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Der Traum von einer besseren Welt - geträumt in Bad Urach

Das Haus am grünen Weg in Urach zog in den 1920er-Jahren eine junge Boheme an, die eine bessere Welt herbeisehnte. Auch der Verfasser der DDR-Nationalhymne und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher war dabei. Man wollte einen revolutionären Umsturz und eine Sowjet-Republik nach Moskauer Vorbild. Doch die Weltwirtschaftskrise und ihre Folgen beendeten dieses Kapitel der Lebensreform im Südwesten.

Die Aussteiger vom Grünen Weg.  FOTO: SAMMLUNG WAGNER
Die Aussteiger vom Grünen Weg. Foto: Sammlung Wagner
Die Aussteiger vom Grünen Weg.
Foto: Sammlung Wagner

BAD URACH. Zwischen Kleinanzeigen, die Heil-Erde, biochemisches Badesalz und Massage-Öl anpriesen, fand sich im August 1927 in der Zeitschrift »Die Lebensreform« eine kleine Annonce: »Gesinnungsfreunde finden in der Schwäbischen Alb, 20 Minuten vom Luftkurort Urach, angenehmen Erholungsaufenthalt in schöngelegenem Landhaus«, hieß es da. »Unmittelbar beim Haus Frei- und Lichtbad, herrlicher Bergwald. Pensionspreis bei guter, reeller Verpflegung 4,50 Mark. Auf Wunsch vegetarische Küche.« Karl Raichle – »Schriftsteller« – hatte die Werbeanzeige aufgegeben.

Raichle (Jahrgang 1889), der nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit seinen Freunden Theodor Plievier und Gregor Gog am Matrosenaufstand in Kiel beteiligt gewesen war, hatte zusammen mit seiner Frau Lisbeth 1923 den Pensionsbetrieb aufgenommen. Die Absicht war, sich ein zusätzliches Einkommen zu verschaffen, da die Schriftstellerei und das Kunsthandwerk des Ehemanns nicht viel einbrachte. 1921 erbaut, wurde das »Haus am grünen Weg« über die Jahre zum Treffpunkt einer jungen Boheme, die nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs von einer besseren Welt träumte, deren Wege sich in Urach mehr oder weniger zufällig kreuzten.

Seit der Jahrhundertwende war auf dem Monte Verità im schweizerischen Ascona eine viel beachtete Aussteiger-Kolonie entstanden, die der Uracher Alternativsiedlung als Vorbild diente. Die Raichles wollten eine Art Monte Verità-Siedlung am Fuße der Schwäbischen Alb errichten. Die Voraussetzungen waren gut: Poeten, Lebensreformer, Aussteiger, Anthroposophen, Nudisten, Vagabunden, Naturapostel, Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten fanden regelmäßig den Weg ins enge Tal, meistens Hungerleider und Habenichtse, die das müßige Leben in der idyllischen Landschaft genossen, dazu intellektuelle Debatten über Gott und die Welt führten, aber kaum Geld in die Haushaltskasse brachten.

»Es kamen welche, die nur barfuß gingen, und die sich Kränze in die Haare hingen«, so beschrieb der Lyriker Johannes R. Becher die kauzigsten Typen dieser wunderlichen Schar im Gedicht »Urach oder Der Wanderer aus Schwaben«.

Mehr oder weniger bekannte Persönlichkeiten waren darunter: der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam, der »Inflationsheilige« Gusto Gräser (ein Gründungsmitglied der Reformsiedlung auf dem Monte Verità), der Künstler Max Ackermann, die Journalisten Max Barth und Erich Schairer sowie der Rechtsanwalt Dr. Alfred Daniel. Dazu die Autorin Else Stroh, die Schriftsteller Erich Weinert und Theodor Plievier, der Theaterregisseur Erich Engel (Mitarbeiter von Berthold Brecht), die Kinderbuchautorin Anni Geiger-Gog sowie ihr Mann Gregor Gog plus Friedrich Wolf, Naturarzt aus Hechingen, danach in Stuttgart, der sich als Theaterautor und politischer Aktivist einen Namen machte.

Diskutieren ohne Ende

»In der Siedlung des Zinngießers Karl Raichle in Urach, in ländlich-idyllischer Abgeschiedenheit am Oberlauf der Erms, tagte sozusagen in Permanenz eine Gruppe von Revolutionär-Aufgebrochenen«, erinnerte sich einer der Beteiligten. »Des Diskutierens war kein Ende.«

»In den Hauptferienmonaten hatten wir manchmal 30 Leute zum Essen«, so Karl Raichle. Ums Haus herum gaggerten und scharrten Hühner, Enten und Gänse, man hielt Ziegen und Schweine. In der Erms konnte man (nackt-)baden, da das Haus abgelegen lag, umgeben von nichts als grünen Wiesen und den waldigen Steilhängen der »Rauhen Alb«. Raichle richtete im Garten eine Werkstatt mit Schmiede ein, um seine »kunstgewerblichen Treibarbeiten in Eisen, Kupfer und Messing« zu fertigen. Er tüftelte an einem »Rucksack auf Rädern« (»Rucksackwägele«) herum, dessen industriemäßige Vermarktung jedoch im Sand verlief.

