STUTTGART/BAD URACH. »Der Traum von einer besseren Welt« war die Sonderseite im GEA vom 2. November betitelt, in dem Christoph Wagner über das Haus am grünen Weg in Urach – den »Roten Winkel« – schrieb. Hier zog in den 1920er-Jahren eine junge Boheme ein, die eine bessere Welt herbeisehnte. Darunter auch Berühmtheiten wie der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam, der von den Nazis ermordet wurde, der »Inflationsheilige« Gusto Gräser, ein Gründer der Reformsiedlung auf dem Monte Verità, und der Literat Johannes R. Becher, der später DDR-Kultusminister wurde.
Dem »Roten Winkel« hat Christoph Wagner ein Kapitel in seinem Buch »Lichtwärts!« gewidmet, das jetzt erschienen ist. »Lebensreform, Jugendbewegung und Wandervogel – die ersten Ökos im Südwesten (1880–1940)« hat er es untertitelt. Einer der ersten Ökos im Südwesten, der es in ein Parlament geschafft hat, ist Winfried Kretschmann.
Überschießender Idealismus
Den Ministerpräsidenten kennt der Autor aus grünen Anfangszeiten in den Achtzigern. Die beiden Realos – der eine aus Laiz, der andere aus Balingen – waren öfters zusammen unterwegs. Kein Wunder, dass Kretschmann das Vorwort von Wagners Buch geschrieben hat, das am Montagabend in Stuttgart vorgestellt wurde. Im Haus der Geschichte unterhielten sich die alten Grünen-Freunde darüber, was die Ökos von damals mit denen von heute zu tun haben.
»Wenn der frühzeitige Erfolg der Grünen im Südwesten kein Zufall war, woher kam dann die erhöhte Sensibilität für ökologische Themen in Baden-Württemberg«, fragt der MP im Vorwort. Eine Antwort liefert Christoph Wagner in seinem Buch. »Der Südwesten war schon seit Ende des 19. Jahrhunderts zur Hochburg einer gesellschaftlichen Bewegung geworden, die früh ein besonderes Empfinden für die Bedrohung der Natur durch ungezügelte Technik und Industrie entwickelt hatte«, so Winfried Kretschmann.

Wenn der Ur-Grüne zurückblickt, erkennt er durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Anfängen der Öko-Partei und den Menschen, die sich in den 1920er-Jahren im Roten Winkel trafen und in der Erms nacktbadend – Männer und Frauen gemischt – für irritierte Blicke in Urach sorgten. Die kleine alternative Siedlung war bei den Einheimischen auch als »Verschwörerwinkel« oder »Klein-Moskau« verschrien. Stuttgart, so kann man in »Lichtwärts!« lesen, war eine frühe Hochburg der Lebensreform, von »bürgerlichen Romantikern, Naturpredigern und völkischen Nudisten«, wie Christoph Wagner er das erste Kapitel überschrieben hat. Wenn sich der Ministerpräsident an die Anfangstage der Grünen erinnert, muss er teilweise grinsen. »Auf der Bühne der Parteitage stand ein Flügel, und in den Pausen wurde teilweise gesungen.«
Neue Parteien und Bewegungen, so weiß der 74-Jährige, ziehen »alle möglichen Leute« an. Darunter viele »komische Käuze«, wie Christoph Wagner sagt. »Die baden-württembergischen Grünen waren ziemlich stark davon geprägt«, gibt der MP zu, »das hat sie auch nie ganz verlassen.« Letztlich, so der Ober-Realo, »sind die alle verschwunden, dieser überschießende Idealismus hat sich an den Herausforderungen der Politik gebrochen«.
Heimatkunde im besten Sinne
»Brauchen wir heute wieder mehr Utopie«, fragt Wagner. »Wir verabschieden uns gerade davon«, sagt Kretschmann nüchtern. Im Blick die Anfangsjahre, in denen die Grünen noch über die Abschaffung der Bundeswehr nachdachten. Die Zuhörer kichern unüberhörbar, wenn sich Kretschmann launig über die Visionen – nein: nicht die, wegen der man laut Helmut Schmid zum Arzt gehen sollte – von Olaf Scholz auslässt: »Er hat die schon, er sagt’s halt nicht.«
»Politik hat mir nicht zu sagen, wie ich mein ganz persönliches Leben zu führen habe«, sagt der MP, »das ist die Aufgabe der Zivilgesellschaft.« Wobei … wenn’s um den Planeten geht, »schwimmt man als Politiker ganz schön hin und her«, gibt er zu, »wir müssen einfach ein paar Rahmen setzen«. Das große Ganze ist lösbar, zeigt er sich optimistisch. »Das Zauberwort heißt Innovation.« Kretschmann: »Es entstehen ständig neue Dinge, von denen wir heute noch gar nichts wissen.«
»Ich empfehle, das Buch zu lesen«, sagt der MP am Schluss. Das Buch von Christoph Wagner, wie er ursprünglich ein studierter Lehrer, sei »Heimatkunde im besten Sinne«. (GEA)
LICHTWÄRTS!
Christoph Wagners Buch »Lichtwärts!« ist beim Verlag Regionalkultur erschienen und ist seit einigen Tagen im Handel. Es hat 280 Seiten mit 235 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen und kostet 34,80 Euro. Am Donnerstag, 10. November, 20.05 Uhr unterhält sich auf SWR2 in der Sendung »Musikpassagen« Anette Sidhu-Ingenhoff mit Christoph Wagner über sein Buch. Dazu gibt’s Musik zum Thema. (and)

