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Amazon-Zoff in Hengen: Maß und Ziel verloren

Der Kampf des Hengener Bürgerforums gegen die Pläne von Amazon hat sich radikalisiert. Wer dabei grundlegende Regeln wie Ehrlichkeit und Anstand derart konsequent mit Füßen tritt, schafft den Boden für Menschen, die – völlig enthemmt – Tabus brechen wie jetzt mit dem anonymen Drohschreiben geschehen, findet GEA-Redakteur Andreas Fink.

Der Ton verschärft sich in Hengen. Das Bürgerforum kämpft immer radikaler gegen die Pläne der Stadt, hier ein Verteilzentrum zu
Der Ton verschärft sich in Hengen. Das Bürgerforum kämpft immer radikaler gegen die Pläne der Stadt, hier ein Verteilzentrum zu genehmigen. Foto: Andreas Fink
Der Ton verschärft sich in Hengen. Das Bürgerforum kämpft immer radikaler gegen die Pläne der Stadt, hier ein Verteilzentrum zu genehmigen.
Foto: Andreas Fink

BAD URACH. Das anonyme Drohschreiben macht sprachlos. Es ist einfach nur unsäglich, wie Elmar Rebmann immer wieder sagt. Der Uracher Bürgermeister hat klug gehandelt, dass er es nicht sofort dem Bürgerforum in die Schuhe schiebt. Es spricht zwar einiges dafür, dass der Verfasser aus diesem Dunstkreis stammt. Das wäre aber zu bequem gewesen, und der Bürgermeister hätte die Stimmung noch mehr angeheizt. Weil es auch ein Trittbrettfahrer hätte sein können, der die Amazon-Hysterie nutzen will, einem Menschen, den er hasst, Angst zu machen. Ein ganz ungutes Gefühl bleibt aber. Denn: Die Drohung hing an einem Auto »einer am Verfahren beteiligten Person«, wie sich der Verwaltungs-Chef diplomatisch ausdrückt.

Das Bürgerforum hat sich zunehmend radikalisiert. Erst vor einer Woche hat es mit der Verteilung von anonymen Flugblättern, in denen gegen den Gemeinderat im Allgemeinen gehetzt und die Seeburger Gemeinderätin Uthe Scheckel im Speziellen Stimmung gemacht wurde, eine rote Linie überschritten. Und: Die Gruppe hat von Anfang an mit Fake News gearbeitet. Der inoffizielle Kopf Hermann Kiefer hatte schon beim ersten Infotreffen im August 2024 alternative Fakten in die Welt gesetzt.

Dann die Flugblätter: Auf GEA-Nachfrage räumte er ein, dass sie vom Bürgerforum stammten. Sehr fadenscheinig die Aussage, dass es vielleicht »blöd« war, sie anonym unters Volk zu bringen und dass er sich vorstellen könne, dass »man« den Namen der Seeburger Rätin nur genannt habe, um eine Ansprechpartnerin zu nennen. Der Gipfel dann der Auftritt von Anneliese Lieb im Gemeinderat.

Die gebürtige Hengenerin, die 25 Jahre lang an der Spitze der Redaktion der Nürtinger Zeitung stand, hat schon unzählige Gemeinderatssitzungen erlebt und weiß deshalb ganz genau, was man hier darf und was nicht. Dass sie hier also als Nicht-Uracherin nichts sagen darf und sie vor allem nicht während der Sitzung ins Gremium spazieren darf, um mit einer Rätin zu sprechen. Bürgermeister Rebmann hatte die Fassung bewahrt und sie nur scharf zurechtgewiesen. Ein anderer hätte sie sofort vor die Tür gesetzt.

Wer grundlegende Regeln wie Ehrlichkeit und Anstand derart konsequent mit Füßen tritt, schafft den Boden für Menschen, die – völlig enthemmt – Tabus brechen wie jetzt mit dem anonymen Drohschreiben geschehen. Der Kampf mit den anonymen Flugblättern war schon schmutzig, jetzt wird's kriminell.

In welchen Tunnel sich das Hengener Bürgerforum inzwischen manövriert hat, hat am Dienstag auch die Tatsache gezeigt, dass die meisten den Saal verlassen haben, nachdem das Thema Amazon durch war. Auf der Tagesordnung stand noch der Baubeschluss für das Alte Schulhaus, das zu einem Dorfgemeinschaftshaus umgebaut wird. Ein jahrzehntelanger Wunsch aus Hengen, den die Stadt Bad Urach jetzt für 3,6 Millionen Euro wahr werden lässt. Das war den Kämpfern für ihre Heimat offensichtlich egal. Ganz schön eindimensional, ganz schön schade.