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Nachtwanderer erfahren, was Jugendlichen in Metzingen fehlt

Fünfzehnmal sind die Metzinger Nachtwanderer 2025 durch die Stadt gelaufen - zu typischen Jugendtreffpunkten. Welche Feedbacks sie dort bekommen haben.

Die Nachtwanderer Thomas Ruf, Ghenet Brunner und Gertrud Kleineikenscheidt (rechts) zeigen auf dem Metzinger Kelternplatz Flagge
Die Nachtwanderer Thomas Ruf, Ghenet Brunner und Gertrud Kleineikenscheidt (rechts) zeigen auf dem Metzinger Kelternplatz Flagge. Foto: Markus Pfisterer
Die Nachtwanderer Thomas Ruf, Ghenet Brunner und Gertrud Kleineikenscheidt (rechts) zeigen auf dem Metzinger Kelternplatz Flagge.
Foto: Markus Pfisterer

METZINGEN. Durch manche Köpfe spukt noch das Klischee: Jugendliche lärmen und vermüllen in Cliquen öffentliche Plätze. Die Metzinger Nachtwanderer, Menschen, die regelmäßig durch die Stadt gehen und typische Jugendtreffpunkte aufsuchen, bekommen ein differenzierteres Bild zu sehen: junge Leute, die sich einfach treffen wollen, locker reden, fröhlich und friedlich sind. »Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe«, sagt Thomas Ruf aus Bad Urach, der seit 2020 mitläuft.

»Sie wünschen sich Plätze und Räume«, weiß Gertrud Kleineikenscheidt, als Frau der ersten Stunde seit 2011 bei den Metzinger Nachtwanderern dabei. Einer dieser Räume war mal das Café Campus am Bahnhof, das der Jugendgemeinderat liebevoll renovierte und 2017 öffnete. Betreut wurde es von einem Verein, der sich inzwischen aufgelöst hat. »Aktuell wird das Gebäude für die Integrationsarbeit genutzt«, informiert die städtische Pressesprecherin Susanne Berger, »hier treffen sich Gruppen von Ukrainerinnen und Ukrainern und bieten Sprachkurse und psychologische Unterstützung für andere Geflüchtete aus der Ukraine an.«

»Für das Café Campus hat sich keine ausreichend große Gruppe von interessierten Jugendlichen gefunden, die auch bereit waren, dort verpflichtende Aufgaben zu übernehmen«

Damit fällt das putzige Häuschen als Jugendtreffpunkt offenbar aus. »Letzte Versuche der Wiederöffnung sind daran gescheitert, dass sich keine ausreichend große Gruppe von interessierten Jugendlichen gefunden hat, die auch bereit waren, verpflichtende Aufgaben im Campus zu übernehmen«, erläutert Berger weiter. Wo sind die Treff-Alternativen? »Am Kelternplatz gab's mal Riesenprobleme«, sagt Kleineikenscheidt, »jetzt sind viele auf dem Hugo-Boss-Platz.« Wo sie kein Dach über dem Kopf haben. Manche an der Skaterbahn im Freizeitgelände Bongertwasen, die die Nachtwanderer nicht innenstadtnah genug finden.

Das schmuck hergerichtete Jugendcafé Campus beim Metzinger Bahnhof ist geschlossen. Derzeit läuft dort ukrainische Integrationsa
Das schmuck hergerichtete Jugendcafé Campus beim Metzinger Bahnhof ist geschlossen. Derzeit läuft dort ukrainische Integrationsarbeit. Foto: Markus Pfisterer
Das schmuck hergerichtete Jugendcafé Campus beim Metzinger Bahnhof ist geschlossen. Derzeit läuft dort ukrainische Integrationsarbeit.
Foto: Markus Pfisterer

Ältere Jugendliche gehen in den Club Thing, jüngere oft ins Jugendhaus. Doch dort krankt es nach Beobachtungen der Nachtwanderer am »Personalmangel. Freitags ist nur noch für zwei Stunden geöffnet«, sagt Ghenet Brunner, »früher war es ein Haus für alle.« Sie meint damit die über 40-jährige Amtszeit von Jugendhausleiter Uwe Noppel. Doch der ist im Ruhestand, und sein »Nachfolger hat aufgehört.«

