Beim Aufstand der Matrosen
Der bekannteste dürfte der Dauergast Johannes R. Becher gewesen sein, damals noch ein etwas abgerissener und labiler expressionistischer Dichter, später Kulturminister der DDR, erster Präsident der Ost-Berliner Akademie der Künste und – gemeinsam mit dem Komponisten Hanns Eisler – Schöpfer der Hymne »Auferstanden aus Ruinen«.Eine aufrührerische Vergangenheit hatte der aus Dettingen/Teck stammende Karl Raichle durchaus. Bei der Marine, der Kaiserlichen Kriegsflotte in Wilhelmshaven stationiert, hatte sich der 1889 geborene Kupferschmied dort mit dem revolutionären Schriftsteller Theodor Plievier (späterer Welterfolg: »Stalingrad«) und dem Lebensreformer-Vagabunden Gregor Gog angefreundet. Er nahm als Soldatenrat am Kieler (und Wilhelmshavener) Matrosenaufstand teil, der die Novemberrevolution von 1918 auslöste. Mit ihr endete für Deutschland der Erste Weltkrieg. Die Monarchie des wilhelminischen Kaiserreichs wurde abgeschafft, die Republik ausgerufen. Es folgte, in schweren Geburtswehen und mit erbitterten Feinden, die erste deutsche Demokratie der Weimarer Republik.
Rückzugsort für Revolutionäre
Karl Raichles Frau Elisabeth geb. Leinhaas war die Tochter eines wohlhabenden Uracher Rittmeisters. Mit ihr und den Marine-Freunden ließ sich Raichle im Februar 1919 im Seeburger Tal nieder, damals weit vor den Toren der Stadt, zunächst in einem Bauernhaus. Mit Theodor Plievier zerstritt er sich ein paar Jahre später. Plievier zog nach Berlin, verarmte dort in der Notzeit der Inflation und verlor sogar seine Kinder. Sie verhungerten. Auch Gregor Gog ging bald eigene Wege. Aber Raichles 1923 fertiggestelltes Werkstatthaus, das er nach weniger erfolgreichen landwirtschaftlichen und schriftstellerischen Versuchen bald – mitsamt den Nebengebäuden auf dem weitläufigen Areal – als Pension führte, blieb ein Treffpunkt für viele reformerisch oder revolutionär gestimmte Intellektuelle.Als Zinnschmied von Gefäßen aller Art wurde Karl Raichle übrigens nach einem kurzen zwischenzeitlichen Studium 1929 am Bauhaus in Dessau dann zu einem Kunsthandwerker von durchaus internationalem Rang, ausgezeichnet unter anderem bei der Weltausstellung 1937 in Paris, in Mailand, in Madrid.
Die radikalen Revolutionäre, Kommunisten, Anarchisten und auch Pazifisten hatten in der Weimarer Republik bald zurückstecken müssen. Nur die moskau-treue Thälmann-KPD rang an den radikalen Rändern rechts und links noch mit den erstarkenden Nazis. Der teilweise Rückzug anderer Revolutionäre traf sich mit der Weltflucht von Naturmystikern und Nudisten, Vegetariern, Theosophen wie Anthroposophen und Wandervogel-Aussteigern – der ganzen bunten Palette von Ahnen der späteren alternativen Ökologie – und Friedensbewegung. Das so idyllisch im Oberen Ermstal gelegene Raichle-Anwesen war ein idealer Ort für beiderlei Arten von Antibürgern und Weltverbesserern.
Ein barfüßiger Messias
Der Hausherr war für sein in der Uracher Festhalle aufgeführtes proletarischrevolutionäres Stück »Das Tor des Ostens« 1925 kurzzeitig sogar in Haft genommen worden. Für die KPD saß er um diese Zeit auch im Uracher Gemeinderat. Zusehends aber widmete er sich in der Kellerwerkstatt seinem Kunsthandwerk und seiner Rolle als Gastgeber oder Pensionswirt. Mehrfach am Grünen Weg zu Gast war der sanfte anarchistische Dichter Erich Mühsam, der als maßgeblicher Aktivist der Münchner Räterepublik wegen Hochverrats einige Jahre Festungshaft verbüßt hatte. Die Nazis nahmen ihn in der Nacht des Reichstagsbrands im März 1933 fest und ermordeten ihn anderthalb Jahre später im KZ Oranienburg.Ein ganz anderer Typus von Gast, eher zum Vagabunden Gregor Gog passend, war ein gewisser Gusto Gräser. Der barfüßige Wanderprediger und Aussteiger hatte um 1900 am Lago Maggiore im Tessin die utopische Siedlung Monte Verità gegründet, bis heute ein Mythos der Alternativbewegung. Trotz oder vielleicht auch wegen seiner Wanderschaft hielt dieser messianisch auftretende Sonderling ein europaweites enges Netz von intellektuellen Freunden und Bekannten. Johannes R. Becher allerdings soll ihn im Streit vom Raichle-Anwesen vertrieben haben.
Von Urach an den Bodensee
Auch der linke Arzt und Dramatiker (»Cyankali«) Friedrich Wolf, der lange Zeit in Hechingen und Stuttgart gewirkt hatte, kam zu den Raichles nach Urach. Nach der Flucht vor den Nazis zog er später in Moskau seine beiden Söhne groß: den bedeutenden Filmregisseur Konrad Wolf und den späteren DDR-Spionagechef Markus »Mischa« Wolf.Erich Schairer, der standhaft demokratische Journalist, zeitweise Redakteur des Reutlinger General-Anzeigers und nach dem Zweiten Weltkrieg Mitherausgeber der »Stuttgarter Zeitung«, quartierte sich genauso am Grünen Weg ein wie der kommunistische Kollege Alexander Abusch, der später DDR-Minister wurde – in gleicher Funktion wie zuvor Johannes R. Becher.
Seiner nicht immer spannungsfreien, aber lebenslangen Freundschaft zu Karl Raichle und der Alblandschaft hat der zum expressionistischen Pathos neigende Johannes R. Becher in seinem Versepos »Urach oder Der Wanderer aus Schwaben« ein literarisches Denkmal gesetzt. Becher starb 1958.
Karl Raichle und seine Frau Elisabeth verlegten ihre unter dem Kürzel »r« renommierte Metallwerkstatt 1930 zunächst nach Lützenhardt ins Schwarzwälder Waldachtal, nahe Freudenstadt, dann zeitweise nach Berlin und 1933 schließlich nach Meersburg. Gleichzeitig verkaufte das Ehepaar sein Uracher Anwesen. Am Bodensee wirkte Karl Raichle bis zu seinem Tod im Jahr 1965. Elisabeth Raichle starb fünf Jahre später. Im Meersburger Familiengrab liegen inzwischen auch der 1926 in der Uracher Kommune am Grünen Weg geborene Adoptivsohn Hans und seine Frau Dore. (GEA)


