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Angriff auf »Partnerstadt«: Uracher Rat spendet Sitzungsgeld

Als Reaktion auf einen russischen Drohnenangriff auf die ukrainische »Partnerstadt« Arzys hat der Uracher Gemeinderat das Sitzungsgeld der letzten Sitzung an »Ermstal hilft« gespendet. Mit 3.000 Euro lässt sich vor Orte eine große Wirkung erzielen.

Feuerwehrmänner in Stahlhelmen und Splitterschutzwesten: Ein Bild von Löscharbeiten nach einem Angriff auf ein Werkstattgebäude
Feuerwehrmänner in Stahlhelmen und Splitterschutzwesten: Ein Bild von Löscharbeiten nach einem Angriff auf ein Werkstattgebäude der Eisenbahn, bei dem 20.000 Liter Diesel in Flammen aufgingen. Foto: DSNS Odessa
Feuerwehrmänner in Stahlhelmen und Splitterschutzwesten: Ein Bild von Löscharbeiten nach einem Angriff auf ein Werkstattgebäude der Eisenbahn, bei dem 20.000 Liter Diesel in Flammen aufgingen.
Foto: DSNS Odessa

BAD URACH/ARZYS. Es war so etwas wie ein vorweihnachtliches Weihnachtsgeschenk - aus einem traurigen Anlass allerdings. Der Uracher Gemeinderat hat das Sitzungsgeld der letzten Sitzung vor dem großen Fest an »Ermstal hilft« gespendet. In Arzys, der inoffiziellen Partnerstadt von Bad Urach, Dettingen und Metzingen, wurde ein wichtiges Umspannwerk von 30 russischen Drohnen zerstört. Seither ist die Not groß. Die Bürgervertreter und -vertreterinnen haben zusammengelegt, Bürgermeister Elmar Rebmann hat was draufgelegt, im Haushalt war auch noch ein bisschen was da, sodass am Ende 3.000 Euro zusammengekommen sind.

»Die Lage ist dramatisch. Bis jetzt sind immer noch Tausende Menschen ohne Strom«

»Die Lage ist dramatisch«, sagt Martin Salzer, der zusammen mit Simon Nowotni an der Spitze von »Ermstal hilft« steht und schon unzählige Male in dem kriegsgebeutelten Land war. Das Umspannwerk ist eines der größten in der Ukraine, von dem aus weite Teile der Südukraine mit Strom versorgt werden beziehungsweise wurden. Auch die Solarmodule auf dem Acker daneben wurden zerstört. Die Folgen: »Bis jetzt sind immer noch Tausende Menschen ohne Strom«, so Salzer. Die Techniker arbeiten fieberhaft, die Aussichten sind aber trübe: »Wenn's gut läuft, ist der Strom am zweiten Weihnachtsfeiertag wieder da«, sagt Salzer.

Ein Bild von den Löscharbeiten der zerschossenen Eisenbahnstation.
Ein Bild von den Löscharbeiten der zerschossenen Eisenbahnstation. Foto: DSNS Odessa
Ein Bild von den Löscharbeiten der zerschossenen Eisenbahnstation.
Foto: DSNS Odessa

Weil viele Häuser in der Region mit Strom beheizt werden, frieren die Menschen jetzt - draußen hat's Temperaturen um den Gefrierpunkt. Auch die Trinkwasserversorgung ist auf elektrische Energie angewiesen - mit der Folge, dass seit dem Angriff kein sauberes Wasser mehr aus den Leitungen kommt. Wer einen Generator hat, wirft ihn an, um wenigstens Strom für das Nötigste zu haben. Dass es deshalb jetzt an vielen Stellen nach Abgasen stinkt, ist das kleinste Problem. »Das sind Zustände ... zum Heulen«, sagt Martin Salzer.

