ERMSTAL/TÜBINGEN. Am 8. Februar 2024 ging ein 27-jähriger Mann aus Bosnien-Herzegowina in einen Supermarkt im Ermstal. Kurz vor Ladenschluss war das, gegen 19.55 Uh. »Um 19.50 Uhr habe ich noch auf die Uhr gesehen und gedacht, jetzt ist ja gleich Feierabend«, erinnerte sich die Verkäuferin, die damals an der Kasse saß. Doch dann kam der Maskierte, nur seine »stechenden Augen« waren zu erkennen, wie die Frau als Zeugin vor dem Landgericht Tübingen berichtete.
Die Spielzeugpistole aus schwarzem Plastik hatte sie gar nicht registriert, doch der Mann trat nach ihren Angaben mit deutlicher Bestimmtheit auf, forderte von der Kassiererin, die Kasse zu öffnen. »Ich dachte, ich bin im falschen Film, ich zitterte, ich habe sowas doch immer in ‚Aktenzeichen XY‘ gesehen.« Der Mann solle ihr nichts tun, habe sie gesagt.
Tat dauert kaum eineinhalb Minuten
Der Angeklagte sei sofort zu ihr hinter die Kasse gekommen. Er habe das Geld daraus genommen und in einen mitgebrachten Rucksack gestopft. Dann forderte der 27-Jährige die Frau auf, mit ins Büro des Marktleiters zu kommen. Die Tür wie auch der Tresor seien offen gewesen, der Bosnier forderte mit »Boden, Boden« die Kassiererin auf, sich hinzuknien.
»Dabei habe ich gesehen, dass der Mann Sneaker-Socken über die Schuhe gezogen hatte«, so die Zeugin. Münzrollen und einzelne Scheine habe er aus dem Tresor genommen und daraufhin das Büro wie auch den Laden verlassen. Die ganze Tat, die nicht mehr als eine Minute und 20 Sekunden gedauert hat, war per Video dokumentarisch festgehalten worden – von seiner Annäherung an den Supermarkt über alles, was im Laden geschah, und auch sein Verlassen.
Täter-Utensilien im Wald gefunden
Für die Kassiererin war die Tat alptraumhaft, sie schlafe seitdem nur noch sehr schlecht, habe Angst und immer mal wieder Panikattacken mit Atemnot. »Wenn all das wieder hochkommt, habe ich das Gefühl, es wäre erst gestern gewesen.« Aber: Sie sei gleich am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen, »weil ich dachte, dass es immer schwieriger wird, wenn ich nicht gleich wieder dorthin gehe«.
Die Videos und auch ein Kriminaloberkommissar bestätigten alles, was die Frau ausgeführt hatte. Nach der Flucht aus dem Laden lief der Täter in ein Waldstück, in dem später Anwohner jede Menge Utensilien fanden – nämlich die Mütze des Täters, seine Jogginghose, seine Daunenjacke, den Rucksack mit der Softairpistole und einem Geldumschlag drin, auf dem "Rest" stand. "Auf der Mütze und am Kragen der Daunenjacke wurden nach den Angaben des Polizeibeamten "Mischspuren" mit der DNA des Angeklagten gefunden.
Sprengstoffanschläge versucht
Genau diese DNA-Spur führte schließlich auch zu dem 27-jährigen Bosnier – der saß nämlich seit dem 15. November 2024 in Haft. Zusammen mit zwei weiteren Bosniern hatte er versucht, zwei Sprengstoffanschläge auf Bankautomaten in Ludwigsburg und in Bietigheim zu begehen. Beide Versuche scheiterten, beim zweiten Mal wurde das Trio festgenommen.
Vom Amtsgericht Nürtingen war der 27-Jährige zu drei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt worden. Wie es ihm in der Justizvollzugsanstalt gehe, wollte Richter Stefan Pfaff wissen. »Gut«, sagte der Angeklagte. Keine Probleme? »Nein«, sagte er. Eine Wohnung habe er nicht in Deutschland, er war mit dem Ausweis seines Bruders eingereist, ganz offensichtlich mit der Absicht, Straftaten zu begehen.
Spielsucht, Drogensucht, Schulden
Spielsüchtig sei er, drogenabhängig obendrein und Schulden habe er auch. Ihm tue der Überfall auf den Supermarkt leid, er entschuldigte sich im Gerichtssaal bei der Kassiererin. Die konnte und wollte die Entschuldigung aber nicht annehmen. Zu sehr hat der Bosnier ihr Leben verändert. »Es ist nicht mehr so, wie es mal war«, sagte die Frau.
Das Landgericht verurteilte den Mann für den Überfall auf den Supermarkt zu drei Jahren Haft und zehn Monaten. Die Strafe des Nürtinger Amtsgerichts kam hinzu, ergab unterm Strich genau fünf Jahre Haftstrafe. Staatsanwältin Kristin Ziegeler hatte ebenfalls fünf Jahre gefordert, Verteidiger Markus Weiß-Latzko wollte für seinen Mandanten nicht mehr als vier Jahre Strafe. (GEA)
Im Gerichtssaal
Richter: Stefan Pfaff und Bernd Große. Schöffinnen: Julia Klaiber und Anja Wiest. Staatsanwältin: Kristin Ziegeler. Verteidiger. Rechtsanwalt Markus Weiß-Latzko.

