WANNWEIL. »Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.« Dieses Zitat von Johann Gottfried Seume könnte nicht besser die fröhliche Stimmung wiedergeben, die am Samstagabend nach einer kurzen Aufwärmphase in der bekanntesten, weil einzigen, »Karaoke-Bar« Wannweils, in der Gemeindehalle herrschte.
Mittendrin die Macher: Mares Silver und Johanna Sternberg – die beiden Vorstände im Eintracht Chor Wannweil. Und nicht zu vergessen. Reutlingens Karaoke-Urgestein Wolfgang Kohla, der mit Laptop und Musikanlage alles aussteuert und zwischendurch selbst zum Mikro greift.
Als »Eisbrecher« fungiert der Klassiker unter den Karaoke-Hits »Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen« mit dem einprägsamen Nachsing-Refrain »ratta, ratta, ratatata«. Textsicherheit ist schon lange nicht mehr notwendig: Auf der Großbildleinwand leuchtet Zeile für Zeile auf. Für die gesangliche Qualität ist jeder selbst zuständig.
Alias-Namen von Prominenten
Und schon beginnt sich die Sänger- und Liederliste zu füllen. Ebenfalls zu sehen auf der Wand oder auf dem eigenen Handy. Dort wählen sich der noch nicht entdeckte Roland Kaiser oder die noch unbekannte Helene Fischer-Nachfolgerin mittels einer App (Karafun) oder direkt über den QR-Code auf der Leinwand ein, geben ihren Liedwunsch ein und den »Künstlernamen« ein. Los geht’s.
Schon zehn Jahre ist Karaoke in Wannweil angesagt. Damals nahm Maresa Silver Kontakt mit Wolfgang Kohla auf. Der ehemalige Lehrer, der Berufsverbot erhielt, fand seine Berufung als Wirt der Kaiserhalle in Reutlingen. Und nennt sich selbst den Urvater des Karaoke in der Kreisstadt. Mit ihm als Zugpferd begann das Karaoke-Abenteuer in Wannweil. "Wir machen diese Veranstaltung zwei Mal im Jahr – im April und im November", sagt Johanna Sternberg. "Wir verlangen keinen Eintritt, aber über den Getränkeumsatz und den Käse- und Knabberteller – alles zu zivilen Preisen – kommt Geld in die Vereinskasse." Und immer wieder schälen sich laut Sternberg aus dem Kreis der "Sangeskünstler" potenzielle Chorkandidaten heraus. "Und wir geben den Wannweilern die Chance, Party zu machen." Das Beste für sie ist jedoch, dass hier alle Altersklassen vertreten sind. Und Wolfgang ergänzt: "Die Wannweiler sind das beste Beispiel dafür, wie der in vielen Chören dringende Sangesnachwuchs generiert werden kann. Bei der Eintracht singen rund 40 Aktive – insgesamt weist der Verein etwa 70 Mitglieder auf.
So langsam nimmt die Party Fahrt auf, um 21 Uhr ist der Gemeindesaal voll, die Wunschliste auch. »Rund 200 Lieder werden bis nachts um 1 Uhr geschmettert«, sagt Kohla.
In rascher Folge wechseln sich Einzelauftritte, Duos, Trios und Gruppen mit ihren Auftritten ab. Während bei »Kos«- Gesangseinlage »Es lebe der Zentralfriedhof« von Wolfgang Ambros die Mitsingquote gegen Null tendiert, sind die Ohrwürmer »Mamma mia« von Abba, Udo Jürgens »Griechischer Wein« oder »Willenlos« von Westernhagen Allgemeingut, und die Stimmung im Saal steigt.
Im Publikum wechseln sich Bierflasche und Cocktailschirm ab, jeder Gast ist zugleich heimlich Schiedsrichter, Fan des Sängers oder Ersatzchor. Karaoke ist mehr als nur schiefer Gesang, wie gerne gelästert wird. Natürlich sind einige Stimmen dünn ausgestattet, Ton und Tempo bewegen sich manchmal neben der Musik. Aber dies tut dem Spaß keinen Abbruch, wie einige Wannweiler Frauen am Tisch bestätigen. »Hier trifft man Bekannte aus dem Ort, es ist sehr unterhaltsam, wer will kann mitsingen, aber vor allem macht so ein Abend richtig Laune«, so der Tenor.
Wenn es um den Ursprung von Karaoke geht, fällt als Erstes das Wort Japan. Der Begriff setzt sich zusammen aus den japanischen Wörtern kara und oke, wörtlich übersetzt: leeres Orchester. Als Erfinder gilt zumeist der japanische Unternehmer Daisuke Inoue.
In einem Land, in dem nichts schlimmer ist als die Angst vor Gesichtsverlust, gehen Freunde oder auch Arbeitskolleginnen dort statistisch gesehen einmal im Monat zum gemeinsamen Singen. Das erstaunt dann doch.
Mit Singen Stress abbauen
Vielleicht sind es ja neben dem Gemeinschaftserlebnis noch andere Faktoren: Beim Singen werden 100 Muskeln aktiviert, vom Kehlkopf bis zum Bauch. Mit der Folge, dass Stress und Ängste abgebaut sowie das Herzkreislaufsystem und die Immunabwehr gestärkt werden. Oder wie Wolfgang Kohla meint: »Singen hält jung.« Die Reutlinger Karaoke-Legende erzählt wie vor bald einem Vierteljahrhundert alles angefangen hat. »Da wurden die Liederwünsche noch auf Bierdeckel geschrieben.« Der 78½-Jährige, wie er lachend sagt, ist das beste Beispiel für den Jungbrunnen Musik und stolz darauf, wie sich Karaoke entwickelt hat: »Da gibt es inzwischen super Stimmen, von klein bis groß, von jung bis alt.« Und als bestes Beispiel zeigt er auf den neunjährigen Ron, der mit seinem Vater da ist und Udo Lindenbergs »Komet« intoniert und dafür tosenden Beifall erhält.
Die Fieberkurve steigt im Saal, als eine Gruppe Frauen zum Mikrofon greift und Drafi Deutschers »Marmor, Stein und Eisen bricht« anstimmt. Alle im Saal stimmen ein. Der Rest ist Party. (GEA)