Ein paar Lichtblicke gibt es auch im Krieg: Bürgermeister Serhii Parpulanskyi, der auch schon in Metzingen und Reutlingen war, hat in der Stadt für die notleidenden Menschen Wärmezelte aufstellen lassen. »Was Serhii macht, ist unglaublich, er macht das Beste aus der Situation«, sagt Martin Salzer, »in den Lichtzelten gibt es auch frisches Wasser - ein Segen.«

»Das sind Zustände ... zum Heulen«
Serhii Parpulanskyi, der Bürgermeister von Arzys, hat in seiner Stadt Wärmezelte für die notleidende Bevölkerung aufstellen lass
Serhii Parpulanskyi, der Bürgermeister von Arzys, hat in seiner Stadt Wärmezelte für die notleidende Bevölkerung aufstellen lassen. »Ein Abend in Arzys ... mit Hass auf das Nachbarland« hat er das Bild in Facebook beschrieben. Foto: Privat
Serhii Parpulanskyi, der Bürgermeister von Arzys, hat in seiner Stadt Wärmezelte für die notleidende Bevölkerung aufstellen lassen. »Ein Abend in Arzys ... mit Hass auf das Nachbarland« hat er das Bild in Facebook beschrieben.
Foto: Privat

Auswirkungen hat der großflächige Stromausfall auch auf den Schulunterricht. Nach Kriegsbeginn stellten Schulen und Universitäten schnell auf Fernunterricht um - die Ukraine ist Deutschland in Sachen Digitalisierung um Längen voraus. Wer nicht in die Schul-Bunker konnte, sah die Lehrer in einem anderen Bunker auf dem Bildschirm. »Weil das gerade nicht mehr geht, wurden die Schulstunden von einem Dreiviertelstunden- auf einen Halbstundentakt verkürzt, um mehr Schüler unterrichten zu können«, sagt Martin Salzer, der im normalen Leben die Georg-Goldstein-Schule leitet.

Serhii Parpulanskyi (Mitte) ist der Bürgermeister von Arzys. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Moderator Rainer Knauer und Dolmets
Serhii Parpulanskyi (Mitte) ist der Bürgermeister von Arzys. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Moderator Rainer Knauer und Dolmetscherin Natalia Petrenko bei den Familienunternehmern auf der Achalm in Reutlingen. Foto: Frank Pieth
Serhii Parpulanskyi (Mitte) ist der Bürgermeister von Arzys. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Moderator Rainer Knauer und Dolmetscherin Natalia Petrenko bei den Familienunternehmern auf der Achalm in Reutlingen.
Foto: Frank Pieth

»Was Bad Urach jetzt gemacht hat, ist großartig«, sagt Martin Salzer zu den 3.000 Euro aus der Weihnachtssitzung, »das hat die Menschen in Arzys unglaublich gefreut.« Nicht nur, weil es ein Zeichen der Solidarität ist, sondern weil man damit vor Ort auch was kaufen kann. Notstromaggregate und Treibstoff zum Beispiel. Das Geld wird bald vor Ort sein: Simon Nowotni, der zweite Kopf von »Ermstal hilft«, fährt am 23. Dezember wieder in die Südukraine. Mit einem Mercedes-Vito, den die Gemeinde Römerstein gespendet hat. Bei den Vorbereitungen an der Seite von Bürgermeisterin Anja Sauer stand der Buchbindermeister und Restaurator Matthias Raum, der ebenfalls bei »Ermstal hilft« aktiv ist.

Bei der Übergabe des Römersteiner Mercedes-Vito an »Ermstal hilft«. Im Bild (von links) Martin Salzer, Bürgermeisterin Anja Saue
Bei der Übergabe des Römersteiner Mercedes-Vito an »Ermstal hilft«. Im Bild (von links) Martin Salzer, Bürgermeisterin Anja Sauer, Marcel Schweizer, der technische Leiter des Bauhofs, Matthias Raum und Simon Nowotni. Foto: Gemeinde Römerstein
Bei der Übergabe des Römersteiner Mercedes-Vito an »Ermstal hilft«. Im Bild (von links) Martin Salzer, Bürgermeisterin Anja Sauer, Marcel Schweizer, der technische Leiter des Bauhofs, Matthias Raum und Simon Nowotni.
Foto: Gemeinde Römerstein
»Nach dem Angriff auf die Trafostation dachte ich, dass es nicht schlimmer kommen kann«

Das Auto war erst bei der Römersteiner Feuerwehr im Einsatz, dann beim Bauhof, schließlich wurde es von »Ermstal hilft« mit Spendengeldern aufgemöbelt. Simon Nowotni bringt mit dem Auto Feuerwehr-Ausrüstung und medizinische Hilfsgüter nach Arzys. Vor Ort wird mit dem Vito Brot ausgefahren. Brot, das in der mobilen Bäckerei gebacken wird, die die Helfer aus dem Ermstal im Oktober auf einem Tieflader in die Ukraine geschafft haben. Unter der Koordination von Bäckermeister Michael Winter (Metzingen-Neuhausen) wurde die mobile Bäckerei, die zuvor von der Schweizer Armee genutzt wurde, für den Einsatz in der Ukraine bereitgestellt. Die rollende Backstation ist hoch effizient und ermöglicht es, auch in Krisengebieten große Mengen Brot auf kleinem Raum zu backen.

