BAD URACH. Wenn es ein Dauerthema gab während der Festtage, dann war es das Wetter: Trüb die Aussichten, katastrophal die Prognose. Doch eine Absage des Uracher Schäferlaufs stand nie zur Diskussion. Eine Notbremse wolle die Stadt erst ziehen, falls am Sonntag kurz vor den Festivitäten eine Extremwetterlage angekündigt werde. Das war jedoch nicht notwendig: Zwar kam Regen, und das nicht zu wenig. Doch das Fest nahm trotzdem seinen gewohnten Lauf.
Nur: Die erste Hälfte der 82 Festzug-Gruppen hatte Glück und wurde nicht nass, die anderen doch so ziemlich. Die gute Laune ließen sich die vom Regen Getroffenen jedoch nicht nehmen, fröhlich winkend liefen und weiter musizierend liefen sie in die Zittelstatt ein. Und auch die beiden souveränen Moderatoren Claudia Rabuser und Peter Hiller ließen sich nicht aus der Ruhe bringen, auch wenn sie ihre Infos nicht mehr genau entziffern konnten. Zu jeder in die Zittelstatt einlaufende Gruppe gab's jede Menge Infos - auf gut schwäbisch selbstverständlich.
Publikumstreue. Die Verantwortlichen von Stadt, Feuerwehr und Polizei reagierten nach einer kurzen Vor-Ort-Lagebesprechung besonnen, die Waldbühne wurde geräumt und nach dem heftigen Regenguss war sie wieder voll besetzt – kaum jemand war gegangen. Dafür dankte Bürgermeister Elmar Rebmann den Besuchern, das zeige die tiefe Verbundenheit zum Schäferlauf. Unzählige Menschen waren ab dem frühen Morgen in die Innenstadt geströmt, zunächst die mehr als 2.000 Teilnehmer, darunter 25 Musikgruppen, und später die Besucher – um die 30.000 werden es an den Festtagen wohl gewesen sein. Und plötzlich war er auch da, der Bad Uracher Ehrenbürger Cem Özdemir, und mischte sich in der Zittelstatt unter die Ehrengäste des »schönsten Heimatfestes im Ländle«, wie Rebmann immer wieder betonte. Das würden zwar viele behaupten, meinte er: »Aber bei uns stimmt's.«
Klein und groß. Noch ein Geheimtipp unter den vielen Schäferlaufattraktionen ist der kleine Festzug am frühen Morgen, der nicht weniger farbenprächtig als der große und dessen Protagonisten dieselben sind – eben nur weniger. Und es sind noch keine Kutschen, Pferde und Tiere dabei. Dafür aber 16 Musikkapellen und die spielten gemeinsam unter dem Dirigat von Gunnar Merkert vom Musikverein Bad Urach den Egerländer Fuhrmannsmarsch – ungeprobt sorgten sie für das erste Gänsehautgefühl an diesem langen Tag. Viele sollten noch kommen. Beim bunten Umzug, wo sogar ein Schaf geschoren wurde. Mitlaufende Gruppen verteilten etwas: Wein aus Neuhausen zum Beispiel, Most aus Glems sowie Laugenweckle oder Bonbons.
Der Gewinner ist. Der Schäferlauf hat seinen Namen nicht umsonst, in der Zittelstatt laufen junge Frauen und Männer, die alle etwas mit der Schäferei zu tun haben müssen, um die Königskrone. Dauersiegerin Sophia Hagenlocher war zu oft die schnellste gewesen, durfte nicht mehr mit den 16 Mädels antreten. Jana Deufel aus Schwenningen im Landkreis Sigmaringen ist ihre gerade mal 14 Jahre alte Nachfolgerin. Der 19-jährige Kilian Gulde war unter den neun Jungs der schnellste. Beides sind bereits gekrönte Häupter aus Wildberg und Markgröningen.

