BAD URACH. Besser geht’s nicht: Die Buchhändlerin Sabine Hunzinger freut sich über drei ausverkaufte Veranstaltungen an ebenso vielen Abenden. »Es lief überraschend gut«, gibt sie lachend zu. »Ich wusste ja nicht, was rauskommt.« Denn es sei durchaus ein Wagnis gewesen, mitten im Juli aus Anlass ihres Geschäftsjubiläums zu einem Bücherfest einzuladen. Es hat sich gelohnt: Literatur kommt an, auch die hochsommerliche Hitze der vergangenen Tage schmälerte das Vergnügen am Thema Buch nicht. Es wurde gelacht und nachgedacht, spannend ging’s auch zu, und es konnte auch ausgiebig gestöbert werden.
Zum Auftakt gab’s einen Abend mit Finn-Ole Heinrich. Der vielfach preisgekrönte Autor lud ein zu einem Blick hinter die Kulissen des Schreibens ein und rund 30 Besucher hörten gespannt zu, wie er zu seinen Ideen kommt und sie umsetzt. Er setzte noch eines drauf und erzählte von seinen bislang schlimmsten Lesungen – das Publikum habe herzhaft gelacht, erzählt Sabine Hunzinger. Zu ihrer Beruhigung war keine Veranstaltung in Bad Urach bei dieser Aufzählung dabei.
Heinrich inszeniert Bücher
Davon gab es nämlich schon zahlreiche: Finn-Ole Heinrich fühlt sich der Buchhändlerin eng verbunden, kommt seit Jahren regelmäßig zum Vorlesen nach Bad Urach und hat sich eine Fangemeinde aufgebaut. Sabine Hunzinger wundert’s nicht: Der Autor lese nicht einfach nur vor, sondern inszeniere seine Bücher regelrecht. Vor allem schreibt er für alle Generationen, Jung wie Alt. Am Samstagmittag feierte Finn-Ole Heinrich in Bad Urach Weltpremiere seines neusten Kinderbuches »AAli muss los«.
Am Freitag war er vom Akteur zum Zuhörer geworden, als in der Schlossmühle ein Mascha Kaléko-Abend auf dem Programm stand. Etwas mehr als 100 Besucher wollten sich die Veranstaltung nicht entgehen lassen. Wer spontan kam, musste zum großen Bedauern von Sabine Hunzinger und dem Büchereiteam um Silke Schönherr abgewiesen werden. Die jüdische Dichterin Mascha Kaléko war im Berlin der ausgehenden 20er-Jahre als junge Frau im Dunstkreis der Dichter und Denker unter anderem im Romanischen Café aufgetaucht – jung, keck und nicht auf den Mund gefallen, Berlinerin eben. Sie schrieb über den Alltag der Stadt, über das Leben und die Liebeleien der kleinen Leute. Sie selbst arbeitete als Angestellte, Gedichte zu schreiben war ihre große Leidenschaft.
Kaléko flüchtete in die USA
Bald erschienen ihre Werke in den ersten Zeitungen, sie verschaffte sich Respekt bei Autoren wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky und Else Lasker-Schüler. Im Jahr 1938 emigrierte sie mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in die USA, wo sie bitterarm nie richtig ankam. Später zog sie nach Jerusalem – auch hier fehlte ihr etwas: Berlin. Dorthin kehrte sie später für Besuche zurück. Ihr Mann und ihr Sohn waren da längst verstorben. Mascha Kaléko hat nie aufgehört, Gedichte zu schreiben. Oft verfasste sie auch welche für den Sohn, liebevolle Beschreibungen der Tierwelt beispielsweise.
Auf die in Poesie verfasste Lebensreise nahm die Schauspielerin Blanche Kommerell das Publikum mit. Es war ihr anzumerken, wie nah ihr Mascha Kaléko ist. Gefühlvoll bis schelmisch trug sie die Gedichte vor, traf immer den richtigen Ton – durchaus auch mal berlinerisch. Zwischendurch gab’s Biographisches von der Dichterin, in 1907 in Galizien geboren und 1975 in Zürich gestorben. Regelrecht für Gänsehaut sorgten die Sängerin Sophia Brickwell und der Akkordeonist Dirk Rave, der Kalékos Gedichte vertont hatte. Sie sorgten für magische Momente - auch bei Blanche Kommerell, die in diesen Momenten von der Vortragenden zur ergriffenen Zuhörerin wurde.
Drei Krimiautoren
Ein Kontrastprogramm gab es am Samstag, als im Höfle mit Eva Zinßer, Christine Baral und Julian Letsche gleich drei regionale Krimiautorendes des Verlags Oertel&Spörer die Zuschauer an diesem warmen Sommerabend im Freien sitzend in ihren Bann zogen. Eng abgestimmt mit deren Texten hatte der Dettinger Mundartdichter und Liedermacher Mathias Flad seine musikalischen Beiträge, begleitet wurde er von Ekhard Bez mit dem Cajon.
Den ganzen Samstag über gab’s die Möglichkeit, tief in die Welt der Bücher einzutauchen und mit anderen bücheraffinen Menschen darüber ins Gespräch zu kommen: Beim Bücherflohmarkt, dem Bücherspeed-Dating oder einfach so, im oder vor dem Buchladen stehend. (GEA)