Ende Oktober verfrachtete Ermstal hilft eine mobile Bäckerei, die zuvor von der Schweizer Armee genutzt wurde, in die Ukraine. D
Ende Oktober verfrachtete Ermstal hilft eine mobile Bäckerei, die zuvor von der Schweizer Armee genutzt wurde, in die Ukraine. Das Brot, das hier gebacken wird, wird künftig mit einem gespendeten Mercedes-Vito der Gemeinde Römerstein in umliegende Dörfer ausgefahren. Foto: Ermstal hilft
Ende Oktober verfrachtete Ermstal hilft eine mobile Bäckerei, die zuvor von der Schweizer Armee genutzt wurde, in die Ukraine. Das Brot, das hier gebacken wird, wird künftig mit einem gespendeten Mercedes-Vito der Gemeinde Römerstein in umliegende Dörfer ausgefahren.
Foto: Ermstal hilft

Das kleine Weihnachtswunder aus dem Ermstal hat kein Happy End: Wie Martin Salzer dem GEA am Telefon berichtete, wurde am Donnerstag diesem Tag eine zentrale Brücke zwischen Arzys und Odessa mit Drohnen und Raketen zerschossen. »Wir sind da sicher schon vierzig Mal drübergefahren«, sagt er traurig, »das ist eine ganz, ganz wichtige Verbindung.« Nicht nur traurig, sondern verzweifelt sind die Menschen vor Ort. »Sie haben uns vorher heulend angerufen«, sagt Salzer, »nach dem Angriff auf die Trafostation dachte ich, dass es nicht schlimmer kommen kann.« Viele sind von der medizinischen Versorgung abgeschnitten. »Hubschrauber für Krankentransporte gibt es da nicht«, sagt Salzer, »die Zerstörung der Brücke wird weitere Menschenleben kosten.«

»Es ist nur ein ganz kleines Rad, das wir drehen, aber die Hilfe kommt dort an, wo sie gebraucht wird«

Noch nicht vergessen ist der Angriff vor zwei Wochen. Da ließ Putin ein Werkstattgebäude der Eisenbahn angreifen. Zwanzigtausend Liter Diesel gingen in Flammen auf. Treibstoff, der dringend benötig wird. »Als diese Nachricht kam, war ein LKW von uns kurz davor, rüberzufahren«, sagt Martin Salzer, »weil sich die Feuerwehren aus dem Ermstal erneut solidarisch gezeigt haben, konnten wir schnell noch 25 Schläuche mitschicken - das ist ganz stark.«

Martin Salzer (links) und Simon Nowotni sind die Köpfe von »Ermstal hilft«. Beide sind Feuerwehrleute und Gemeinderäte in ihrer
Martin Salzer (links) und Simon Nowotni sind die Köpfe von »Ermstal hilft«. Beide sind Feuerwehrleute und Gemeinderäte in ihrer Heimatgemeinde Dettingen. Foto: Privat
Martin Salzer (links) und Simon Nowotni sind die Köpfe von »Ermstal hilft«. Beide sind Feuerwehrleute und Gemeinderäte in ihrer Heimatgemeinde Dettingen.
Foto: Privat

Ob es 25 Feuerwehrschläuche sind, ein neues-altes Auto oder 3.000 Euro aus einer Weihnachtssitzung: »Das sind wunderbare Zeichen der Solidarität, die nicht nur moralisch guttun«, betont Martin Salzer. »Es ist nur ein ganz kleines Rad, das wir drehen«, sagt er, »aber die Hilfe kommt dort an, wo sie gebraucht wird.« Die Hilfsorganisation, die von Metzingen, Dettingen und Bad Urach unterstützt wird, sucht weiter dringend Spenden, um dem kriegsgebeutelten Land zu helfen. (GEA)

www.ermstal-hilft.de