METZINGEN. Hinter ihm: die Zukunft. Hartmut Holder lächelt mit seiner Frau Iris und den drei Töchtern von einem Foto an der Wand an seinem Bürofenster. Gut dreißig Jahre ist der Metzinger Feuerwehrkommandant im Amt. Mitte Januar wird der 61,5-Jährige offiziell in den Ruhestand verabschiedet, in einem für Feuerwehrleute nicht ungewöhnlichen Alter. Danach wird er mehr Zeit für seine Frau, seine Kinder und Enkel haben. »Ich sehe mich als Familienmensch«, sagt er im Abschlussgespräch mit dem GEA.
Die Anfänge
1964 kam Hartmut Holder in einer Hausgeburt in der Sieben-Keltern-Stadt zur Welt. Mit 16 erwachte in ihm die Begeisterung für die Feuerwehr, mit 19 wurde er am 1. Juli 1983 dort freiwilliges Mitglied. »Dabei hieß es zunächst, nur die Jugendfeuerwehr bräuchte Leute.« Eine Haltung, die sich heutzutage keine Feuerwehr mehr leisten könnte: Vor allem tagsüber sind die Ehrenamtlichen bei vielen Wehren knapp. Steckte die Begeisterung für die Brandbekämpfer Holders drei Töchter nicht an, ist ein Enkel wieder auf den Pfaden des Opas. Sehr früh: Gerade mal fünfzehn Monate ist er und brennt schon für die leuchtendroten Autos.
Die Jugendfeuerwehr wurde in Metzingen ebenfalls 1983 gegründet, doch Hartmut Holder war zu alt für sie. Er durfte schließlich doch zu den Erwachsenen. Auch dank des damaligen ehrenamtlichen Kommandanten Karl Reusch. »Er erkannte, dass Talent da war.« Und förderte Holder. Der machte die nächsten Ausbildungsschritte, wurde Gruppenführer, dann Zugführer. Die Einsatzabteilung war (wie heute) 130 Ehrenamtliche stark, davon 90 in der Kernstadt und je 20 in Neuhausen und Glems. Einen einzigen Profi gab es: den Gerätewart.

Der berufliche Switch
Hartmut Holder ist gelernter Zeitungsredakteur. Schon in jungen Jahren hat er es zum Lokalchef des Metzinger-Uracher Volksblatts geschafft. Dann lockte der Wechsel zur Feuerwehr. »Ich war hin- und hergerissen«, blickt er zurück. Aber es ging nur Sekt oder Selters: Zwischendurch mal kurz zu einem Brand oder Verkehrsunfall zu eilen ist mit dem Redakteursjob, in dem ständig unter Zeitdruck Texte zu schreiben und Seiten zu layouten sind, schon als Freiwilliger Feuerwehrmann nur schwer möglich. Er switchte um und wurde am 3. April 1995 mit 31 Jahren Metzingens erster hauptamtlicher Kommandant. Was hat ihn dazu motiviert? »Der Grundgedanke war, dass man den Menschen helfen kann.«
Große Verdienste
Vor 30 Jahren fing auch die Diskussion um ein neues Metzinger Feuerwehrhaus an. Im Herbst 2023 ist es im Gebiet Braike-Wangen feierlich in Betrieb gegangen, hat die beengte Feuerwache hinter der Martinskirche abgelöst und die Neuhäuser Abteilung einbezogen, während die Glemser gewollt außen vor blieb. Das neue Feuerwehrzentrum ist auch Hartmut Holders hartnäckige Bohren zu verdanken und seinen guten Verbindungen zu den Oberbürgermeistern Gotthard Herzig, Dieter Hauswirth, Dr. Ulrich Fiedler und Carmen Haberstroh. Unter Fiedler traf der Gemeinderat den Baubeschluss für den 26-Millionen-Euro-Komplex in Braike-Wangen, der auch den städtischen Bauhof beherbergt.

Ein anderes Verdienst Holders ist direkt mit den Menschen verbunden: »Wir waren 2001 die landesweit ersten First Responder.« Das sind medizinisch vertieft ausgebildete Feuerwehrleute, die oft als Erste am Einsatzort sind und die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdiensts oder des Notarztes kompetent überbrücken können. Der heute 61-Jährige, der große Ruhe ausstrahlt, war damals die treibende Kraft. Inzwischen sind die First Responder in der Kelternstadt nicht mehr ganz so oft im Einsatz, ist doch 2018 am Stadtrand eine Rettungswache der Malteser in Betrieb gegangen.
Ebenfalls in Holders drei Jahrzehnte fiel die Professionalisierung der Metzinger Feuerwehr: Mittlerweile sind zwölf Hauptamtliche an Bord - die zusammen mit den Freiwilligen 600 bis 800 Einsätze im Jahr stemmen. Als Hartmut Holder anfing, waren es 150 bis 180 in einer Stadt, die schon damals 20.000 Einwohner zählte. Wie kommt der gewaltige Anstieg zustande? »Heute wird schneller der Notruf gewählt, und es gibt mehr Brandmeldeanlagen«, sind zwei Erklärungsansätze. Der Fahrzeugpark - es stehen knallrote LKW im Wert von etlichen Millionen Euro in der Halle - wurde unter Holder umgestaltet. Längst setzt die Wehr in weiten Bereichen auf die flexiblen Wechsellader anstelle zu vieler teurer Spezialfahrzeuge.