Am längsten und am engsten mit den Raichles verbunden war der junge Literat Johannes R. Becher (Jahrgang 1891), aufstrebender Lyriker, Romanautor und politischer Schriftsteller. Später sollte Becher den Text für die DDR-Nationalhymne schreiben und zum DDR-Kultusminister aufsteigen. Der verheißungsvolle Autor verbrachte viele Sommer an der Erms, wo er sich in einem kleinen Nebengebäude auf dem Grundstück der Raichles ein festes Quartier eingerichtet hatte. Dort schrieb und arbeitete er oder erholte sich auf langen Wanderungen auf der Schwäbischen Alb oder bei Kanufahrten auf der Erms. Das Mittagessen holte man mit der Angel aus dem Bach oder fing die Forellen mit den bloßen Händen.

Grüner Weg –  historische Anzeige FOTO: SAMMLUNG WAGNER
Eine historische Zeitungsanzeige für den Grünen Weg. Foto: Privat
Eine historische Zeitungsanzeige für den Grünen Weg.
Foto: Privat

Am Abend wurden Gedichte rezitiert, Lieder gesungen und atonale Musik auf dem Harmonium gemacht. »Da war ein Hauch von Boheme zu verspüren«, erinnerte sich Alfred Daniel, der häufig zu Gast war. Man machte Ausflüge auf die Alb und besuchte andere Lebensreform-Siedlungen wie den Vogelhof bei Erbstetten. Zur Künstlersiedlung von Willo Rall bei Sulzbach am Kocher hielt man Kontakt. Rall schreinerte dem Haus am grünen Weg eine Tür, die aus einer Sonne als Mittelpunkt bestand, von der eine Kaskade von Sonnenstrahlen ausging.

Chronisch knapp bei Kasse

Doch Geldsorgen plagten nicht nur die Raichles, auch Becher war chronisch knapp bei Kasse. Einmal sah sich Karl Raichle gezwungen, einen befreundeten Genossen, der auf Besuch war, anzupumpen, um die anderen Kurgäste überhaupt weiterhin verköstigen zu können.

So sieht der Rote Winkel in Bad Urach heute aus. FOTO: FINK
So sieht der Rote Winkel in Bad Urach heute aus. Foto: Andreas Fink
So sieht der Rote Winkel in Bad Urach heute aus.
Foto: Andreas Fink

Ab 1925 lebten auch der Genossenschaftsvisionär und Journalist Dr. Karl Bittel und seine Frau Mia mit ihren beiden Kindern in einem Häuschen in nächster Nachbarschaft, das sie zuerst als Feriendomizil errichtet hatten, um es mehr und mehr zu einer festen Bleibe auszubauen. Zusammen ergaben die drei Häuser eine kleine alternative Siedlung, die bei den Einheimischen als »Verschwörerwinkel« oder »Klein-Moskau« verschrien war. Dazu trug der Umstand bei, dass Karl Bittel KPD-Funktionär war, seine Frau als Parteiagitatorin auftrat und Karl Raichle seit Dezember 1925 als einziger KPD-Mann im Uracher Gemeinderat saß. Knapp 10 Prozent der Wahlberechtigten hatten ihm ihre Stimme gegeben.

Mehr und mehr nahm die Polizei den »Uracher Kreis« ins Visier. Immer wieder schaute die Gendarmerie vorbei, es gab Hausdurchsuchungen, Verhöre und Verhaftungen. Die Weimarer Demokratie stand auf schwachen Beinen, und Justiz und Polizei waren noch stark vom obrigkeitsstaatlichen Denken der Kaiserzeit geprägt. Allerdings hatten Johannes R. Becher, die Raichles und Bittels mit der parlamentarischen Demokratie auch wenig am Hut. Sie propagierten den revolutionären Umsturz und die deutsche Sowjet-Republik nach Moskauer Vorbild.

Am 1. Februar 1925 hatte Raichles Theaterstück »Das Tor des Ostens oder Der rote Schmied« in der Uracher Stadthalle Premiere, ein Agitprop-Stück mit Laienschauspielern, einem Massenchor, revolutionärer Symbolik und heroischem Finale. Der Regisseur Erwin Piscator sollte darin in der Maske des ermordeten Spartakusführers Karl Liebknecht auftreten, sprang aber in letzter Minute ab.

1928 ließ Raichle seine Familie in Urach zurück, um am Bauhaus in Dessau zu studieren. Er wollte dort seine kunsthandwerklichen Fähigkeiten in Sachen Metall optimieren, wobei sich aber seine persönlichen Umstände als zu schwierig erwiesen. Nach nur zwei Semestern sah er sich gezwungen, das Studium abzubrechen und nach Urach zurückzukehren. Die Weltwirtschaftskrise 1929 markierte einen Einschnitt. Wegen grassierender Arbeitslosigkeit und Not blieben nun zahlende Gäste immer mehr aus. Die eh schon prekäre Situation verschärfte sich noch. 1931 schlossen die Raichles ihren Pensionsbetrieb und zogen aus Urach weg. Damit setzten sie den Schlusspunkt unter ein Kapitel der Geschichte der Lebensreform im Südwesten und beendeten eine bedeutende Episode in der lokalen Historie von Bad Urach. (GEA)

BUCHVORSTELLUNG

Einen umfassenden Überblick über die alternative Bewegung um 1900 gibt Christoph Wagner in seinem neuen Buch »Lichtwärts! Lebensreform, Jugendbewegung und Wandervogel – die ersten Ökos im Südwesten (1880 – 1940)«. Es wird am Montag, 7. November, im Stuttgarter Haus der Geschichte Baden-Württemberg um 19 Uhr im Beisein von Ministerpräsident Winfried Kretschmann der Öffentlichkeit vorgestellt. Anmeldungen erbeten. (GEA) veranstaltungen@hdgbw.de 0711 2123989