METZINGEN. Der Sechstklässler Moritz hat ihm zum Abschied ein handgemachtes Rennradmodell geschenkt, etwa 30 Zentimeter lang und 15 hoch. Jürgen Grunds Leidenschaft ist bekannt: Fahrradfahren. Ab Freitag wird er viel mehr Zeit dafür haben als bisher: Die Sommerferien sind da und Grund geht am 1. August als Leiter der Schönbein-Realschule Metzingen (SRM) in den Ruhestand.
Zwei Jahre vor der Zeit tritt er ab, ist 64. »Man soll gehen, wenn es am Schönsten ist und die Leute einen noch vermissen«, sagt er. Anfang des Jahres hat er seinen Rückzug im Kollegium verkündet. »Manche haben eine Träne verdrückt.« Überraschung bei der Stadt als Schulträgerin. Jürgen Grund beschreibt sich als Teamplayer, der dennoch den Alphatiermodus nicht scheut, um seine Schule voranzubringen. Eine gewisse Sturheit wird ihm wohl nicht zu Unrecht nachgesagt. Ein Mann mit vielen Gesichtern ist da (noch) am Werk, einer, der gerne spricht und das mit grundverschiedenen Stimmen. »Du SCHIEBST jetzt sofort den Roller vom Schulhof!«, fährt er auf dem Pausenhof einen Jugendlichen an, der offensichtlich kein Metzinger Realschüler ist. Der Junge zieht mit seinem Kumpel und den E-Scootern ab.
»Die generelle Rückkehr zu G 9 halte ich für einen Fehler«
In seiner Zeit an der Spitze der Schönbein-Realschule hat Grund stetig die anderen Schulbeteiligten einbezogen: die beiden Konrektoren Friedemann Kuhn und Sajda Kindler, die Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler, ihre Eltern. Er hat Ideen aufgegriffen wie die zum Acker-Projekt, bei dem die Schüler nachhaltig Gemüse anbauen. Elf Jahre lang war Jürgen Grund am Ruder der SRM und hat dabei stark auf Bildungspartnerschaften gesetzt: mit Unternehmen und Betrieben genauso wie mit anderen Schulen - etwa mit der kaufmännisch ausgerichteten Georg-Goldstein-Schule in Bad Urach. »Die generelle Rückkehr zu G 9 halte ich für einen Fehler«, sagt er nicht ganz ohne schulischen Eigennutz: An der Realschule und anschließend an beruflichen Gymnasien war die ganze G-8-Zeit über ein neunjähriger Weg zum Abitur möglich.
An »seiner« Schönbein-Realschule hatte Jürgen Grund mit einem »kleinen Einbruch« bei den Anmeldezahlen zu kämpfen. »Wir waren in den letzten zwei, drei Jahren nur dreizügig.« Corona war nur eine der Ursachen dafür. Realschulen sind nicht mehr bei allen Eltern angesagt. Gemeinsschaftschulen, auch in Dettingen oder Neckartenzlingen, sind in Mode gekommen und oft zur Konkurrenz geworden. Das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium bietet die ganze Zeit neun Jahre bis zum Abi an. »Manche melden ihre Kinder an Gymnasien an, obwohl sie keine Grundschulempfehlung dafür haben«, sagt Grund.
»Immer in Bewegung bleiben«
Die umgekehrte Bewegung vom Gymi zur Realschule gibt es aber auch. Die Schönbein-Realschule, die viel praktisches Rüstzeug fürs Leben vermittelt, ist inzwischen wieder vierzügig, »kurz vor der Fünfzügigkeit«, sagt der Noch-Rektor, der immer auch etwas unterrichtet hat und sich Gesichter besser merken kann als Namen. 560 Jugendliche zählt sie derzeit - deutlich weniger allerdings als unter Grunds Vorgänger Bernhard Mohr, in deren Amtszeit lange die 7 vorne stand.
Mohrs Erbe hat Jürgen Grund mit der schon 2006 begonnenen Digitalisierung der Realschule gerne übernommen und weitergeführt. Dank einer 2021 geschlossenen Bildungspartnerschaft mit dem Elektronikhersteller Samsung ist die Schule großzügig mit Tablets ausgestattet, was auch der Schulförderverein unterstützt hat. Virtuell weit vorne ist die SRM mit einem Avatar, der seit Anfang des Jahres einem schwerkranken Neuntklässler ermöglicht, von zu Hause aus am Unterricht teilzunehmen.
Es sind Merkmale, die die Schule von anderen abheben und attraktiv halten sollen. Genau wie die bilingualen Klassen, die in mehreren Fächern auch auf Englisch unterrichtet werden, die gelebte Inklusion mit gehandicapten Schülern der Münsinger Karl-Georg-Haldenwang-Schule oder das Prädikat »Fahrradfreundliche Schule«. Jürgen Grund hinterlässt ein bestelltes Feld - von dem er aber nicht weiß, wie es künftig bebaut wird. Möglicherweise kommt ein Verbund mit der benachbarten Neugreuth-Schule, deren Zukunft wie die aller Werkrealschulen im Land ungewiss ist. Nicht jeder an der SRM favorisiert den Verbund.
»Immer in Bewegung bleiben« wollte und will Grund aber allemal: als Schulleiter genauso wie privat. Mit dem S-Pedelec kam er regelmäßig von seinem Wohnort Rommelsbach aus zum Dienst nach Metzingen geradelt. Von Rommelsbach auf den Mont Ventoux ist er schon einmal mit dem Rennrad etappenweise gefahren, siebenmal hat er den knapp 2.000 Meter hohen Berg der Berge in der Provence insgesamt bezwungen, wie mancher Tour-de-France-Teilnehmer.
»Offizielle Verabschiedung? Ich mag diese Art von Veranstaltung nicht leiden«
Solche Touren werden auch weiterhin Gesprächsstoff mit seiner Frau Martina bieten, die bei der Stadtverwaltung Tübingen arbeitet. »Was schwätzen wir jetzt abends?«, hat sie ihren Gatten kürzlich augenzwinkernd gefragt, »wir haben ja gar nichts mehr zu erzählen.« Wohl doch, denn ihr Mann wird eher in den Unruhestand gehen. »Wir sehen uns freitags im KuFo!«, sagt er zum GEA-Reporter: Im Kulturforum Metzingen ist er schon länger im Vorstand. Künftig will er im kleinen, schaffigen Team verstärkt anpacken.
In der Allround-Location in der Eisenbahnstraße kann der 64-Jährige Konzerten frönen und viel kommunizieren. So redselig der 64-Jährige generell ist, so still hat er sich seinen Abschied aus dem Amt gewünscht. Keine offizielle Verabschiedung mit stundenlangen Lobeshymnen und buntem Drumherum. »Ich mag diese Art von Veranstaltung nicht.« Nur im internen Schulkreis hat Jürgen Grund am Montag seinen Ausstand gegeben und dabei auf die vergangenen elf Jahre zurückgeblickt. Wer ihm nachfolgt und wann das geschehen wird, ist noch offen. (GEA)


