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Aktuell Klimaschutz

Hat Wärme und Pflanzenkohle aus Schnittgut in Metzingen eine Chance?

Am Kastanienhof in Bodelshausen ist kürzlich ein weithin beachtetes Pilotprojekt mit Pyrolyse-Anlage in Betrieb gegangen. Sie erzeugt aus Schnittgut und Holzhackschnitzeln Pflanzenkohle. Könnte es eine solche Anlage auch in Metzingen geben? Umfrage bei Stadtwerken, Obstbetrieb, Arbeitskreis Klima und Energie und einer Landwirtsfamilie.

Aus den Wiesen in die Wiesen: Thorsten Alxneit hat eine Firma für Pflanzenkohle gegründet.
Aus den Wiesen in die Wiesen: Thorsten Alxneit hat eine Firma für Pflanzenkohle gegründet. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut/GEA
Aus den Wiesen in die Wiesen: Thorsten Alxneit hat eine Firma für Pflanzenkohle gegründet.
Foto: Max Kovalenko/Lichtgut/GEA

METZINGEN. Die Sache klingt bahnbrechend klimaschützend: Schnittgut von Streuobstbäumen wird in einer Pyrolyse-Anlage zu Kohle, wobei Wärme entsteht und CO2 gebunden wird. Heraus kommt Pflanzenkohle. Der Kastanienhof in Bodelshausen heizt sich und die umliegenden Gewächshäuser so seit Kurzem selbst und spart viel Heizöl ein. »Hat auch Metzingen entsprechende Möglichkeiten?«, hat sich Peter Reiff gefragt, viele Jahre an der Spitze des Arbeitskreises Klima und Energie (AKE). Der GEA hat sich umgehört.

Wie funktioniert es im Einzelnen?

Holzhackschnitzel aus Streuobstwiesen und aus der Holzabfuhr werden in der Pyrolyse-Anlage unter Sauerstoffmangel langsam auf 700 bis 800 Grad erwärmt. Hinzu kommen fermentierte Abfälle und Langgras. Die austretenden Pyrolyse-Gase werden verbrannt und die Wärme in ein Netz geleitet, an das die Anlage angeschlossen ist. Offenbar entsteht unter dem Strich ein Mehr an Energie, denn für die Erhitzung der Baumschnittabfälle muss ja auch welche eingesetzt werden, bestenfalls aus regenerativen Quellen. Aus dem zurückbleibenden Material entsteht Pflanzenkohle. In dieser ist das klimaschädliche CO2 des Baumschnittguts gebunden, also der Umwelt entzogen. Die Kohle ist bis zu 1.000 Jahre haltbar. Als Briketts können sie zum Düngen wieder auf die Wiesen ausgebracht werden.

Können sich die Stadtwerke Metzingen (SWM) eine solche Anlage vorstellen?

Stand jetzt »könnte die Pyrolyse grundsätzlich eine interessante Option darstellen«, sagt Stadtwerke-Sprecherin Anna Heimerdinger. Zwar haben die SWM derzeit keine konkreten Planungen für eine solche Anlage, »stehen neuen, umweltfreundlichen Technologien aber offen gegenüber - insbesondere dann, wenn sie zur regionalen Wertschöpfung und zur Erreichung unserer Klimaziele beitragen können.«

Bei der Pyrolyse sehen es die Stadtwerke als entscheidend an, »dass sich ein solches System sinnvoll in örtliche Gegebenheiten integrieren lässt und die gesamte Prozesskette - von der Bereitstellung geeigneter Biomasse bis hin zur sinnvollen Verwertung der entstehenden Pflanzenkohle - stimmig und nachhaltig umsetzbar ist«, führt Heimerdinger weiter aus. Fakt ist, dass die Wärmeversorgung in Metzingen im Rahmen der kommunalen Wärmeplanung und der Klimaneutralitätsziele des Landes im Umbruch ist und auch Energieerzeugungsanlagen erneuert werden müssen. »In diesem Zusammenhang laufen bereits interne Voruntersuchungen und Bewertungen möglicher technischer Optionen.« Konkreter wird es gerade nicht.