Im Rathaus weist man darauf hin, dass sich nach den »großen personellen Veränderungen im Jugendhaus in den letzten Jahren« das Team jetzt wieder gut aufgestellt ist. »Es ist voll besetzt«, sagt Susanne Berger, »im Jugendhaus arbeiten aktuell vier Personen.« Insgesamt seien die Stellen dort in den vergangenen Jahren ausgebaut worden. »Zu Schließzeiten kam es in den letzten Monaten wegen Krankheitsfällen, dies betraf aber keine längeren Zeiträume.« Aktuell hat das Jugendhaus montags bis donnerstags von 14 bis 20 Uhr geöffnet, weitere Termine können vereinbart werden. »Im Jahr 2025 wurde zudem der jugendkulturelle Bereich deutlich ausgebaut.«

Mitspracherechte über ihre Interessen haben Jungen und Mädchen, junge Frauen und Männer in Metzingen derzeit eher projektbezogen, etwa bei der Ideenfindung für das Ganzjahresbad oder zum Mobilitätsentwicklungskonzept, aber nicht in einem festen Gremium: Einen Jugendgemeinderat gibt es seit dem ersten Coronajahr 2020 mangels genügend Kandidatinnen und Kandidaten nicht mehr.

»Ein JGR wäre toll. Man muss Jugendliche an die Demokratie heranführen. Sie sind nicht desinteressiert«

Für Oberbürgermeisterin Carmen Haberstroh ist das kein Manko: »Ich vermisse aktuell nichts«, hat sie bei ihrer Halbzeitbilanz im vergangenen Sommer bekannt. Ihr genügt die projektbezogene Einbringung der Jugendlichen. Von diesen selbst gestemmten großen Vorhaben wie dem Café Campus oder früher dem Dirtpark an der Nordtangente, die vielen zugutekommen, sieht man in der Stadt seither aber nicht mehr.

Gertrud Kleineikenscheidt, die frühere Grünen-Gemeinderätin, wünscht sich denn auch wieder einen Jugendgemeinderat als ständige Interessenvertretung junger Menschen. »Man muss sie an die Demokratie heranführen.« Die Stadtverwaltung könne Impulse geben, die Werbetrommel rühren, den JGR als attraktive politische Gremienform, durch die sich etwas bewegen lässt, wieder mehr in den Fokus stellen. »Jugendliche sind nicht desinteressiert«, ergänzt Thomas Ruf.

Das Gremium könnte auch mehr Events für Jugendliche in Metzingen organisieren, Partys zum Beispiel - ein Wunsch, den die Nachtwanderer auf ihren Rundgängen durch die Stadt immer wieder mal hören. Die ehrenamtlich Engagierten um Thomas Ruf, Ghenet Brunner und Gertrud Kleineikenscheidt sind zu zehnt - so viele wie beim Start 2011, der auf Initiative des langjährigen Streetworkers Patrick Differt zurückging. Sie sehen sich zahlenmäßig gut aufgestellt und sagen (Kleineikenscheidt) trotzdem: »Bedarf ist immer da.«

Tischkickerinnen im Jugendhaus.
Tischkickerinnen im Jugendhaus. Foto: Till Börner
Tischkickerinnen im Jugendhaus.
Foto: Till Börner

Gelaufen wird meist in der warmen Jahreszeit und freitags ab 20/20.30 Uhr. Die Metzinger Nachtwanderer haben nicht nur an Mitwandernden, sondern auch an Kleidung Bedarf. Hat in der Vergangenheit Hugo Boss die mit auffälligen gelben Schriftzügen versehenen blauen Jacken gesponsert, ist der Modegigant inzwischen ausgestiegen. Jetzt suchen die Engagierten Spenden. Damit sie auch in Zukunft gut erkennbar das tun können, wofür sie stehen: »Wir wollen Brücken bauen.« (GEA)

www.die-nachtwanderer.de