Auf ihre Krönung durch Staatssekretärin Sabine Kurtz vom Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz folgte ihnen zu Ehren der Tanz des Schäferreigens, fast 15 Minuten Hochleistung pur. Kurz zuvor hatten die Kreisreiterpaare ihren viel umjubelten Wettbewerb: Den Bechertanz absolvierten die Kathrin Randecker - sie wurde zudem auserkoren, mit Elmar Rebmann am frühen Morgen den Bürgermeisterwalzer zu tanzen - und Timo Frank nach Ansicht der Jury am besten. Der Preis: ein Gockel. Wo es Gewinner gibt, sind Verlierer nicht weit. Zu ihnen gehören die Lokalpolitiker: Bürgermeister Elmar Rebmann und Gemeinderätin Irmgard Naumann wurden von den Wasserträgerinnen so nass gespritzt, dass sie sich sogar umziehen mussten. Irmgard Naumann hatte es geahnt: Es seien sehr viele ehemalige Schülerinnen von hier dabei gewesen, meinte sie lachend.
Die Top-Ten des Schäferlaufs. Ganz klar an der Spitze ist seit jeher der Martha-Marsch – gefühlt zig hunderte Mal gespielt von der Schäfermusik in den vergangenen Tagen. Oft zu hören auch der Egerländer Fuhrmannsmarsch, immer wieder ertönte es dann aus tausenden Kehlen »Schäferlauf«. Becher- und Metzgertanz oder auch »In der Heimat ist es schön«: Auch diese Melodien sind Schäferlauf-Fans bereits und Blut übergegangen. Ob Blaskapellen und Partykracher, im Festzelt, auf dem Marktplatz oder in den Straßen: Musik lag nicht nur über die gesamten Festtage in der Luft, sondern schon seit zehn Tagen bei der abendlichen offenen Bühne. Da wird der Rockfan zum Mitklatscher bei einer Polka aber es geht auch andersherum: Musikvereine bewegen sich längst außerhalb von Marschmusik, intonieren Deep Purple oder spielen eine Runde Italo-Hits.
Feste feiern: Ein normaler Schäferlauf sollte der diesjährige 146. werden nach dem rekordverdächtigen Jubiläumsfest zum 300-jährigen Bestehen vor zwei Jahren. Doch die Bad Uracher waren sich einig: Überall wurde noch einmal eine Schippe draufgesetzt, waren es gefühlt so viele Menschen wie noch nie. Das Festzelt stets knallvoll, der Marktplatz bei der Freitag-Laurentia ebenfalls – in die Knie konnte man da kaum noch gehen. Und über 1.500 Menschen hatten sich am Donnerstag die Hauptprobe des Schäferreigens angeschaut, in den 80er-Jahren waren es nicht einmal 100 erinnert sich der damalige Oberschäfer Klaus Brodbeck.
Gut hüten: Der Kessel tobte, auf der Albhochfläche herrschte dagegen konzentrierte Ruhe beim Leistungshüten von fünf Schäfern. Sie und ihre Hütehunde mussten mit einer Herde mit 270 Schafen von Stadtschäfer Christoph Röhner vier Aufgaben bewältigen, am besten machte das Herbert Schaible aus Aidlingen mit seinem gerade mal anderthalbjährigen Rüden Pepper. Der Lohn ihrer Zusammenarbeit: Die Note vorzüglich. Auf den Plätzen folgten Alois Erhardt (Birkenzell), »Titelverteidiger« Jonas Henninger aus Münsingen und Marcel Lichau aus Münsingen, der übrigens gleich im Doppelpack angetreten war - er beteiligte sich auch am Lauf der Schäfer. Leider auf dem letzten Platz landete Novizin Bettina Käflein, die junge Frau hat künftig noch viele Möglichkeiten, ihr Hütekönnen unter Beweis zu stellen.
Das Leistungshüten hat sich im Lauf der Jahre zu einem absoluten Publikumsmagneten entwickelt, die Zuschauer schreckt die frühe Uhrzeit nicht ab: Ab 7.30 Uhr findet am Samstag das Hüten rund ums Wittlinger Sportgelände statt. Ganz nah dran sein ist möglich: Jedes Wort, das der Schäfer seinen J´Hund richtet ist zu hören und mit den Schafen zu schwätzen ist sowieso unerlässlich, Das erklärte jedenfalls der Moderator und Schäfermeister im Ruhestand Harald Höfel, er hat an diesem Morgen alle Themen ums Schafehüten, aber auch um die Schäferei interessant vermittelt. (GEA) www.gea.de/bilder





