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Dettingen sucht Paten für Objekte aus dem Archiv

Weil das Geld knapp ist, wurde ein Patenschaftsprojekt ins Leben gerufen und ist die Gemeinde mit acht Objekten gestartet. Eine bislang einmalige Aktion in der Region, um eine notwendige Restaurierung der Werke zu finanzieren.

Archivarin Babara Katic mit einem Band von Gerichtsprotokollen aus dem Jahr 1806, der restauriert werden müsste - 385 Euro sind
Archivarin Babara Katic mit einem Band von Gerichtsprotokollen aus dem Jahr 1806, der restauriert werden müsste - 385 Euro sind dafür veranschlagt Foto: Kirsten Oechsner
Archivarin Babara Katic mit einem Band von Gerichtsprotokollen aus dem Jahr 1806, der restauriert werden müsste - 385 Euro sind dafür veranschlagt
Foto: Kirsten Oechsner

DETTINGEN. »Das ist das Gedächtnis der Gemeinde«, meint Barbara Katic beim Rundumblick durch die Regalreihen des Dettinger Archivs. Dort stehen unter besten Bedingungen in Reih und Glied Kladden und Ordner, Lose-Blatt-Sammlungen und Bücher, Fotoalben oder auch handschriftliche Notizen des ehemaligen Bürgermeisters Rudolf Beutler - 150 laufende Meter sind‘s. Doch das war nicht immer so, viele der zum Teil hunderte Jahre alten Unterlagen hätten laut Katic im Lauf der Zeit gelitten und müssten dringend restauriert werden. Doch was in Dettingen dafür fehlt, ist Geld. Und deshalb sind die Archivarin und ihre Chefin Ulrike Müller auf eine bislang im Landkreis Reutlingen einmalige Idee gekommen: Sie suchen Paten für zunächst einmal acht ausgewählte Objekte.

Da ist zum Beispiel das kleine Bändchen aus dem Familiennachlass von Wilhelm Ortlieb, der von 1842 bis 1852 Schulmeister im Dorf war und viele Stellen im Ort in Farbe gezeichnet hat. Fast unscheinbar wirkt es neben den vielen dicken Wälzern mit Gemeinderats- und Gerichtsprotokollen. Doch es handele sich laut Katic um einen kleinen Schatz, der zunehmend auseinanderfalle: 245 Euro soll die Restaurierung laut Kostenvoranschlag von Restaurator Reim aus Böhringen kosten. Die 20 Euro-Patenschaft für die Digitalisierung des Werks ist bereits vergeben.

Einband voller Vogelkot

Und da gibt’s noch das Schul-Receß-Buch von 1791: Es beinhaltet alles, was in diesem Jahr rund ums Thema Schule entschieden wurde und hat vor allem historischen Wert – mit 195 Euro sind potenzielle Paten mit dabei. Mit 80 Euro deutlich billiger ist der Band mit dem Titel "Schulversäumnisse 1957 – 1971. Mehr Heimatgeschichte geht kaum: Die Kladde ist gefüllt mit Namen von Dettingern, die in dieser Zeit die Uhlandschule besucht haben – fein säuberlich aufgelistet ist wann wer gefehlt hat – unentschuldigt oder auch nicht. Leider ist der Einband voller Vogelkot und gehören die Blattläuse ausgesaugt. In finanziell anderen Dimensionen bewegt man sich beim Band mit Gerichtsprotokollen aus dem Jahr 1806 und von Gemeinderatsprotokollen, die 1825 geschrieben wurden – 385 Euro kostet deren Restaurierung.

Vieles ist für einen bestimmten Zeitraum zu archivieren, anderes wird freiwillig behalten. »Gradmesser ist hier, wie wichtig die Objekte für die Dettinger sind«, beschreibt Ulrike Müller ein Auswahlkriterium. Als wahren Schatz für die Ortsgeschichte bezeichnet Barbara Katic beispielsweise den Nachlass von Walter Ellwanger, der gehe weit über schriftliche Dokumente hinaus – dazu gehöre unter anderem Ellwangers Gehstock. Sehr persönlich seien auch die Tagebücher von Dettingern oder Schriftstücke von Auswanderern.

Archiv ins Bewusstsein bringen

Das älteste Objekt im Dettinger Archiv datiert von 1512, es handelt sich um einen Brief auf Latein. Täglich komme, so Barbara Katic, neues Material dazu: »Das Schriftstück von heute ist das Archivstück von morgen«, macht sie deutlich. Die Arbeit geschehe meist hinter verschlossenen Türen, auch wenn die Interessierten für Recherchen offenstehen. Man wolle das Archiv mehr ins Bewusstsein bringen und die Dettinger dafür sensibilisieren, welche Schätze der Heimatgeschichte vorhanden sind. Am Weihnachtsmarktwochenende werden einige Objekte im Zillenhart-Saal aus- und das Patenschaftsprojekt vorgestellt. Barbara Katic hofft, dass dadurch eines deutlich werde: Archivalien zu restaurieren sei eine Investition in die Zukunft. Sie würden dazu beitragen, sich mit der Geschichte Dettingens zu identifizieren: »Man weiß, woher man kommt.«

12.000 Euro im Jahr fließen in die Archivarbeit – normalerweise. Im Sparjahr 2025 mit seinem extrem angespannten Haushalt sei laut Ulrike Müller die Summe auf unter 10.000 Euro gesunken. Erfahrungsgemäß werde am meisten Geld in die Bewertung von angeschlagenen Objekten und deren Restaurierung gesteckt. »Je länger man wartet, desto weniger Möglichkeiten hat der Restaurator«, weiß Fachfrau Katic. Und, ergänzt Ulrike Müller: »Umso teurer wird die Restaurierung.« Nun hätten sie mit dem Patenschaftsprojekt einen Vorstoß gewagt und die Öffentlichkeit gesucht. Mindestbetrag für eine Patenschaft sind 50 Euro, die anteilsmäßig gespendet werden können. Nach oben gebe es natürlich keine Grenze und wer wolle, erhalte nach der Restaurierung »seines« Objekts eine Urkunde und werde öffentlich gewürdigt. Jetzt warte man auf die Resonanz der Dettinger, die vom Kreisarchiv sei laut Ulrike Müller jedenfalls schon mal sehr positiv: Die Idee sei etwas besonderes und bislang einmalig in der Region, freuen sich Katic und Müller über das Lob. (GEA)