BAD URACH-HENGEN. Seit Wochen beschäftigt die Bad Uracher nur ein Thema. Nein. Gemeint sind weder der Schäferlauf noch die Landesgartenschau. Die geplante Amazon-Ansiedlung in Hengen treibt vor allem die Gegner um. Am Dienstagabend stellte die Verwaltung im Technischen Ausschuss deshalb noch einmal das Bauprojekt vor und ging auf das Verkehrsgutachten ein. Extra waren man in das Haus des Gastes ausgewichen, um dem eventuellen Bürgeransturm Herr zu werden. Doch der blieb aus, Plätze blieben leer. Auch die anschließende Fragerunde entbehrte – wider Erwarten – jeder Emotion und nur fünf Bürger meldeten sich zu Wort.
Gleich drei Vertreter hatte Amazon ins Rennen geschickt, um Auskunft über das Verteilzentrum zu geben, das wie Bürgermeister Elmar Rebmann sagte, derzeit in aller Munde ist. Tim Wilhelm, Fachbereichsleiter Technik betonte noch einmal, dass mit den Bauwünschen von Amazon umgegangen worden sei, wie mit jedem anderen. Amazon plane ein Logistikzentrum mit zwei Hauptgebäuden mit einem Sozial- und Verwaltungsbereich, einem Van-Parkhaus mit fünf Decks und Platz für 548 Fahrzeugen, einem Sprinklertank, Fahrrad- und Pausenunterständen mit Autoparkplätzen, Van-Wartebereichen und -ladebereichen. Weder bei Breite, Länge oder Höhe der Gebäude würden die zulässigen Grenzwerte überschritten. »20 Meter Höhe sind bei Gewerbegebäuden heute Standard, das Parkhaus ist nur 16 Meter, die Halle nur 13 Meter hoch«, sagte Rebmann.
»20 Meter Höhe sind bei Gewerbegebäuden heute Standard«
Björn Siebert, Entwicklungsmanager bei Amazon, beschrieb zunächst nochmals die Abläufe bei dem Online-Riesen im Verteilzentrum der sogenannten letzten Meile, von der aus es direkt zum Kunden geht. Rund 120 Mitarbeiter – sowohl in Vollzeit, als auch in Teilzeit – sollen auf 8.000 Quadratemetern dort Arbeit finden. Rund 200 Touren sollen mit E-Vans oder Kleintransportern bis 3,5 Tonnen in Hengen starten und die Region beliefern. Bei der Verkehrsplanung seien alle Szenarien durchgespielt worden, um auf jeden Fall keine Überfrachtung der Verkehrswege hervorzurufen. Die immer wieder genannten 4.700 Fahrzeugbewegungen seien das theoretische Maximum – hochgerechnet auf einen Zeitraum von bis zu 15 Jahren.
»Wir gehen von sehr hohen Werte aus, die in der Realität so nicht erreicht würden«, sagt Pressesprecher Steffen Adler. Hinzu komme, dass die anliefernden Lastwagen und die kleineren Transporter für die Auslieferung zu anderen Zeiten das Verteilzentrum in Hengen ansteuerten und von dort abfahren würden, als das Gros der Einwohner unterwegs sei. »Unsere Transporter zur Auslieferung ab 10.30 Uhr bis etwa 13 Uhr, und auch nicht alle zur gleichen Zeit, sondern alle 20 Minuten in kleinen Gruppen«, sagt Adler. Amazon gehe bei den Planungen zudem vom »schlimmsten Fall« aus, nämlich dass alle Mitarbeiter mit dem eigenen Auto kommen.
»Wir gehen von sehr hohen Werte aus, die in der Realität so nicht erreicht würde«
»Um dies zu verhindern, bezahlen wir das Deutschlandticket«, so Adler. Bürgermeister Rebmann ergänzte, dass es eine Bushaltestelle im Gewerbegebiet Rübteile II geben werde. Er widersprach zudem Kritikern, die dem Gemeinderat vorwarfen, nie bei Amazon gewesen zu sein. »Wir haben uns das etwas kleinere Verteilzentrum in Sindelfingen und das größere in Meßkirch angeschaut«, betonte der Schultes. In Meßkirch habe er erfahren, dass allein am Tag des Besuchs 233 Pakete nach Bad Urach und 650 in die Region unterwegs waren. Für Amazon, so Steffen Adler, mache es keinen Sinn, diese Verteilzentren zu vergrößern. Es sei viel sinnvoller, dazwischen ein neues zu bauen und so die Auslieferungsstrecken zu verkürzen.
Gemeinderat Martin Lorenz (SPD) wollte wissen, wie es der Versandhändler mit einem Betriebsrat halte: »Den wird es geben, wenn die Mitarbeiter einen bilden. Wir bezahlen auch 8.000 Euro für Weiterbildung und der Stundenlohn für einen ungelernten Mitarbeiter liegt bei 15 Euro«. Zur Gewerbesteuer, die Bad Urach zu erwarten habe, äußerte sich Jörg Siebert (Amazon) nicht. Insgesamt habe der Konzern in Deutschland 2023 5,3 Milliarden Euro Steuern bezahlt und bisher 77 Milliarden hierzulande investiert.
In der Fragerunde spielten mögliche Brandszenarien eine Rolle, da Amazon plant bis 2040 nur noch mit E-Fahrzeugen die Kunden klimaneutral zu beliefern. Gestartet wird aber zunächst mit Dieselfahrzeugen. Bürgermeister Rebmann versicherte, dass es eine klare, zwischen Feuerwehr und Landratsamt abgestimmte Brandschutzkonzeption geben werde. Bei einem Brand im Logistikzentrum bestätigte Tobias Amann (Bauleiter Amazon), dass möglicherweise kontaminiertes Löschwasser aufgefangen werde.
Wie es mit den Aufenthaltsräumen für die externen Fahrer aussähe, die von Subunternehmen kommen und in Hengen die beladenen Vans abholen, wollte eine Hengenerin wissen. »Wir haben genügend Räume für externe und interne Mitarbeiter« so Amann.
Bürgermeister Rebmann bedankte sich abschließend für die demokratische Auseinandersetzung und drückte den Wunsch aus, dass dies so bleiben wird. Im Hinterkopf hatte er dabei sicher das Bürgerbegehren gegen eine Amazon-Ansiedlung, für das die Gegner bereits fleißig Stimmen sammeln. (GEA)

