BAD URACH. Das neue Jahr brachte das Eis. Mit Beginn des Monats Januar waren die Temperaturen im hinteren Brühlbachtal anhaltend so niedrig, dass der Uracher Wasserfall mehr und mehr zufror. Dann kamen die Tage mit zweistelligen Minustemperaturen. Inzwischen präsentiert er sich in einem dicken Eiskleid mit bizarren, viele Meter hohen mächtigen Eiszapfen. Das hat sich herumgesprochen: Mittlerweile strömen Menschen aus dem ganzen Südwesten zum Uracher Tourismus-Magnet Nummer eins. Ein Ausflug zu dem Naturspektakel ist ein schönes und mitunter ganz schön gefährliches Freizeitvergnügen.
Es ist buchstäblich eiskalt im hinteren Brühlbachtal. Keine Sonne, die die Eiszapfen zum Schmelzen bringen könnte. Soll sie auch gar nicht - das erstarrte Wasser ist zum Dahinschmelzen schön. So schön, dass manche Besucher ganz offensichtlich alle Vernunft im Auto lassen. Sie schlittern schon in dünnen, glatten Schuhen Richtung Wasserfall. Hier ist für manche noch nicht Schluss. Wenn man schon hier ist, will man dem Naturwunder auch doch bitte ganz nahe sein. Also die Treppen hoch. Die Kalkstufen sind schon bei Regen so rutschig, als wären sie mit Schmierseife überzogen. Bei Eis gibt's buchstäblich kein Halten mehr. Manche bewegen sich auf allen vieren - oder dem Hinterteil.
»Wir machen uns nichts vor: Die Leute gehen trotzdem ganz nahe zu diesem Naturspektakel hin«
»Wir warnen während der ganzen Winterzeit - also von November bis Ende März - vor den Gefahren auf unseren Grafensteigen«, sagt der Uracher Tourismus-Chef Simon Heß. »Während der Wintermonate verwandeln sich unsere Wege bei Regen, Schnee und Eisglätte zu einem rutschigen oder spiegelglatten Untergrund und sind somit nicht mehr zu empfehlen«, kann man auf der Homepage lesen, »aus diesem Grund legen unsere Wege von November bis Ende März eine Winterpause ein und wir gönnen ihnen und der Tierwelt ihren wohlverdienten Winterschlaf.«

Wobei sich Heß, der selbst natürlich auch schon am gefrorenen Wasserfall war, darüber klar ist, dass die Warnhinweise die eine Sache sind, die Realität eine andere - schon deshalb, weil ein Teil der Grafensteige ganz »normale« Wanderwege auf der Ebene sind: »Wir machen uns nichts vor: Die Leute gehen trotzdem ganz nahe zu diesem Naturspektakel hin.« Was bis zu einem gewissen Grad kein Problem ist: Die meisten Menschen kommen eh in Stiefeln, ein paar Erfahrene haben Spikes oder sogar Steigeisen dabei, die sich unten am Wasserfall unter die Stiefel spannen. Damit sind die Treppen kein Problem.

Wer in seiner Abenteuerlust - geflasht von dem Naturschauspiel und dem Grip des Schuhwerks - aber immer weitergeht, bis an den Fuß des Wasserfalls, begibt sich in Lebensgefahr: Immer wieder brechen Teile der Eiszapfen ab und krachen auf den Boden. Wer hier zufällig steht, hat keine Chance. Wenn es in den kommenden Tagen wärmer wird, erhöht sich die Gefahr, dass Teile des Eises abbrechen.
»Fünf Prozent der Menschen sorgen für fünfundneunzig Prozent des Ärgers«
Am Mittwoch war noch mehr los im Brühlbachtal: In Sichtweite des Wasserfalls war ein Forstunternehmen im Einsatz, die Männer haben Holz gemacht. »Der Zeitpunkt war für uns ideal«, sagt Förster Reinhard Metzger, der für den Staatswald in dieser Region verantwortlich ist. Ideal nicht nur deshalb, weil es auf dem Holzmarkt gerade ganz gut aussieht, sondern auch, weil die Männer mit ihrem schweren Vollernter auf der Wiese fahren und dort die Stämme ablegen können, ohne den Untergrund zu beschädigen.
Vom großen Parkplatz beim »Maisentalstüble« führen zwei Wege zum Wasserfall - einer direkt neben dem Brühlbach, einer auf der anderen Talseite. Der am Brühlbach war wegen der Forstarbeiten gesperrt - mit Hinweis auf den offenen auf der anderen Seite. »Viele Leute haben die Sperrung ignoriert und sind einfach weitergelaufen«, sagt der Förster ebenso frustriert wie wütend, »wenn man sie darauf anspricht, werden manche auch noch unverschämt.« Trotz Uniform und Dienstausweis. Wobei er sich klar darüber ist, dass nicht alle so sind: »Fünf Prozent der Menschen sorgen für fünfundneunzig Prozent des Ärgers.« (GEA)


