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Musikalisch, politisch, integrativ

Susanne Kohler ist 70 Jahre alt geworden und prägt das gesellschaftliche Leben in Metzingen seit Langem mit

Der Schlipf-Brunnen auf dem Kelternplatz, an dem Susanne Kohler mit E-Bike, Geige, symbolträchtiger Gitarre und Notenschirm fürs
Der Schlipf-Brunnen auf dem Kelternplatz, an dem Susanne Kohler mit E-Bike, Geige, symbolträchtiger Gitarre und Notenschirm fürs Foto Halt gemacht hat, ist auch Teil des Kinderkunstwegs. FOTO: PFISTERER
Der Schlipf-Brunnen auf dem Kelternplatz, an dem Susanne Kohler mit E-Bike, Geige, symbolträchtiger Gitarre und Notenschirm fürs Foto Halt gemacht hat, ist auch Teil des Kinderkunstwegs. FOTO: PFISTERER

METZINGEN. Der Geigenkoffer hängt überm Rücken, ein Froschkönig und ein paar Sonnenblumen schmücken die Gitarre, die im Fahrradkorb liegt, den Regen hält ein Notenschirm fern: Susanne Kohler hat zum Gespräch in der Metzinger GEA-Redaktion am Kelternplatz Dinge mitgebracht, die ihr Leben prägen. Sie selbst prägt das Stadtleben seit Jahrzehnten mit, musikalisch, künstlerisch, politisch, integrativ. Runde 70 Jahre alt ist sie am 9. März geworden und weiterhin gesellschaftlich sehr aktiv.

Susanne Kohler ist neben Silvia Lechler eine der beiden Gründerinnen der KiWi(»Kunst in der Werkstatt integrativ«)-Gruppe, in der auch benachteiligte Kinder ihren Platz haben. »Wir hatten beide zur gleichen Zeit die Idee«; Christine Thomas stieß nur wenig später dazu. Im Familienzentrum ist die 1998 gegründete KiWi-Gruppe zu Hause. »KiWi hat Metzingen verschönert.« Etwa als im Auftrag der Stadt mit Kinderbildern bemalte Bettlaken die Stadtbibliothek Kalebskelter verhüllt haben. Auch »Bilder einer Ausstellung«, das berühmte sinfonische Werk von Modest Mussorgskij, malten KiWi-Kinder nach ihrer Vorstellung nach, »Das Ballett der Küken in Eierschalen« etwa.

Gespielt hat damals das Kammerorchester Metzingen. Das ist Susanne Kohlers zweites großes Feld. Seit 1979 ist sie als Geigerin und Bratschistin im Orchester, seit 2003 dessen Kopf als Vorsitzende. Das Kammerorchester hat auch zu ihrem 70. Geburtstag aufgespielt, war in fast kompletter Besetzung bei der Feier in der Festkelter mit 77 Gästen dabei. Kohlers Kinder Katharina und Johannes hatten alles organisiert. »Du musst gar nichts tun, darfst Dich einfach zurücklehnen«, sagten sie zu einer, die sich sonst selten zurücklehnt.

Zum runden Geburtstag gratuliert hat auch Professor Dr. Wolfgang Voelter, dessen Stiftung den Bau des Familienzentrums erst möglich gemacht hat – ein Haus für alle, dessen Verwirklichung Susanne Kohler fünf Jahre lang mit vielen anderen betrieben hatte. »Es ist immer eine glückliche Fügung, wenn der eigene Lebensweg sich mit dem eines besonderen Menschen kreuzt, einem Menschen, der Bewunderung entfacht und auch die eigene Lebensgestaltung berührt«, resümiert Voelter in seiner Laudatio, und »Sie waren eine der wenigen, die über die Jahre fast keine der Arbeitssitzungen ausgelassen hat, um Ihre Ideen mit Ihrer langjährigen Schulunterrichtserfahrung in die Konzeption des Familienzentrums einfließen zu lassen.«

Schulunterricht zu geben war für die Gerühmte Berufung. »Schon mit sechs Jahren wusste ich, dass ich Lehrerin werden wollte.« An der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen studierte die gebürtige Coburgerin, die der Liebe wegen nach Metzingen gezogen war. Neun Jahre unterrichtete sie an der Gutenbergschule Reutlingen, ihrer ersten Berufsstation, gefolgt von der damaligen Hindenburgschule Metzingen, die heute Sieben-Keltern-Schule heißt. Wo sie Musik neu ins Spiel gebracht hat. »Ich habe mit meinen Erstklässlern geflötet.« Jeden Morgen fünf Minuten lang. Ein Unterrichtsbeginn, der nachwirken kann: »Kinder, die musizieren, sind intellektuell leistungsfähiger.« Mit Musik überwand sie auch manche Sprachbarriere in den (internationalen) Vorbereitungsklassen, die sie als sehr bereichernd empfunden hat.

In ihrem eigenen musikalischen Leben hat sich Susanne Kohler weder auf die Blockflöte noch auf die Geige oder Bratsche beschränkt. In ihrer kirchlich bewegten Jugend kam die Gitarre hinzu, eine Pfarrerin vermittelte ihr grundlegende Griffe, zur Begleitung von Kindergottesdiensten. Das Kammerorchester spielte in Kohlers Leben eine so große Rolle, dass auf Dauer sogar das kommunalpolitische Wirken dahinter zurückzustehen hatte. Während ihrer Elternzeit war Susanne Kohler zehn Jahre Gemeinderätin für die Grünen, trat dann nicht mehr zur Wahl an. »Die Orchesterproben sind donnerstags.« Die Gemeinderatssitzungen auch.

»Ein Mensch, der Bewunderung entfacht und die eigene Lebens- gestaltung berührt«

Zur Politik gefunden hat sie in den 1970er-Jahren, als sie mit ihrem Mann Dr. Erwin Kohler und vielen anderen gegen das geplante Atomkraftwerk Mittelstadt demonstrierte. Auf kommunaler Ebene etwas bewegen zu können, das trieb sie damals an. In Metzingen hat sich im Lauf der Jahrzehnte einiges bewegt, kam zum Beispiel Tempo 30 auf die meisten Straßen. »Das haben wir eingebracht, andere haben damals den Kopf geschüttelt.« Die Gründung der Städtepartnerschaften mit Nagykálló und Hexham – wo das Kammerorchester Metzingen zur Gründungsfeier in England spielte – hebt sie als weitere Positiv-Entwicklungen hervor und die Verbesserungen für die Metzinger Radfahrer. »Es ist noch nicht genug, geht aber in die richtige Richtung.«

Das Radeln hat es Susanne Kohler angetan, seit für sie als Kind ein Fahrrad unterm Weihnachtsbaum lag. Im Hier und Jetzt passt das Fahrrad nicht nur zu ihrer politischen Ausrichtung, sondern auch zu ihrer künstlerischen Ader: Regelmäßig fährt die 70-Jährige als ADFC-Guide mit anderen über den Radkunstweg kreuz und quer durch Metzingen und Neuhausen. Zum Äpfeles-Brunnen von Konrad Schlipf am alten Rathaus in Neuhausen geht es genauso wie zur Steinskulptur in der Auchtertstraße oder zur »Hose« am Lindenplatz, die wie so vieles im früheren Metzinger Kunstseminar entstanden ist. Der kleine Froschkönig, der an Kohlers Gitarre hängt, taucht auch am Kinderkunstweg auf, am Pfleghof. Da sind sie wieder, ihre verbindende Art, ihre kulturelle Begeisterung und ihr Engagement für die Gesellschaft. (GEA)