BAD URACH-SEEBURG. Die Stadt Bad Urach will im Ortsteil Seeburg die Straße »Hartberg« auf einer Länge von rund 240 Metern ausbauen. Die dreieinhalb bis fünfeinhalb Meter breite, in den 1950er-Jahren gebaute Sackgasse ist marode und mit zahlreichen Flickstellen übersät. Dass hier über kurz oder lang etwas getan werden muss, ist schon länger bekannt. Im Gemeinderat kamen konkrete Pläne im September 2024 auf den Tisch. Schon damals regte sich heftiger Widerstand in Seeburg.
Zum einen sehen die Anwohner nicht ein, dass die Straße so aufwendig ausgebaut werden soll - am Ende der Sackgasse ist sogar eine große Wendeplatte für dreiachsige Müllautos geplant. Zum anderen - und das ist der Hauptkritikpunkt - stört sie die Tatsache, dass sie 95 Prozent der Kosten (knapp 1,5 Millionen Euro) selbst zahlen sollen. Das hat rechtliche Gründe: Weil es für diesen Teil der Straße keinen Bebauungsplan gibt, läuft die Sanierung für die Stadt als »erstmalige Erschließung«. Unter diesen Voraussetzungen darf, nein: muss eine Kommune die Kosten zu 95 Prozent auf die Anwohner umlegen.
»Warum 'erstmalige Erschließung'«, fragt Uwe Hölz, an dessen Haus die Baustelle beginnen wird, »die Straße gibt es doch schon!« Gertraud Thaler ergänzt: »Wir haben vor der Eingemeindung doch alle schon was an die damals noch selbstständige Gemeinde Seeburg bezahlt.« Andere, die erst vor einigen Jahren in die Straße gezogen sind, wussten gar nichts davon, dass sie jetzt die Erschließung einer Straße zahlen sollen.
»Wir brauchen doch keine Autobahn, sondern einfach nur eine gerichtete Straße«
Uthe Scheckel, die von 2004 bis 2014 Ortsvorsteherin in Seeburg war und jetzt immer noch für die Freien Wähler im Gemeinderat sitzt, kritisiert, dass die Hartbergler jetzt zur Kasse gebeten werden. »Wir müssen ausbaden, was so viele Bürgermeister vor sich hergeschoben haben«, sagt sie. »Es ist so viel passiert seither, in jüngerer Zeit Corona und der Krieg, und die Kosten steigen und steigen - und jetzt trifft's uns, das kann doch nicht sein.« Als das Thema im September 2024 in den Gemeinderat kam, war die Rede von 1,2 Millionen Euro. In der aktuellen Drucksache sind es 1,48 Millionen. Vermutlich nicht die letzte Zahl, die im Raum steht.
Als der Hartberg im September 2024 im Uracher Gemeinderat auf der Tagesordnung stand, machten einige Anwohner klar, dass sie die Kosten, die auf sie zukommen, nicht stemmen können. Man muss die anderthalb Millionen Euro nur durch 18 Anrainer teilen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, von welchen Dimensionen die Rede ist. Die Kosten werden nach der Nutzungsfläche der unterschiedlich großen Grundstücke bemessen. »Wir kriegen bei der Bank doch gar keinen Kredit, weil wir zu alt sind«, sagt eine Frau. »Dann habe ich ein Haus zu verschenken, die Kosten für die Straße kann ich nämlich nicht bezahlen«, hatte ein Anwohner im September 2024 im Gemeinderat gesagt. Uwe Hölz ganz ohne Sarkasmus: »Wer kann so viel Geld aus dem Ärmel schütteln? Ich nicht!« Dietmar Schweizer spielt den Ball zurück an die Stadt: »Ich frage mich, ob die Stadt die Straße so aufwendig richten lassen würde, wenn sie alles selber bezahlen müsste.«
»Wer kann so viel Geld aus dem Ärmel schütteln? Ich nicht!«
Eine grundsätzliche Frage bewegt den Hartberg: Wenn schon sanieren - und das stellt niemand in Frage - warum dann so aufwendig? »Wir brauchen doch keine Autobahn«, sagt Sieglinde Hölz, »sondern einfach nur eine gerichtete Straße.« Gertraud Thaler stellt klar: »Eine Sanierung, ja, aber keinen Neubau.« Da ist nicht nur der Untergrund, der komplett neu gemacht werden soll, da ist vor allem die Wendeplatte, die am Ende der Straße gebaut werden soll, damit das Müllauto umdrehen kann. Die wurmt alle maßlos.
Im unteren Drittel der Straße, 120 Meter vor dem geplanten Ausbau-Ende, gibt es schon eine Wendeplatte. Wie an vielen Stellen in der ganzen Stadt könnte das Müllauto diese kurze Strecke gut rückwärts fahren, finden die Hartberg-Anwohner. Zur Not würden sie ihre Mülltonnen vom hinteren Hartberg bis zur vorhandenen Wendeplatte selber ziehen, daran soll's nicht liegen.

Ursel Salzer, die mit ihrer Familie am Ende der Straße wohnt, kann beim Gedanken an die geplante Wendeplatte nur den Kopf schütteln. Gegenüber ihres Hauses, in den feuchten Fischbach-Wiesen, tummeln sich Kröten und Molche. Denen wollte sie vor Jahren etwas Gutes tun und ein kleines Becken für sie bauen. Was das Landratsamt ablehnte. Ein »erheblicher Eingriff« in die Natur im Überschwemmungsgebiet. Große Bedenken wegen § 78 des Wasserhaushaltsgesetzes. »Und jetzt wollen sie hier eine große Wendeplatte bauen«, sagt sie, »das versteht doch kein Mensch.«
Zu viele offene Fragen, fasst Uthe Scheckel die Argumente ihrer Nachbarn zusammen. Die 18 Nachbarn sind sich so nahe wie nie und machen jetzt das, was Bürgermeister Elmar Rebmann im September 2024 im Gemeinderat und bei seiner Wahlkampftour im Oktober 2025 in den Raum gestellt hatte, um Rechtssicherheit herzustellen: »Wir werden gegen die Stadt Bad Urach klagen.« (GEA)

