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Cem Özdemir: Brückenbauer, den seine Heimatstadt geprägt hat

Das Journalisten-Ehepaar Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel hat mit »Cem Özdemir - Brücken bauen« eine Biografie über den Grünen-Politiker geschrieben und vor 140 Besuchern beim »Heimspiel« in Bad Urach vorgestellt.

Das Journalisten-Ehepaar Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel (rechts) haben eine Biografie über  Cem Özdemir geschrieben,
Das Journalisten-Ehepaar Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel (rechts) haben eine Biografie über Cem Özdemir geschrieben, die am Samstag in Bad Urach vorgestellt wurde Foto: Kirsten Oechsner
Das Journalisten-Ehepaar Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel (rechts) haben eine Biografie über Cem Özdemir geschrieben, die am Samstag in Bad Urach vorgestellt wurde
Foto: Kirsten Oechsner

BAD URACH. »Cem Özdemir – Brücken bauen« – kurz vor seinem 60. Geburtstag im Dezember und mittendrin im angelaufenen Wahlkampf hat das Journalisten-Ehepaar Johanna Henkel-Waidhofer und Peter Henkel eine Biografie über den Grünen-Politiker herausgebracht, der laut Autoren zu den profiliertesten Stimmen der deutschen Politik gehört. Am Montag vor einer Woche war das Buch erstmals in Stuttgart vorgestellt worden, an Özdemirs Seite dort: Ex-Außenminister Joschka Fischer, der auch das Vorwort geschrieben hat. Am Samstag folgte morgens eine Lesung in Tübingen, begleitet von Oberbürgermeister Boris Palmer und am Abend dann Bad Urach – ein Heimspiel für Cem Özdemir vor rund 140 Zuhörern in der Schlossmühle.

Einleitende Worte sprach hier Bürgermeister Elmar Rebmann und der war voll des Lobes für den Ehrenbürger der Stadt: Er sei den Menschen sehr zugewandt und spreche mit ihnen auf Augenhöhe. Vor allem lasse er auch in kritischen Situationen Gegner ausreden, dafür zolle er ihm Respekt - der Buchtitel »Brücken bauen« passe für Özdemir wunderbar. Als solcher verstehe er sich selbst auch, betonte Cem Özdemir: Bei ihm sei Zusammenarbeit angesagt und er wolle parteiübergreifende Mehrheiten suchen, nicht die Konfrontation.

Lektüre überraschte Özdemir

Den Gründen für diese Haltung waren die Journalisten Henkel-Waidhofer und Henkel auf den Grund gegangen, sie zeichnen auf 250 Seiten die prägenden Situationen seines Werdegangs nach. Seit den 80er-Jahren begleiten sie die Grünen und seit seinen Anfängen in der Politik auch Cem Özdemir. Aber, das betonte Johanna Henkel-Waidhofer – Cem Özdemir habe das Buch weder selbst geschrieben, noch schreiben lassen oder bestellt: »Wir haben uns ihm wohlwollend, aber distanziert genähert.« Und so, Peter Henkel: »Wir liefern kein Gefälligkeitswerk ab.«

Er sei bei der Lektüre überrascht gewesen, was die beiden Autoren über ihn herausgefunden hätten: »Ich dachte mir, wo sie denn das schon wieder herhaben«, gab Özdemir zu. So manche Ereignisse habe er selbst schon fast vergessen. Um welche es sich handelt, wurde leider nicht vertieft. Und es kam auch nicht zur Sprache, wie eng – so heißt es jedenfalls im Klappentext – seine Biografie tatsächlich mit den Herausforderungen für die Demokratie verknüpft ist.

Im Stil einer Polit-Talkshow

Etwas weniger Wahlkampf und ein bisschen mehr Buch hätten der Veranstaltung gutgetan – der Inhalt der Biografie war kein Thema, die Verbindung zu Cem Özdemirs Haltung und Tun wurde bei der Lesung nicht herausgearbeitet. Vielmehr stellte das Autoren-Duo derzeit im Wahlkampf immer wiederkehrende Fragen – »Wie stehen sie zur Wirtschaft?« - im Stil einer Polit-Talkshow. »Es soll nicht um Politik gehen, sondern um den Menschen«, hatte Buchhändlerin Sabine Hunzinger zur Begrüßung gemeint, das kam in Verbindung zum Buch etwas zu kurz.

Doch auch hier erwies sich Cem Özdemir als Brückenbauer. Immer wieder ließ der »anatolische Schwabe« Biografisches einfließen. Erst durch seinen Ferienjob bei Minimax habe er verstanden, wie hart seine Eltern ihr Geld verdient hätten. Er sei an seiner nicht so positiv verlaufenden Schulzeit ein Stück weit selbst schuld gewesen: »Ich war ein fauler Sack«. Gleichwohl ziehe er ein Fazit aus seiner eigenen Geschichte: »Das Bildungssystem produziert zu viele, die es nicht schaffen.«

Bad Urach hat ihn geprägt

Bad Urach habe ihn ohne Zweifel geprägt, für seine türkische Eltern sei die Stadt zur ersten Heimat geworden – er habe sie nicht nach Berlin lotsen können, um näher bei den Enkeln zu sein. Das Argument habe bei seiner Mutter nicht gezündet, sie habe sich in Bad Urach aufgenommen gefühlt: Wenn sie sich einen Tag nicht auf der Straße gezeigt habe, hätten die Nachbarn besorgt bei ihr geklingelt. Das verstehe er als Kompliment für diese Stadt, zu der er auch noch viele Verbindungen pflege. Der immer noch beste Freund aus Jugendtagen saß im Publikum, viele Kunden seiner Mutter – sie hatte eine Änderungsschneiderei betrieben - und Wegbegleiter aus alten Tagen ebenfalls.

Er verdanke Bad Urach und Baden-Württemberg viel, das wolle er nun zurückgeben. Elmar Rebmann jedenfalls hofft, dass mit Cem Özdemir vielleicht der erste Ministerpräsident aus Bad Urach kommen wird – zustimmender Applaus brandete bei dessen Heimspiel im Publikum auf. (GEA)