Pferdeanhänger am  Tannenhof der Familie Bazlen, die als einzige in Metzingen Landwirtschaft im Vollerwerb betreibt.
Pferdeanhänger am Tannenhof der Familie Bazlen, die als einzige in Metzingen Landwirtschaft im Vollerwerb betreibt. Foto: Markus Pfisterer
Pferdeanhänger am Tannenhof der Familie Bazlen, die als einzige in Metzingen Landwirtschaft im Vollerwerb betreibt.
Foto: Markus Pfisterer

Wie schätzt der Arbeitskreis Klima und Energie Metzingen das Potenzial ein?

Dr. Markus Schenk, Physiker und einer der beiden AKE-Sprecher, ist vom Gesamtansatz der Pyrolyse begeistert: »Man kehrt quasi das jahrzehntelange Verbrennen von Braun-/Steinkohle in Kraftwerken um und bringt das CO2 zurück in die Erde. Es ist quasi noch besser als klimaneutral!« Hinzu kommt die Bodenverbesserung durch den mit Pflanzenkohle gedüngten Boden, der zum Beispiel mehr Wasser oder Nährstoffe aufnehmen kann - wodurch weniger Kunstdünger nötig sein könnte.

Hindernisse für ein solch ambitioniertes Projekt wie die Pyrolyse sieht Schenk eher in der Umsetzung: »In allen Projekten, die ich nach kurzfristiger Recherche gefunden habe, wurde die Anlage direkt neben einem landwirtschaftlichen Betrieb genutzt. Das erscheint mir das Realistische. Aber haben wir das in Metzingen?« Der AKE-Sprecher verweist auf die »sehr wenigen Bauernhöfe, und diese sind auch nicht sonderlich groß«. Er bringt für einen möglichen Anlage-Standort den Biolandhof Bleiche bei Bad Urach ins Gespräch und auch den Metzinger Häckselplatz im Gewerbegebiet Längenfeld, auf dem häufig viel Grün- und Baumschnitt liegt. Aber: »Die Pflanzenkohle sollte danach ja sinnvoll genutzt werden.« Sie müsste also abgeholt und auf die Wiesen transportiert werden.

Schnittgut auf dem Häckselplatz im Metzinger Gewerbegebiet Längenfeld. Es könnte zur Energieerzeugung genutzt werden.
Schnittgut auf dem Häckselplatz im Metzinger Gewerbegebiet Längenfeld. Es könnte zur Energieerzeugung genutzt werden. Foto: Markus Pfisterer
Schnittgut auf dem Häckselplatz im Metzinger Gewerbegebiet Längenfeld. Es könnte zur Energieerzeugung genutzt werden.
Foto: Markus Pfisterer

Was sagt der städtische Obstbetriebsleiter?

Martin Nagel hält die Pyrolyse für »eine spannende Technologie, um aus Schnittgut und Hackschnitzeln (regionale Rohstoffe) Energie und gleichzeitig regionale Wertstoffe in Form von Pflanzenkohle herzustellen.« Die sieht er allerdings zunächst nicht als Dünger an, sondern als Speichermedium für Nährstoffe und Wasser. »Die Kohle muss vor dem Ausbringen mit Nährstoffen 'aufgeladen' werden, sonst würde sie tatsächlich die freien Nährstoffe um Boden fixieren und diese wären für die Pflanzen nicht mehr verfügbar.« Die Aufladung geschieht durch die Kompostierung der Kohle mit Kompost.

