METZINGEN. Über die Feiertage und den Jahreswechsel radeln Andreas Hauber und Dr. Simon Haug durch das schroffe Patagonien in Südamerika, das als eine der atemberaubendsten Regionen am Ende der Welt bekannt ist. Ganz ohne Schickimicki und zivilisatorische Annehmlichkeiten sind sie als Selbstversorger mit Zelt und Campingkocher mit dem Fahrrad durch einzigartige Landschaften Südamerikas unterwegs.
Das alleine klingt ja schon nach einer spektakulären Geschichte, die sie seit dem Start ihrer Reise in Anlehnung an Janosch (»oh wie schön ist Panama«) »Oh wie schön ist Patagonien« taufen. Sie wollen auf der Carretera Austral durch Patagonien bis ins südliche Puerto Natales fahren: »Es werden so zwischen 1.300 und 1.500 Kilometer sein, das wissen wir noch nicht, weil wir uns am Ende über Wanderpfade und Schotterpisten den Weg bahnen müssen. Da werden wir die Räder teilweise auch tragen müssen«, blicken die beiden Freunde Hauber und Haug voraus, mit dem Wissen, dass die voll bepackten Räder jeweils 50 bis 60 Kilogramm wiegen.
Mit künstlichen Herzklappen
Andreas Hauber und Dr. Simon Haug erzählen dabei aber eine noch viel existenziellere Geschichte. Denn Zahnarzt Dr. Simon Haug, der in Metzingen (Ortsteil Neuhausen) eine Praxis – und in näherer Umgebung noch zwei weitere Praxen betreibt, war schwer krank, musste sich vor drei Jahren zwei schweren Herz-Operationen unterziehen. Sein Herz war in desolatem Zustand, seine Herzklappe war kaputt und es war nicht klar, wie sich seine sportliche Leistungsfähigkeit danach entwickeln würde. Haug schildert das Szenario kurz und prägnant, während seine Stimme bricht: »Bei der ersten Operation wurde die Herzklappe rekonstruiert, also der Versuch der Reparation. Die zweite Operation war schon sehr extrem: Ich bekam mittels «Ross Operation» zwei neue künstliche Herzklappen, meine eigene, eine rekonstruierte Herzklappe, wurde implantiert, die zweite – eine menschliche – Spenderklappe. Es sah alles ein bisschen schwierig aus. Ich bekam ein neues Stückle von der Aorta reingeschnitten, aus so einem Plastikrohr ersetzt und mein Herz war drei Stunden lang ausgeschaltet.«
Freund Andi, der Theologie und Philosophie studiert hat und freiberuflich beim Südwestrundfunk auch »das Wort zum Tag« spricht, begleitet ihn perfekt davor und danach und steht ihm nicht nur als Freund, sondern als gelernter Palliativ-Krankenpfleger zur Seite. Hauber ergänzt: »Er hat Angst gehabt, lag auf der Intensivstation mit Durchgangssyndrom (einem postoperativen Delir) und es war nicht sicher, ob er wieder in die Welt zurückfindet, sowohl körperlich als auch geistig. Aber er hat es geschafft – zum Glück«, freut sich Hauber, der fleißig in die Pedale tritt. Noch im Krankenhaus beschließen sie, wenn alles gut geht, Haugs langersehnten Traum wahr werden zu lassen und gemeinsam endlich eine große Tour zu machen, so wie früher.
Freund Andreas Hauber der mit einem Kompagnon die Tegernseer Hütte – ein Juwel unter den Berghütten – vom DRV betreibt, hat Winterpause und macht die Reise möglich und ergänzt, dass es bei dieser Reise auch darum geht, Krisen zu überwinden. »Auch wenn mal alles Scheiße ist und die ganze Welt im Arsch, die Zuversicht zu behalten, dass es wieder weitergeht und auch weiter gehen kann. Da kann viel Schönes entstehen, auch wenn es manchmal unwahrscheinlich erscheint«, bringt Freund Andi es ganz geradeaus auf den Punkt.
Hauber und Haug, beide 45 Jahre alt und gebürtige Ellwanger, sind eng befreundet und haben schon viel gemeinsam durchlebt, sind schon durch »dick und dünn« gegangen. Zusammen mit Freunden des Abiturjahrganges 2000 gründeten sie vor Jahren den Verein »Unterwegs gegen Krebs«, nachdem ihr Freund »Baaro« 2002 an Blutkrebs gestorben war.
Simon Haug und Andreas Hauber starteten im Jahre 2003 auch schon die Aktion »Laufen für Daniel«, um für Knochenmarkspenden zu werben. Dabei umrundeten Haug als Radfahrer und Hauber als Läufer gemeinsam den Ostalbkreis. Mit vielen weiteren sportlichen Extremleistungen sammeln Akteure des Vereins ( www.unterwegsgegenkrebs.de) bis heute Spenden für den guten Zweck.
Die Patagonien-Reise wollen sie gezielt der Hospizgruppe in Metzingen widmen, denn jede Spende schenkt dabei Würde, Nähe und menschliche Begleitung, finden sie. Bereits im Jahr 2017, initiierte Haug – zusammen mit Zahnarzt-Kollegin Anja Einhorn – einen 7-Tage-Transalpin Marathon, dessen damaliger Erlös auch der Hospizgruppe Metzingen zugute kam. Hauber und Haug gefällt das Konzept der Hospizgruppe Metzingen und das regional gespendet wird. Beide wollen mit dieser Aktion auch ganz konkret an der Seite von Menschen stehen, die mit einer schweren Krankheit leben, den Raum für Ausbildung, echte Nähe und konkrete Unterstützung schaffen, genau dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird. Alle Spenden aus dieser Aktion fließen also vollständig an den Verein und stärken damit gezielt die Arbeit vor Ort, versprechen sie und wollen nach ihrer Rückkehr selbst auch noch spenden.
Weitere Unterstützer gesucht
Die beiden Freunde gewähren außerdem authentische Einblicke über ihren Instagram-Account »ohwieschoenistpatagonien« ihrer spektakulären Reise. Dort erfahren Interessierte mehr über »Weihnachtswunder«, »Hells Angels gegen Banditos« und »Patagonische Pumas«. Denn am anderen Ende der Welt freuen sich die beiden auch über Likes und Kommentare aus der Heimat, das motiviert sie. Mittlerweile sind sie in sonnigen Gefilden angekommen, aber am 17. Januar endet ihr Trip. Der Rückflug ist gebucht und bis dahin hoffen sie ihr (Reise-)Ziel zu schaffen und möglichst viele Unterstützer auf der Spendenplattform »go fund me« für die Hospizgruppe in Metzingen zu gewinnen, denen die Reise ja auch indirekt gewidmet ist. Bis Freitag, 9. Januar, kamen knapp 10.000 Euro zusammen.
Bis dahin fahren sie erst noch Fahrrad, führen Gespräche, genießen rohe Natur, ihre gemeinsame Zeit und feiern das (Über-)Leben: »Denn ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt. Ein Freund bleibt immer Freund und wenn die ganze Welt zusammenfällt …« (GEA)


