Markus Pfisterer
Rot trifft rosa: Stefan Köhler, einer der drei Bauherrn des bonbonfarben gestrichenen Dreigeschossers in der Pfleghofstraße 39.
Foto: Markus Pfisterer

METZINGEN. An diesem Haus geht niemand gleichgültig vorbei. Knallrosa leuchtet der Dreigeschosser in der Pfleghofstraße 39 mitten in der Metzinger Altstadt Fußgängern, Rad- und Autofahrern entgegen. Stefan Köhler hat schon etliche von ihnen beobachtet und gehört. Er ist einer von drei Bauherrn des Hinguckers und wohnt mit seiner Frau unter dessen Dach. Köhler redet Klartext, dafür ist er auch als Fraktionschef der Freien Wähler im Metzinger Gemeinderat bekannt. »Verschiedene Laufkunden aus dem Ausland haben schon Selfies vor dem Haus gemacht.« Auf dem Weg zur nahegelegenen Outletcity.

Andere Passanten sind dem Haus nicht so zugewandt. »Einer hat gesagt, er hat Augenkrebs, seit er mal dort war.« Köhler und seine Mitstreiter stehen zu der polarisierenden Gebäudefarbe. Fassade, Fensterrahmen, Holzverkleidung, Balkonbrüstungen, Dachrinnen - alles rosa. Nur die Solarzellen auf dem Dach mussten dunkel bleiben, aber die sieht kaum jemand. Das sogenannte Schwarze Brett ist dagegen schon wieder rosa gerahmt.

Alles so schön bunt hier: In der Pfleghofstraße finden sich auch das grüne Kitz-Boutique-Hotel, ein orangefarbenes Haus und ein
Alles so schön bunt hier: In der Pfleghofstraße finden sich auch das grüne Kitz-Boutique-Hotel, ein orangefarbenes Haus und ein gelb-roter Klinkerbau. Foto: Markus Pfisterer
Alles so schön bunt hier: In der Pfleghofstraße finden sich auch das grüne Kitz-Boutique-Hotel, ein orangefarbenes Haus und ein gelb-roter Klinkerbau.
Foto: Markus Pfisterer

Die drei haben es so wollen. Der Impuls kam allerdings aus dem Rathaus mit seinen pinken Erkern am Großen Sitzungssaal: »Das Bauamt kam auf uns zu und wünschte ein lebendiges Farbenbild in der Pfleghofstraße«, blickt Stefan Köhler ein paar Jahre zurück. An der Einmündung zur Schloßstraße schimmert schon lange eine Fassade in orange, gefolgt von einem gelb-rot gemusterten Klinkerhaus und dem Boutique-Hotel Kitz in Grüntönen mit braunen Fensterläden.

Das ist noch keine zehn Jahre alt und hat einen Architekturpreis bekommen. Michael Meyer heißt sein Schöpfer, der in Stuttgart lebt und dort auch an der Uni lehrt, und genau ihn haben auch Köhler und die beiden anderen Bauherrn in ihr Boot gezogen. Weiterhin mit Mut zur Farbe. »Meyer hat Blau oder ein blasses Rosa vorgeschlagen«, berichtet Köhler. Blau war den werdenden Hauseigentümern indes zu kühl. Rosa als Ton aus der warmen Rot-Palette ist es schließlich geworden. Aber wennschon, dennschon: kräftig leuchtend und nicht nur sanft schimmernd. »Das andere sah aus wie ausgebleicht.«

»Laufkunden aus dem Ausland haben schon Selfies vor dem Haus gemacht. Ein anderer Passant hat gesagt, er hat Augenkrebs, seit er mal dort war«

Das hoch aufgereckte, wie von Kinderhand gemalte Haus steht nicht nur wegen seiner Farbe, sondern auch wegen der Größe ungleich auffälliger da als das eineinhalbgeschossige weiße Gebäude-Doppel, das ihm zum Opfer gefallen ist: vorne der Altbau von 1700, der wegen mehrerer mehr oder weniger fachkundiger Umbauten nicht unter Denkmalschutz stand, mit dem Friseurgeschäft Gysin. Hinten angebaut ein Haus aus den 1960er-Jahren. Beide wurden 2021 abgebrochen.

