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Frust wegen Baustellen an den Albaufstiegen, aber Umwege müssen in Kauf genommen werden

Am Beispiel der Sicherungsarbeiten an der Sirchinger Steige warb das Regierungspräsidium für Verständnis, dass im Landkreis Reutlingen immer wieder Albaufstiege gesperrt werden müssen. Ein Ende ist nicht in Sicht, Probleme mit der Straßeninfrastruktur werden im Zuge des Klimawandels zunehmen

Eine gigantische Bohrmaschine rammt Pfähle 14,5 Meter durch Fels in die Tiefe
Eine gigantische Bohrmaschine rammt Pfähle 14,5 Meter durch Fels in die Tiefe Foto: Kirsten Oechsner
Eine gigantische Bohrmaschine rammt Pfähle 14,5 Meter durch Fels in die Tiefe
Foto: Kirsten Oechsner

BAD URACH. Mal schnell eine Besorgung im Tal machen oder etwas in der Höhe auf dem Kispel erledigen: Das ist für den Menschen im Einzugsbereich der Sirchinger und Hanner Steige kaum möglich, beide sind seit 25. August voll gesperrt. Das bedeutet für Schüler und Berufstätige früher aufstehen zu müssen und später nach Hause zu kommen, Pflichttermine wie Arztbesuche sind genau zu planen wegen des zeitlichen Mehraufwands für eine Fahrt. Und wer als Kispel-Bewohner einkaufen muss, bleibt vielfach gleich oben in der Höhe - mit unter Umständen nachhaltigen Folgen für den Einzelhandel im Tal. Bad Urach aktiv hat bereits darauf reagiert und bietet einen Lieferservice an.

Sirchingen ist der letzte Ort vor der gleichnamigen Steige. Um den Bad Uracher Stadtteil zu erreichen muss man laut Google Maps statt rund sechs Kilometer ab der Innenstadt nun 22 Kilometer über die Dörfer fahren. Ähnliches gilt für Bleichstetten – von dort aus wird die Bad Uracher Innenstadt über die Hanner Steige normalerweise nach acht Kilometern erreicht, 24 sind es seit der Sperrung. Eine angespannte Situation, an der laut der Verantwortlichen nichts geändert werden kann: Genau dort, wo die beiden Steigen zusammenkommen, hatte sich der Boden im Juni 2024 nach Starkregen auf einer Länge von etwa 30 Metern gesenkt – die Fahrt wurde über eine Ampel geregelt. Da die Sicherungsarbeiten aufwändig sind, komme in dieser Phase eine den Verkehr entlastende Ampelregelung allein aufgrund des Einsatzes von lärmintensiven Großgeräten laut Gunther Junginger nicht infrage.

Sperrungen unumgänglich

Das machte der Bau-Referatsleiter im Regierungspräsidium bei einer Vor-Ort-Begehung deutlich, bei der sich Regierungspräsident Klaus Tappeser einen Überblick über die Bauarbeiten verschaffte. Er wies auf deren Dinglichkeit hin: Es sei wichtig, dass die Albhochfläche jederzeit erreichbar und befahrbar bleibe – daran werde intensiv gearbeitet. Im Fall des Knotenpunkts der Sirchinger mit der Hanner Steige sei tatsächlich die Lebensader für viele Menschen weiträumig abgeschnitten und er verstehe den Frust der Betroffenen. Aber: Man sitze laut Tappeser nicht am Schreibtisch und plane die Bauarbeiten wie auch die notwendigen Umleitungen, um die Menschen zu ärgern – man sei bestrebt in deren Sinne Lösungen zu finden. Bei der Ausweisung der Umleitungsstrecken arbeite man deshalb eng mit dem Landkreis und den Kommunen zusammen.

Normalerweise gelte laut Junginger eine Maxime: Zwischen zwei Albsteigen müsse immer eine frei sein. Das sei die Theorie, in der Praxis müsse man indes mit Überraschungen leben. Jüngst waren für einen kurzen Zeitraum Holzelfinger und Honauer Steige gleichzeitig gesperrt – erstere wegen einer Dauerbaustelle, die inzwischen abgearbeitet sei. Die zweite aufgrund eines Erdrutsches, die werde inzwischen bei einer Vollsperrung nun in einen verkehrssicheren Zustand gebracht. Es ist noch nicht lange her, dass auch Bad Urach erschwert zu erreichen war: Zum einen wegen des Dauerstaus im Zuge des Ausbaus der Bundesstraße und der Sperrung der Albsteigen auf den Kispel, zudem wurden drei Wochen an der Hülbener Steige Sicherungsarbeiten ausgeführt und musste diese gesperrt werden. Das sei, so Junginger, eine Turbobaustelle gewesen und Vorrang habe stets, was schnell umzusetzen sei und eine Steige wieder zügig befahrbar mache.

Ein Meter kosten 12.500 Euro

Grundsätzlich seien die Genehmigungsverfahren jedoch »endlos lang«, beginnend mit geologischen Untersuchungen bis hin zu Absprachen mit der Unteren Naturschutzbehörde beispielsweise wegen Brutzeiten. Im Fall der Sirchinger Steige habe man bereits nach 15 Monaten, wie Projektleiter Tobias Heinzelmann betonte, mit den Bauarbeiten beginnen können. Auf einer Länge von 85 Metern werde eine sogenannte überschnittene Bohrpfahlwand erstellt, dafür wird bis zu 14,5 Meter im Fels in die Tiefe gebohrt. Die Bauweise gleiche der einer Brücke, nur eben unter dem Asphalt. Autofahrer würden später kaum etwas davon sehen und sich, so der Fachmann wundern, was überhaupt gebaut worden sei. »Das Bauwerk ist auf 80 bis 100 Jahre ausgelegt«, machte er deutlich, doch an anaderen Stellen könnten durchaus neue Probleme auftreten. 1,62 Millionen Euro sind für die Arbeiten inklusive neuer Asphaltbelag veranschlagt, ein Meter der Sicherungsarbeiten würden laut Heinzelmann 12.500 Euro kosten.

Allein im Zeitraum von 2014 bis 2025 seien 11,3 Millionen in die Sanierung der Albaufstiege im Landkreis Reutlingen in der Kategorie Bundesstraßen und 17,45 Euro in Landesstraßen investiert worden. Ein Ende sei nach Einschätzung von Gunther Junginger nicht absehbar, denn in Folge des Klimawandels würden Starkregenereignisse zunehmen und damit auch die Probleme mit der Straßeninfrastruktur. Der natürliche Erosionsprozess des Albtraufs, der aufgrund des Klimawandels eine erhebliche Beschleunigung erfahre, würde zu einer Zunahme des Risikos von Böschungsrutschungen, Steinschlägen und Hangbewegungen führen. Darüber hinaus würden die Steigungsstrecken durch die extremen Witterungsereignisse noch stärker unter Druck geraten: Der Aufwand für die Instandhaltung und die Umsetzung von Sicherungsmaßnahmen würden, so die Einschätzung, wachsen.

Für Nutzer der Sirchinger- und Hanner Steige gab’s vom Regierungspräsidium eine gute Nachricht: Sie werden über den Winter wieder geöffnet. Doch die Phase der Entspannung ist endlich: Von März bis Juni ist die Durchfahrt erneut nicht möglich, werden sich auf den Tachos der Betroffenen wieder etliche Kilometer ansammeln. (GEA)