Die Kohle soll Jahrhunderte im Boden bleiben und so den aus dem Schnittgut geholten Kohlenstoff fixieren. Denn wegen der Verbrennung fossiler Energiequellen gibt es ohnehin zu viel CO2 auf der Welt. »Da unsere Böden und deren Fähigkeiten sehr wertvoll sind, will ich aber sehr vorsichtig sein, wenn da etwas ausgebracht wird, das die Böden nachhaltig verändert.« Für die städtischen Obstwiesen kann sich der Obstbetriebsleiter »vorstellen, dass wir eventuell bei der Pflanzung mit Pflanzenkohle und Kompost die Pflanzgrube verbessern«. Unterm Strich ist Martin Nagel in Sachen Pyrolyse und Pflanzenkohle sehr offen: »Es lohnt sich schon, das genauer anzuschauen«, betont er mit Blick auf die klimapositiven Eigenschaften der Pflanzenkohle.

Modernste Heiztechnik sorgt im Bodelshausener Kastanienhof dafür, dass Kohlenstoffdioxid in Pflanzenkohle gespeichert wird.
Modernste Heiztechnik sorgt im Bodelshausener Kastanienhof dafür, dass Kohlenstoffdioxid in Pflanzenkohle gespeichert wird. Foto: Alexander Thomys
Modernste Heiztechnik sorgt im Bodelshausener Kastanienhof dafür, dass Kohlenstoffdioxid in Pflanzenkohle gespeichert wird.
Foto: Alexander Thomys

Was meint die städtische Umweltbeauftragte?

Auch Sarah Laib sieht in der Pyrolyse zur Herstellung von Pflanzenkohle »eine vielversprechende Möglichkeit, den Kohlenstoff langfristig zu binden«. Die städtische Umweltbeauftragte rät aber gleichzeitig zur Sorgfalt bei der Pyrolyse, damit der Schuss nicht nach hinten losgeht: »Es sollten hohe Anforderungen an das Ausgangsmaterial gestellt werden, um die Entstehung von Luftschadstoffen während der Pyrolyse zu vermeiden. Auch bei der Anwendung im Boden ist auf eine sorgfältige Dosierung und Qualitätssicherung zu achten, um negative Auswirkungen auf Boden und Grundwasser zu vermeiden.«

Schnittabfälle aus den Metzingen umgebenden Streuobstwiesen würden sich laut Laib als nachhaltiger Rohstoff für die Pflanzenkohlenproduktion durchaus eignen. »Eine Verbindung mit dem Abholen des privaten Schnittguts, wie sie in Mössingen praktiziert wird, wäre für viele Wiesenbesitzer wünschenswert.«

Neben der Düngung städtischer Grünflächen oder der Verwendung in der Landwirtschaft sieht die Metzinger Umweltbeauftragte weitere Einsatzmöglichkeiten von Pflanzenkohle bei der Pflanzung neuer Straßenbäume oder Sanierung bestehender Baumstandorte. So geschieht es etwa in der Karlstraße, die derzeit saniert wird: »Dort werden bereits Substrate mit Pflanzenkohle für die neuen Bäume verwendet.«

Könnte sich der einzige Metzinger Vollerwerbslandwirtschaftsbetrieb eine Pyrolyse-Anlage vorstellen?

Heinrich Bazlen und seine Familie leben als einzige in Metzingen komplett von der Landwirtschaft: auf dem Tannenhof zwischen Metzingen und dem Tierheim Reutlingen. Der 150 Hektar große Betrieb züchtet Rinder und ist bei Freizeitreiterinnen und -reitern begehrt, die hier ihre Pferde in Pension einstellen. Schon für sie wird jede Menge Heu benötigt. »Wir brauchen unseren Grünschnitt selbst - als Futter«, sagt Tochter Melanie Sautter-Bazlen denn auch.

Und wenn angeliefertes Grün- und Holzschnittgut in einer vor Ort gebauten Pyrolyse- und Pflanzenkohle-Anlage verwertet würde? Dann müsste die dort erzeugte Wärme in eine Leitung gespeist werden, die für viel Geld erstmal gebaut werden müsste. Bei den Bazlens hat man Bedenken, ob sich das rechnet. Ihr Hof ist derzeit die falsche Adresse für Pyrolyse und Pflanzenkohle-Erzeugung, so der Tenor vor Ort. (GEA)