WALDDORFHÄSLACH. Mit einem Steckenpferd über Hürden springen und einen Parcours durchlaufen, hört sich für viele sicherlich erstmal lächerlich an. In Walddorfhäslach gehört die Sportart »Hobbyhorsing« aus Finnland mittlerweile zum festen Sportprogramm des SV Walddorf dazu. In Turnschläppchen und Sportbekleidung stehen am Freitagnachmittag rund 16 Mädchen bereit. Sie kommen nicht nur mit ihren Trinkflaschen in die Sporthalle, sondern auch ihr Steckenpferd darf natürlich nicht fehlen. Die individuellen, teils auch selbstgenähten, Steckenpferde tragen ihren eigenen Namen. Teilweise sind die Mähnen der Pferde mit Schleifchen, Spängchen oder Bändern geschmückt und auch die Farben der Pferde reichen von Schwarz über Braun und Weiß.
Kerstin Fischer vom SV Walddorf kommt in die Turnhalle, doch sie ist nur als erwachsene Betreuerin vor Ort. Der Kurs wird nämlich von den beiden Schülerinnen Marlene Fischer und Hannah Jones selbstständig geleitet. Die 14- und 16- Jährigen leiten nun schon seit drei Jahren den Kurs beim SV Walddorf. Angefangen hat alles bei einem entspannten Grillabend. Hannah hatte einen Beitrag über das Hobbyhorsing im Internet gesehen und erzählte am Abend Marlene davon. Damals kannten sich die Mädchen vor allem über ihre Eltern. »Erst dachten wir, dass es doch ein bisschen lächerlich ist, doch dann wollten wir es auch selbst ausprobieren«, erzählt Marlene. Die Eltern wurden dann auch gleich miteingeweiht: »Mama, ich will ein Hobbyhorse, kannst du mir eins nähen?«, hieß es dann, erzählt Kerstin Fischer. Im Internet findet sie eine Anleitung und bastelt das Pferd nach.
Weite Anreise zum Hobbyhorsing
Über die sozialen Medien vernetzen sich die Mädchen mit anderen Pferdebegeisterten. Die beiden Mädchen bringen sich selbst über YouTube die Technik der Sportart bei. »Es geht nicht nur ums Rumhampeln, sondern man braucht eine sehr gute Technik«, erzählt Hannah. »Als dann andere Kinder bei uns zu Hause zum Hobbyhorsing vorbeikamen, dachte ich, dass dieser Sport auch in die Sporthalle des SV Walddorf gehört«, erzählt Kerstin Fischer. Seither ist der Kurs Teil des SV Walddorf. Die etwas kuriose Sportart kommt gut an. Und ist einzigartig in der Region. Die Mädchen kommen aus der ganzen Region: Tübingen, Reutlingen und sogar Esslingen. Eine Mutter fährt ihr Kind immer 40 Minuten nach Walddorfhäslach und die gleiche Strecke wieder zurück, nur fürs Hobbyhorsing.
Nach dem Aufwärmen geht es für die Mädchen auf die Pferde. Sie springen mit dem Steckenpferd über Hürden, laufen Slalom durch Hüttchen und müssen dabei immer eine vorgegebene Abfolge beachten. Was so leicht und unbeschwert aussieht, ist harte Arbeit und erfordert viel Training, Kraft, Koordination und Kondition. Wenn man die Mädchen beobachtet, erinnern ihre Bewegungen tatsächlich an Dressurreiten auf echten Pferden. Die Beine sind bis zu den Zehenspitzen gestreckt und werden exakt bis auf einen neunzig Grad Winkel angewinkelt. Die Mädchen imitieren buchstäblich die Bewegungen der Pferde mit ihrem eigenen Körper nach.
Sport erntet wenig Anerkennung
Wie beim normalen Reiten auch, gibt es beim Hobbyhorsing unterschiedliche Gangarten: Schritt, Trap und Galopp. Zusätzlich gibt es noch Rechts- und Linksgalopp. Zur Musik üben einigen Mädchen die richtige Abfolge von einer vorgegebenen Kür, die für eine Turnierqualifikation Voraussetzung zur Qualifikation ist. Mit hochkonzentriertem Blick und extremer Körperspannung führen die Mädchen bewusste Bewegungen aus, bei denen man wirklich ins Schwitzen kommt. Bei Turnieren gibt es immer verschieden Disziplinen, bei denen es entweder auf Schnelligkeit oder eine akkurate und schöne Durchführung der Bewegungen ankommt. In nur wenigen Wochen steht ein Qualifikationsturnier in Ditzingen an, wofür die Mädchen schon fleißig trainieren. Auch in Walddorfhäslach wurden schon mehrere Turniere organisiert, zuletzt diesen September.

Dass es sich beim Hobbyhorsing um einen richtigen Sport handelt, ist allerdings noch nicht bei allen ankommen, bedauern die Mädchen. Mit dem Fußball ist der Sport auch beim SV Walddorf noch nicht gleichgestellt, bemängeln die Schülerinnen. »Wir müssen jetzt zum Beispiel woanders trainieren, weil die Fußballer die Halle brauchen«, sagt Hannah. Der neue Trainingsplatz bietet aber viel weniger Platz und die Parcours können nicht richtig aufgestellt werden. Generell wünschen sich die Mädchen mehr Gleichstellung mit dem Fußball und dass die Sportart Ernst genommen wird. (GEA)