Schwere Stunden
Der Hausbrand in der Ulmer Straße 91 mit zwei Todesopfern im Jahr 2012 und im selben Jahr der Hubschrauberabsturz auf dem Roßfeld, bei dem im Publikum ein Familienvater ums Leben kam, der auch noch Feuerwehrmann in Metzingen war: »Das sind Einsätze, die kriegst du nicht mehr aus dem Kopf, die werden mich bis ans Lebensende verfolgen.« Nie vergessen wird Hartmut Holder auch den Auto-Unfall, bei dem er das erste Mal Tote bergen musste: zwei junge Männer. »Den Unterarm und die Uhr des einen sehe ich heute noch.«
Belastungen verarbeitet die Crew mit gegenseitig offenen Ohren und Worten und bei Bedarf auch mithilfe der Notfallseelsorge, die kreisweit Manuela Seynstahl im Haus Matizzo koordiniert. Dem Noch-Kommandanten hilft auch seine Ehefrau Iris. »Sie hört mir zu, wenn ich von Einsätzen erzähle.« Bilder davon möchte sie nicht sehen. 30.000 bis 40.000 Einsätze, schätzt er, hat er geleistet, das Gros als Kommandant, 500 Tote dabei gesehen. Oft gelingt es, das Geschehen auszublenden. Selbstschutz, auch um diesen gesellschaftlich unverzichtbaren Beruf weiter ausüben zu können.
Schöne Momente
Eines Tages stand plötzlich ein Mann an der Metzinger Feuerwache: ein Opfer, das die Feuerwehr bei einem Einsatz gerettet hatte. »Ohne Sie würde ich nicht mehr leben«, sagte er zum Kommandanten. Hartmut Holder war zu Tränen gerührt. Kurios bis lustig waren Einsätze wie der folgende: »Eine Katze kam nicht mehr von einem Baum herunter«, blickt Holder zurück, »eine Frau sagte zu ihrem Mann: 'Kannst du sie mit der Leiter herunterholen?'« Er konnte - blieb aber selbst in dem Baum gefangen. Die Feuerwehr befreite ihn.
Lachendes und weinendes Auge
»Nach Jahrzehnten hört das Leben nach Dienstplan auf«, sagt der Ur-Metzinger. Das erleichtert ihn, denn der Dienstplan belastet. »In Schichtwochen habe ich häufig Schlafstörungen.« Egal ob mit oder ohne Einsatz. A-, B- und C-Schichten gibt es, sieben Tage lang 24 Stunden. In den C-Schichten sind die Aufgaben für die Feuerwehr am herausforderndsten, kann es um Großbrände und die Unterbringung von Menschen gehen, die ihr Obdach verloren haben. Tagsüber in der Feuerwache im Dienst, herrscht für die Schichtenden nachts Rufbereitschaft. Dann muss man in zwei Minuten aus dem Bett und vollverantwortlich für die jeweilige Truppe im Einsatz sein. Von einem Ruhepuls von 60 auf einem Einsatzpuls, der mit 160 noch niedrig angesiedelt ist. Holders Smartwatch misst alles mit.
Nur mit einem kleineren Teil seiner Stelle ist Holder, der auch stellvertretender Kreisbrandmeister ist, im Einsatzmodus. Daneben hat er viel mit vorbeugendem Brandschutz zu tun, mit feuerwehrspezifischen Stellungnahmen zu Bauvorhaben, mit Abrechnungen und Personalverwaltung. Hintergrundtätigkeiten des Hauptverantwortlichen der Metzinger Feuerwehr, die mehr als Signalrot, Blaulicht und Martinshorn ist.
»Die Leute werde ich vermissen«, sagt der Ur-Metzinger weiter und: »Der Einsatzdienst als solcher hat mir Spaß gemacht. Da steckt der Sinn drin.« Holder wertschätzt, dass sein Nachfolger Steffen Mack aus den eigenen Reihen kommt und schon lange dort tätig ist. »Von außen tut man sich oft schwerer.«
Berge und Flüge
Rettungshubschrauber haben es Hartmut Holder schon lange angetan, auf ihre Spuren wird er sich auch im Ruhestand heften. In seinem Büro hängt ein Mobile mit mehreren Minihelimodellen. Ein Rundflug mit einem Hubschrauber der Air Zermatt rund ums Matterhorn ist ein bereits geoutetes Geburtstagsgeschenk für 2026. Außerdem will der 1,90-Meter-Mann mit seiner Frau Iris reisen, gerne mit dem Wohnmobil und mit dem Fahrrad etwa an der deutsch-dänischen Küste in Nordfriesland entlang, genauso gerne in die Berge. »Wir wollen auf den Großglockner.« Auf den 3.800 Meter hohen Gipfel geht es nur zu Fuß. »So lange es noch möglich ist.«
Damit auch mit 70 noch viel möglich ist, möchte Hartmut Holder mehr Sport treiben, auch das gerne mit seiner Frau. Freiwilliger Feuerwehrmann wird er im Ruhestand aber nicht wieder. Dem Landesfeuerwehrverband bleibt er journalistisch verbunden. Und dann wären da ja noch die drei Töchter auf dem Foto überm Schreibtisch samt Nachwuchs. Die Pensionszeit kann kommen. (GEA)



