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Eigenheim wird für Familie in Bad Urach zum Alptraum

Laura Pippig und Roman Raffler haben in Bad Urach-Wittlingen ein Haus gekauft. Doch dieses birgt böse Überraschungen. Was sie erlebt haben und wie sie nun um einen Rücktritt vom Kauf kämpfen.

Laura Pippig und Roman Raffler leben zusammen mit ihren beiden Kindern Eleanor (rechts) und Madita in diesem Haus in Wittlingen.
Laura Pippig und Roman Raffler leben zusammen mit ihren beiden Kindern Eleanor (rechts) und Madita in diesem Haus in Wittlingen. Weil es so viele Mängel hat, müssten sie laut Gutachten 440.000 Euro in die Sanierung stecken. Foto: Steffen Schanz
Laura Pippig und Roman Raffler leben zusammen mit ihren beiden Kindern Eleanor (rechts) und Madita in diesem Haus in Wittlingen. Weil es so viele Mängel hat, müssten sie laut Gutachten 440.000 Euro in die Sanierung stecken.
Foto: Steffen Schanz

BAD URACH-WITTLINGEN. Begonnen hat es mit dem Traum vom Eigenheim. Diesen hatten Laura Pippig und ihr Mann Roman Raffler, die bis 2021 zur Miete in Böblingen lebten. Nachdem die Suche im Großraum Stuttgart ohne Erfolg blieb, wurden die beiden schließlich im Bad Uracher Stadtteil Wittlingen oberhalb des Ortskerns fündig. Doch bald nach dem Einzug ins 170 Quadratmeter große und 550.000 Euro teure Einfamilienhaus wurde aus dem Traum ein Albtraum. Ein von ihnen in Auftrag gegebenes Gutachten hat ergeben, dass sie mindestens 440.000 Euro in das nur teilweise bewohnbare und schadhafte Haus investieren müssten. Aktuell klagen Pippig und Raffler, beide 35, vor dem Landgericht Tübingen gegen die Verkäufer. Sie wollen den Kauf des Haus, in dem sie mit ihren beiden zwei und vier Jahre alten Kindern Madita und Eleanor leben, rückabwickeln. Doch das ist nicht so einfach.

An einem Nachmittag im Frühjahr führen Laura Pippig und Roman Raffler durch ihr Haus. Kurz vorher war der Prozessauftakt in Tübingen, und sie möchten über ihre Erfahrungen mit dem Hauskauf sprechen und andere Käufer warnen. Noch ist nicht klar, dass es kein schnelles Urteil geben und sich der Prozess auch wegen Terminproblemen eines Anwalts noch bis mindestens Ende November ziehen wird. Das große Wohnzimmer wirkt mit der großen Fensterfront einladend hell. Ein vermeintlicher Ort zum Wohlfühlen. »Als wir hier reingekommen sind, hatten wir einen supercoolen Eindruck«, erzählt Pippig. Es schließen sich eine offene Küche an und ein Wintergarten, den Laura Pippig während des Erzählens betritt. Er wurde später angebaut. »Merken Sie das?«, fragt sie. »Der Boden ist nicht gerade, sondern fällt ab.« Das ist eines der Probleme, um die es vor Gericht geht.

»Ich kann da kaum reingehen, dann bekomme ich Atemprobleme«

Das größere Problem wartet eine Etage tiefer in der Einliegerwohnung zum Garten hin. Als Roman Raffler die Tür öffnet, riecht es sehr muffig. »Ich kann da kaum reingehen, dann bekomme ich Atemprobleme«, sagt seine Frau und bleibt zunächst in der Türe stehen. Auch die Einliegerwohnung ist groß, hat eine moderne Küche, einen großen drehbaren Flachbildfernseher - und heftigen Schimmelbefall. »Ich wollte die Außenwand streichen und habe mich gewundert, dass das Malertape nicht gehalten hat«, erzählt Laura Pippig. Dann habe sie den Grund gesehen: Die Stelle an der Wand sei nass gewesen. Sie und ihr Mann gingen der Sache auf den Grund und rissen das Bett in der Zimmerecke raus. »Unter dem Bett war es schwarz verschimmelt.« Das ist es auch jetzt noch - und daher riecht es so muffig und gammelig. Auf dem Boden liegen ebenfalls verschimmelte Holzteile. Für Pippig und Raffler ist dieser Schaden in mehrfacher Hinsicht ein Desaster: »Wir wollten die Einliegerwohnung nächteweise an Wanderer vermieten«, sagt Pippig. Doch so geht das nicht. »Die Luft hier unten ist gesundheitsgefährdend. Darum fehlt uns diese Einnahmequelle.«

Damals, als sie sich das Haus anschauten, bemerkten sie all diese Probleme nicht, so erzählt es Laura Pippig. »Es war Sommer und warm. Darum ist uns nichts aufgefallen.« Komisch sei nur gewesen, dass sie erst im September hätten einziehen können. »Sie haben uns schon den Schlüssel gegeben, uns aber gesagt, dass wir nicht ins Untergeschoß gehen sollen, weil in der Einliegerwohnung noch der Sohn wohnt.« Sonst sei das Haus damals leer gewesen, und sie konnten schon Boden verlegen.