Corona zog die Bauzeit des Nachfolgers in die Länge, auf knapp drei Jahre. Seit Januar 2024 ist er bezugsfertig. Sieben Wohnungen enthält der Blickfang in der Pfleghofstraße, zwei davon sind noch zu haben. Sie sind nicht billig, auch daraus macht Stefan Köhler keinen Hehl: »Die 100-Quadratmeter-Wohnung kostet 600.000, die mit 59 Quadratmetern 375.000 Euro.« Eine Frau mit Kindern, die bei Köhlers Vor-Ort-Termin mit dem GEA-Reporter zufällig des Weges kommt, winkt sofort ab: Wohnen in Neubauten erscheint ihr in Metzingen unerschwinglich. »Unter 6.000 Euro pro Quadratmeter geht's hier nicht«, sagt Köhler.

Eine Käuferin der fünf schon vergebenen Wohnungen hatte das nötige Kleingeld beisammen und verliebte sich in das Haus. »Sie hat nur wegen der Farbe die Wohnung genommen«, legt Köhler offen. Dabei ist von drinnen von Bonbonrosa herzlich wenig zu sehen: Nur die Balkon-Umrahmungen leuchten durch die Fenster, garniert mit passendem Pflanzengrün. In den Räumen herrscht dagegen nacktes Grau vor, im Architektensprech Sichtbeton genannt.

Er ist in Mode. Es sei denn, die Bewohner scheren aus und setzen eigene Akzente. Wie Stefan Köhler, der gelernte Zimmerer- und Dachdeckermeister, der Parkett und Fliesen in seine Dachgeschosswohnung gelegt und ... ein tiefrosafarbenes Sofa dort stehen hat. Und wie findet Metzingens Baubürgermeister Markus Haas das rosa und das grüne Haus in der Altstadt?

»Zusammen mit dem zum Familienzentrum entwickelten Pfleghof haben die beiden Neubauten ganz sicher zu einer Aufwertung der oberen Pfleghofstraße beigetragen«

Statt ihm tut Konrad Berger, der Leiter des Amts für Planen und Bauen der Stadt, auf eine GEA-Anfrage hin seine Meinung kund: »Zusammen mit dem zum Familienzentrum entwickelten früheren Pfleghof haben die beiden Neubauten ganz sicher zu einer Aufwertung der oberen Pfleghofstraße beigetragen.« Wenngleich sich über Geschmack »sicher trefflich streiten lässt und im Detail auch überraschende Effekte bzw. Lösungen auftreten können«.

Kontraste: Im rosa Haus herrscht erstmal Sichtbeton vor - so lange die Wohnungseigentümer keine anderen Wandverkleidungen oder B
Kontraste: Im rosa Haus herrscht erstmal Sichtbeton vor - so lange die Wohnungseigentümer keine anderen Wandverkleidungen oder Bodenbeläge gewählt haben. Foto: Markus Pfisterer
Kontraste: Im rosa Haus herrscht erstmal Sichtbeton vor - so lange die Wohnungseigentümer keine anderen Wandverkleidungen oder Bodenbeläge gewählt haben.
Foto: Markus Pfisterer

Die städtische Pressesprecherin Susanne Berger weist darauf hin, dass für Hauseigentümer ein großer Spielraum besteht, was die Farbgestaltung ihrer Fassaden betrifft. Das gehört zur grundgesetzlich verankerten Baufreiheit. "Demgegenüber ist ein baurechtliches Einschreiten nur möglich, wenn das Verunstaltungsverbot greifen würde": Bauliche Anlagen sind mit ihrer Umgebung so in Einklang zu bringen, dass sie das Straßen-, Orts- oder Landschaftsbild nicht verunstalten oder beeinträchtigen." Das hat bei den beiden Meyer-Häusern aber noch niemand geäußert. Zumindest nicht öffentlich vernehmbar. (GEA)