METZINGEN. Den kräftigsten Applaus bekamen die Kinder: Angeführt von der mutigen »Nummer 352« war die Mini-Musical-Gruppe der Musikschule Metzingen aus ihren grauen Filz-Umhängen und einer gleichgeschalteten Lebenswelt geschlüpft und lebte fortan bunte Individualität. »Just another brick in the wall« zu Beginn folgte »What a wonderful world« zum Schluss des Neujahrsempfangs in der Stadthalle, musiziert vom inklusiven Ensemble Flauto Granate and Friends. Bettina Scharping und Bruno Seitz hatten die Fäden in der Hand und gaben die Richtung vor.

Eine Richtung, die OB Carmen Haber-stroh in ihrer einstündigen Neujahrsrede aufnahm. »Jeder Mensch trägt seine eigene Farbe und jeder Mensch verdient den Raum, sich zu entfalten. Ich finde, das gelingt in unserer Stadt schon ganz gut.« 600 Besucherinnen und Besucher waren am Sonntagvormittag zum Bürgerempfang gekommen, die meisten standen. Von Anfang an lebhaft im Gespräch mit Sekt und Orange. Später ganz Auge und Ohr für die in einen silbernen Blazer gewandete Metzinger Rathausspitze.
Fahrradparkhaus am Bahnhof
Die wandte sich auch in Zeiten politischer Krisen und Kriege sowie vielerorts leerer kommunaler Kassen gegen alle Schwarzmalerei. »Wir müssen ins Handeln kommen und nicht in Schockstarre verharren, wenn weltweit Macht-getriebene und unberechenbare Akteure eine immer größere Unsicherheit schüren.«
Verbindend handeln können ehrenamtlich Engagierte – es gibt besonders viele von ihnen in der Sieben-Keltern-Stadt, nicht nur in der Hospizgruppe oder dem Bürgerengagement MoBiLE, die gerade 20 und 25 Jahre alt geworden sind, aber auch Unternehmer, Kirchen oder die Feuerwehr. »Menschen, die anpacken. Was sie brauchen, ist nicht Schönfärberei – sondern Zuversicht. Psychologie ist die halbe Miete« für die Verwaltungschefin.
Und doch muss häufig auch Geld da sein. Metzingen ist trotz enger gewordener Haushaltslage immer noch in der Lage, auch im neuen Jahr gleich eine Reihe von Highlights (mit) zu stemmen, die die OB benannte: Die Eröffnung der Doppelhausarztpraxis im Ex-Post-Gebäude gehört genauso dazu wie die des naturwissenschaftlichen Trakts des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums, der von Freien Evangelischen Schule Reutlingen ab Herbst in Glems betriebene Grundschul-Anbau, der im ersten Quartal zu erwartende Baubeschluss für das Kinderhaus Neugreuth und der Beschluss des Mobilitätsentwicklungskonzepts Ende April.

Dieses enthält an zentraler Stelle den Bahnhofsvorplatz. Hier soll laut Haber-stroh ein Fahrradparkhaus entstehen und sollen die Park-&-Ride-Möglichkeiten verbessert werden. Eine Maßnahme aus dem von der Cityinitiative Metzingen angetriebenen Projekt »Attraktive Innenstadt« werde man vor dem Bahnhof gleich zu Beginn des Jahres sehen. »Lassen Sie sich überraschen.« Gespannt kann man auch darauf sein, wann es die Stadtverwaltung schafft, für das auf dem ehemaligen Schlachthofgelände geplante Gesundheitszentrum eine ärztliche Genossenschaft an den Start zu bekommen. Diese ist laut Haberstroh »wahrscheinlich«.
Bürokratie-Abbau mitbetreiben
Der bisher spätestens im Juni 2026 vorgesehene Spatenstich für das Ganzjahresbad (GJB) im Bongertwasen kam in der vom Blick aufs Positive geprägten Ansprache der gebürtigen Schwarzwälderin nicht vor. Wohl aber diente das langwierige multibehördliche Verfahren auf dem Weg zum Bad Appellen wie diesem: »Liebe amtierende Landtagsabgeordnete sowie Kandidaten hier im Saal (...), es sich wichtig, dass Sie sich (...) für einen echten Regelungs- und Bürokratie-Abbau einsetzen.« Je länger Verfahren dauern, desto teurer werden Bauprojekte.
Auch nötige doppelte Verfahren können die Sache in die Länge ziehen, etwa aus Naturschutzgründen beim GJB. Gestiegene gesetzliche Qualitätsanforderungen können happig zu Buche schlagen: sechs Betreuungsplätze weniger, aber 600.000 Euro Investitionsbedarf bei der Kita am Park. An mehr Tempo und weniger Verfahren kann auch das Publikum mitwirken, »beispielsweise, indem Sie Ihre Erfahrungen und Ihre Vorschläge zum Bürokratie-Abbau an unseren neuen Bundesdigitalminister Karsten Wildberger weitergeben«, schlug Carmen Haberstroh vor. Der hat dazu das Online-Portal Einfach-machen.gov auf den Weg gebracht.
Ganz im Sinn einer bunten, lebendigen und nicht stagnierenden Gesellschaft, die auch die Musikschulkinder am Sonntag auf die Stadthallenbühne brachten. »Einer muss sich trauen!«, hieß das Stück, in der die graue Mauer schließlich fiel und sich in eine farbenfrohe Bühnenbrüstung wandelte. Gute Laune in Saal und Foyer waren nach wie vor dem Empfang da, auch Snacks des Neuhäuser Kelternvereins brachten die Menschen aus Metzingen bei einem der lokalpolitischen Top-Events immer wieder gut gelaunt ins Gespräch. (GEA)