»Allerdings sind nur die Außenwände von der Fertighausfirma gebaut«

Für sie sei damals kaufentscheidend gewesen, dass das Fertighaus von einer bestimmten Firma ist. »Allerdings sind nur die Außenwände von der Firma, und der Rest ist in Eigenleistung gebaut«, erzählt Pippig. Das hätten sie zum Kaufzeitpunkt nicht gewusst. »Wir hätten niemals ein selbstgebautes Haus gekauft«, stellt sie klar. Dass sie mit dem Haus Probleme haben werden, merkte Laura Pippig auch, als ihr die Frau des Verkäufers eine Nachricht schickte, die dem GEA vorliegt. Darin heißt es: Ihr Mann »meint, dass ihr den Wintergarten aber ausgleichen müsst, denn er hat sich zum Haus etwas gesenkt.« Das beweist für Laura Pippig: Die Mängel waren den Verkäufern also bekannt. Später wird ein Gutachter zu dem Schluss kommen, dass sich der Anbau mit dem Wintergarten weiter heben oder senken wird.

Im Juli eröffnet Richterin Birgitta Fuhrmann die Gerichtsverhandlung wieder. Es soll nun um die Frage gehen, ob das Verkäufer-Ehepaar die Käufer arglistig getäuscht hat - wie diese vorwerfen - oder nicht. Die Richterin sieht Klärungsbedarf in der Frage, ob der Vorbesitzer beim Bau von der Planung des Statikers abgewichen ist, als er auf Felsen im Untergrund gestoßen ist. Wenn ja, könnte es eine arglistige Täuschung gewesen sein - und Pippig und Raffler könnten den Hauskauf rückabwickeln. Ein Gutachten soll dabei helfen, diese Frage zu klären.

In der Einliegerwohnung im Haus hat sich unter dem fest verbauten Bett Schwarzschimmel gebildet, der gesundheitsgefährdend ist.
In der Einliegerwohnung im Haus hat sich unter dem fest verbauten Bett Schwarzschimmel gebildet, der gesundheitsgefährdend ist. Foto: Malte Klein
In der Einliegerwohnung im Haus hat sich unter dem fest verbauten Bett Schwarzschimmel gebildet, der gesundheitsgefährdend ist.
Foto: Malte Klein

Vor Gericht äußert sich der Verkäufer im September wie folgt: »Ich kann nicht genau sagen, ob ich mit dem Statiker oder dem Architekten gesprochen habe.« Das sei schließlich 23 bis 24 Jahre her. Aber: »Ich habe das Okay gekriegt, sonst hätte ich es ja nicht gemacht.« Die Bodenplatte unter der verschimmelten Einliegerwohnung habe er über einem Felsen dicker gemacht, anstatt eine Frostschürze zu bauen. »Das kann ich ja nicht selber entscheiden, das muss mir gesagt worden sein.« Auf GEA-Anfrage will sich der Verkäufer dann gar nicht mehr äußern. Auch eine schriftliche Bitte um eine Stellungnahme lässt er bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

Aussagekräftig sind aber zwei Gutachten, die Laura Pippig und ihr Mann in Auftrag gegeben haben. Das erste geht von 120.000 Euro Sanierungskosten aus, das aktuellere sogar von 440.000 Euro. In diesem steht auch, woher der Schimmel in der Einliegerwohnung stammt. Nämlich »im Wesentlichen aus der fehlenden Dämmung unter und an der Bodenplatte sowie aus den fehlenden Abdichtungs- und Dämmarbeiten an den Untergeschoss-Außenwänden«.

»Es besteht bei Nutzung des Schwimmbeckens Gefahr für Leib und Leben«

Draußen, vor dem Haus, geht Roman Raffler nach dem Rundgang im Frühling in die Hocke. Er will abenteuerliche Elektroleitungen am Schwimmteich im Vorgarten zeigen und zieht an einem Kabel. Es kommt eine blaue verschnürte Plastiktüte zum Vorschein. »Darin ist eine Steckerverbindung«, sagt er. Das ist noch nicht alles. In der Nähe liegen ungeschützt eine offene Steckerverbindung und ein Lichtschalter. Und im Schwimmbecken baumelt auf der Hausseite ein Schlauch. Der Gutachter findet für den Schwimmteich deutliche Worte: Wegen der schlechten Elektroinstallation und weil die leitfähige Metalleiter zum Einstieg nicht ausreichend abgesichert ist, »besteht aktuell bei Nutzung des Schwimmbeckens Gefahr für Leib und Leben«. Außerdem sei die Pumpen- und Filteranlage in einem desolaten Zustand.

Innen zeigen Pippig und Raffler noch den Keller unter der Garage. Auf der einen Seite hat Raffler die Holzverkleidung entfernt. »Die war unten richtig feucht«, sagt er und deutet auf etwas Weißes auf dem bloßen Mauerwerk: »Das sind Salzkristalle.« Die zeigen laut Gutachten, dass Feuchtigkeit in der Wand ist. Die beiden beenden ihren Rundgang durch ihr Alptraumhaus. Es ist Abend geworden. Laura Pippig stellt den Herd an und kocht Abendessen. Etwas Normalität in einem belastenden Alltag.

Für den Fall, dass die beiden 35-Jährigen den Prozess, der Ende November fortgesetzt wird, verlieren, bliebe ihnen noch der Schritt in die nächste Instanz. Und natürlich beschäftigt sie die Frage, was dann kommt. Sie haben Angst vor einer Privatinsolvenz. Denn dass sie das aus ihrer Sicht so marode Haus noch mit den Sanierungskosten von 440.000 Euro beleihen können, glauben sie nicht. (GEA)