»Das Thema 'Flucht' hat einen aktuellen Hintergrund, aber viele unterschiedliche Aspekte«, erklärte Theis. Seit zwei Jahren steht die unfreiwillige Migration von Millionen von Menschen auf der tagespolitischen Agenda, Flucht ist aber nicht nur ein gegenwärtiges Phänomen, sondern schon immer Bestandteil der menschlichen Geschichte.
Die Grafenbergerin Rosemai Schmid hatte ihren Text »... und schweigen wie das Grab« bereits vor vielen Jahren geschrieben, um damit eigene Erfahrungen zu verarbeiten. Zu Zeiten des Ost-West-Konflikts, als Europa durch den Eisernen Vorhang geteilt wurde, besuchte die damals 16-Jährige zum ersten Mal die Familie ihres Vaters in Rumänien. Die Grenze zu dem kommunistischen Land und die mürrisch blickenden, schwer bewaffneten Soldaten wirkten für den Teenager bedrohlich.
Eigene Erfahrungen verarbeitet
Jenseits des für die Rumänen unüberwindbaren Hindernisses fließe Milch und Honig, beschrieb Schmid die Vorstellung ihrer Familie über den Westen. Eine Meinung, die auch Karl teilte, »der schönste Mensch, den ich je gesehen habe«. Der Cousin ihres Vaters vertraute der jungen Frau an, dass er – falls sich die Verhältnisse nicht bald ändern würden – die Flucht in den Westen antreten wolle. Aus dem baldigen Wiedersehen in Deutschland wurde jedoch nichts. Ein Telegramm mit der Nachricht, dass Karl beim Versuch, die Donau in Richtung Jugoslawien zu durchschwimmen, erschossen worden sei, beendete die Träume der jungen Deutschen. Ihre persönliche Erfahrung mit der Flucht habe »Wunden, die niemals vernarben« hinterlassen, resümierte sie.Eine sehr persönliche Familiengeschichte las auch Kerstin Brichzin vor. In »Die Kellertür« schilderte sie die traumatischen Erlebnisse eines Mädchens während der Flucht aus Ostpreußen im Dezember des Jahres 1944.
Die Texte von Nadia Rungger sind Werner Theis schon lange bekannt. »Sie ist eine vielversprechende Autorin, ein großes Talent«, schwärmt Theis, der unter dem Pseudonym »Walther« selbst Geschichten zu Papier bringt, über die Südtirolerin. Nun nahm die 18-jährige Schülerin die weite Reise ins Ermstal auf sich und trug ihre Kurzgeschichte »Die Käsescheibe zwischen dem Blau« vor.
Der Hamburger Lukas Mende beendete die erste Leserunde mit seiner Geschichte »Grenzenlos«, anschließend war Pause und die ungefähr 50 Gäste hatten Zeit, um sich mit einer Suppe zu stärken. Anschließend folgten Katharina Glück mit »Wüste über Nacht«, Sigune Schnabel mit drei Gedichten und Anna Kontogiorgas mit »Treppenfluchten«, bevor mit Jochen Stüsser-Simpson und seinem »Hey Kafka« der letzte der Autoren seine Fluchtgeschichte präsentierte. »Flucht bewegt die Leute«, konnte »Walther« in den vergangenen Monaten feststellen – über 200 Zuschriften mit kreativen Werken sind der Beweis. Einige davon befinden sich in der aktuellen Druckfassung von »zugetxtet.com«, in der gelebte Poesie, Sprache und Kultur einen Raum finden. Fünf Seiten der Zeitschrift nimmt »Marie und Theo« ein. Autorin Anja Weiss hatte mit ihrer Story aus den 1920er Jahren den Wettbewerb »Historische Kurzgeschichten Ermstal-Alb« gewonnen, am Freitagabend trug sie ihre Arbeit dem Publikum vor.
